Die Klasse 2c der Sekundarschule in Rorschach am Bodensee. 22 Mädchen unterschrieben den Brief, der an die Regierung in Bern ging. © Privat

Die Mädchen waren 14 oder 15 Jahre alt. Ganz normale Schülerinnen, sagt eine von ihnen, Rosmarie de Lucca, Tochter eines Eisenbahners und heute 86 Jahre alt. Die Mädchen lebten in Rorschach, einer kleinen Industriestadt am Schweizer Ufer des Bodensees, wo sie zusammen die Sekundarschule besuchten – und ohne zuvor irgendjemand zu fragen, schickten sie am 7. September 1942 einen geharnischten Brief an die Regierung in Bern.

"Sehr geehrte Herren Bundesräte!", schrieben die Mädchen. "Wir können es nicht unterlassen, Ihnen mitzuteilen, dass wir in den Schulen aufs höchste empört sind, dass man die Flüchtlinge so herzlos wieder in das Elend zurückstösst."

Der Krieg ging in jenen Tagen ins vierte Jahr. Die Wehrmacht stand am Nordkap, in Tobruk und Stalingrad. Japanische Invasionstruppen näherten sich Australien. Seit Sommer 1940 war die Schweiz von den Achsenmächten fast vollständig eingeschlossen, und neuerdings kamen aus den besetzten Ländern schreckliche, völlig unvorstellbare Berichte: In Frankreich, Belgien, den Niederlanden werde die jüdische Bevölkerung zusammengetrieben, in Viehwagen gesperrt, in den Osten deportiert. Wer einmal fort sei, kehre nie mehr zurück. Irgendwo im besetzten Polen, hieß es, fänden alle den Tod.

Die Friedensinsel Schweiz verweigert das Asyl

"Hat man eigentlich ganz vergessen", schrieben die Rorschacher Schülerinnen nach Bern, "was Jesus gesagt hat: ›Was ihr einem der Geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan.‹ Wir hätten uns nie träumen lassen, dass die Schweiz, diese Friedensinsel, die barmherzig sein will, diese zitternden, frierenden Jammergestalten wie Tiere über die Grenze wirft!"

Von den Deportationen wusste man in Rorschach genug. Die Lokalzeitung berichtete fast täglich. Zwar verbot die Armeezensur jede "neutralitätswidrige Berichterstattung", und vor allem die Redaktoren sozialistischer Blätter wurden nach kritischen Artikeln über die deutsche Politik schnell mit Verwarnung, Beschlagnahme, Vorzensur, gar mit Haft bedroht. Das in Rorschach erscheinende Ostschweizerische Tagblatt war jedoch fest in bürgerlicher Hand. Es gehörte dem einflussreichen Politiker Ernst Löpfe-Benz. Als freisinniger Ständerat vertrat er den Kanton St. Gallen in Bern, als Druckereibesitzer verlegte er zudem den 1875 gegründeten (und noch heute existierenden) Nebelspalter, ein Satireblatt, das wegen seiner nazifeindlichen Haltung im Reich längst verboten war.

Im Spätsommer 1942 druckte das Tagblatt schonungslose Berichte über das Schicksal der Juden. "Es lässt sich klar erkennen, dass die physische Ausrottung der Juden auf die abscheulichste Weise durchgeführt werden soll", hieß es am 21. August in einem Leitartikel. "Während dem die arischen Deportierten aus den besetzten Ländern Europas tatsächlich zu Arbeitsleistungen herangezogen werden, besteht für die Verschickten jüdischer Rasse kaum Hoffnung, das Leben retten zu können."

Schon nach dem "Anschluss" Österreichs flohen Juden in die Schweiz

Als Folge der Razzien und Abtransporte war seit Juli 1942 eine neue Massenflucht im Gange. Wie schon 1938 nach Österreichs "Anschluss" ans Deutsche Reich versuchten viele Tausend Jüdinnen und Juden, in die Schweiz zu gelangen. Der Bundesrat hatte allerdings 1938 die Grenzen für ausländische Juden geschlossen, und die Sperre war nie aufgehoben worden. Waren die Flüchtlinge damals über den Rhein und die Vorarlberger Alpen gekommen, so flohen sie jetzt durch den Jura, über den Genfer See, die Savoyer Berge. Oft schlichen sie mithilfe von Schmugglern über die Grenze, organisiert von jüdischen Gruppen, die Fluchtrouten von Brüssel bis nach Bern aufbauten, oder mithilfe von protestantischen Organisationen und Rotkreuzhelferinnen aus Südfrankreich, die jüdische Kinder versteckten und sogar eigene Schlepper mit fixem Gehalt bezahlten.

Zu den Flüchtlingen, die in jenen Tagen die Schweiz erreichten, gehörten der Schriftsteller Manès Sperber und der Startenor Joseph Schmidt. Der Publizist Robert Jungk erzählt in seinen Memoiren, wie schwierig es im August 1942 war, von Genf aus einen Schlepper für seine alte Mutter in Frankreich zu organisieren – und wie es ihm gelang.

"Haben nicht alle diese Menschen noch die ganze Hoffnung auf unser Land gelegt", schrieben die Mädchen am 7. September an die Bundesräte, "und was für eine grausame, schreckliche Enttäuschung muss es sein, wieder zurückgestossen zu werden, von wo sie gekommen sind, um dort dem sichern Tod entgegenzugehen."

Auch die Berner Regierung wusste über die Vernichtung der Juden gut Bescheid. Ende Juli waren erste Angaben zur bevorstehenden "Endlösung" in die Schweiz gelangt. Der Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Genf, Gerhart Riegner, schickte am 8. August ein Telegramm in die USA mit Hinweisen auf die geplante Vernichtung von dreieinhalb bis vier Millionen Juden "mit einem Schlag". Es sei von Blausäure die Rede, schrieb Riegner. Schon im Juni hatte ein Schweizer Diplomat die Vergasung eines ganzen Transports jüdischer Greise gemeldet. Die Dossiers der Berner Behörden belegen, dass sich niemand Illusionen machte.