Ein Porträt von Ada Lovelace zeigt die Programmier-Pionierin etwa um 1840. © Hulton Archive/Getty Images

Algorithmen, so kommt es mir manchmal vor, haben die Herrschaft über uns übernommen. Ob wir online shoppen, daten, jede Lebensregung – alles ist Mathematik. Algorithmen entscheiden, welche Ergebnisse wir bei Google zu sehen bekommen, sie steuern unser Denken. Algorithmen legen fest, wie hoch Mitgliedsbeiträge von Online-Partnerschaftsbörsen sind und wer dort wem vorgestellt wird. Algorithmen entschlüsseln sogar das menschliche Erbgut. Algorithmen bestimmen, in Hochfrequenz, den Aktienhandel. Sie ermitteln anhand von Datenspuren einzelner Menschen, wer eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen soll. Aber wir kennen die Algorithmen meistens nicht, die uns sagen, wer wir sind. Sie kennen uns.

Ein Algorithmus ist eine Handlungsanweisung. So wie ein Rezept. Aus der Analyse bereits gesammelter Daten kann ein Algorithmus mögliches Verhalten berechnen: Welche Bücher wird der Kunde als Nächstes kaufen? Welchen YouTube-Clip als Nächstes sehen? Wie wird das Wetter morgen? Dass man mit Algorithmen viel mehr anstellen kann als einfache Berechnungen, hat als Erstes eine Frau verstanden: Ada Lovelace. Auch die komplexen Algorithmen unserer Gegenwart hätte sie gewiss entschlüsselt. Denn 1843 schrieb Ada Lovelace den allerersten Algorithmus, den man heute als rudimentäres Computerprogramm bezeichnen würde. Sie wird deshalb als erste Programmiererin und Computerpionierin bezeichnet. Ihr Porträt hängt in den Fluren von vielen Informatikinstituten.

Geboren wird sie zum Ausgang der englischen Romantik. Sie ist die Tochter eines sehr bekannten Dichters und einer der wichtigsten gesellschaftlichen Figuren seiner Zeit: Lord Byron. Sie erlebt mit, wie Arbeitsprozesse sich verändern, wie die Arbeit in einzelne Schritte zergliedert und in Fabriken verlagert wird. Sie sieht von Dampf angetriebene Maschinen, fährt mit der Eisenbahn durch England. Sie lebt in London, dem Zentrum der sich industrialisierenden Welt. Hier wird alles Technische erdacht, entworfen, erbaut.

Ada Augusta Byron, wie sie bei ihrer Geburt heißt, erfährt in den aufgeklärten Salons der Oberschicht, dass die Welt nicht in sechs Tagen entstanden ist, sondern Millionen Jahre dazu brauchte. Sie erfährt, dass der Mensch nicht von Gott erschaffen ist, sondern vom Tier abstammt – es sind unglaubliche Dinge, die Forscher der jungen Aristokratin vortragen, kaum dass sie von ihren Expeditionen aus aller Welt zurückgekehrt sind.

Adas Begehren trifft mit aller Wucht den Hauslehrer

Die Mutter erzieht Ada Lovelace, wie man sie heute nennt, zur Wissenschaftlerin. Die Eltern trennen sich, als Ada einen Monat alt ist. Ihr Vater ist sehr romantisch und andauernd schwärmerisch verliebt, unter anderem in seine eigene Schwester. Die englische Klatschpresse, schon damals sehr agil, veröffentlicht freudig immer neue Skandalgeschichten über die Trennung von Adas Eltern. Ihre Mutter lässt den Vater sogar für geisteskrank erklären, und der Lord der Romantik flüchtet sich in Reiseabenteuer, von denen er nie mehr zurückkehrt. Da verhängt die Mutter das Porträt des Vaters und verbietet Ada, seine Bücher zu lesen. Sie verordnet ihr Entziehungskuren von der Droge der Romantik: Strenger Unterricht soll Heilung von vernebelten Gedanken bringen, Naturwissenschaften und Mathematik sollen die erregbare Tochter beruhigen. Überwachung soll sie disziplinieren. Um ihre Tochter herum installiert die Mutter ein Kontrollsystem von Vertrauten. Ada nennt sie "Furien".

Sie plant Ausbrüche, und ausgerechnet die verordneten Wissenschaften sollen ihr dabei helfen. Mit zwölf Jahren, einem Alter, in dem Mädchen heute Germany’s Next Topmodel werden wollen, baut Ada sich nach dem Modell einer toten Krähe Flügel. Wie Ikarus will sie ihrem eingesperrten Dasein entschweben. Den Antrieb des Fluggeräts soll eine Dampfmaschine besorgen. Der Geist des Teenagers erhebt sich auf Schwingen ins 20. Jahrhundert, aber die Technik bleibt am Boden. Das Ding fliegt nicht.

Ohne Flugmaschine wird ihr der Körper zum Gefängnis. Ada bekommt Lähmungen. Jahrelang liegt sie im Bett. Als sie wieder gehen kann, ist sie schon eine junge Frau, 16 Jahre alt, deren erwachendes Begehren mit aller Wucht den Hauslehrer trifft. Nächtliche Treffen, erste Liebe unter Bäumen. Der Versuch, miteinander durchzubrennen, fliegt natürlich auf. Umso stärker will Lady Byron ihrer Tochter nun die Leidenschaft, Erbe des Vaters, austreiben. Dass eine Frau Lust bei der Liebe hat und das auch noch zugibt, muss vor der Gesellschaft vertuscht werden.