Die Tage des Abschieds waren schon angebrochen. Aber das wusste ich noch nicht, als ich drei Monate nach unserem letzten Treffen endlich mein Versprechen einlöste und deine Handynummer wählte. Hinterher neigt man ja manchmal dazu, sich einzubilden, dass alles hätte anders kommen können – hätte man nur irgendetwas anders gemacht. Doch erstens ist dieser Gedanke völlig vermessen, und zweitens hilft einem das auch nicht weiter.

Ich hatte immer befürchtet, dass etwas passieren könnte; aber als es dann schließlich passierte, ahnte ich nichts. Ich wählte deine Nummer, und du nahmst nicht ab.

Ich wählte ein zweites Mal. Und dachte an diesen rapsgelben Sommernachmittag im vergangenen Jahr, 16 Uhr, wir waren verabredet, eine Seitenstraße im vergessenen Westberlin. Ich stand vor deiner Wohnungstür und klingelte.

Ich wusste, dass es immer eine Weile dauerte, bis du dich aus deinem Sessel gequält und zur Tür gehangelt hattest, in zögernden, Halt suchenden Schritten. Aber so lange hatte es noch nie gedauert. Ich klopfte gegen die Tür. Rief deinen Namen. Klingelte bei den Nachbarn.

Wissen Sie, wo Frau Renk ist?

"Keine Ahnung, nicht gesehen, ist die nicht zu Hause?"

Keiner wusste etwas – außer dem Concierge: "Die ist doch im Urlaub, an der Ostsee. Hat sie Ihnen das nicht erzählt?"

Nein, hatte sie nicht. Hatte sie vergessen. Zum ersten Mal.

Ich wählte deine Nummer ein drittes Mal.

Dann, endlich, hob jemand ab. Eine brüchige, fast tonlose Stimme, die so klang, als habe sie tagelang geschwiegen. "Ja?"

"Alice? Bist du’s?"

"Ja."

"Wo bist du?"

"Im Krankenhaus."

Ich stieg ins Auto und fuhr los. Es war einer dieser nebelgrauen Wintertage mitten im März – Nieselregen und ein Betonhimmel, der so tief hing, dass man glaubte, ihn berühren zu können, wenn man die Hand nach ihm ausstreckte. Wir hatten uns seit drei Monaten nicht mehr gesehen. Oder, na ja: Ich hatte mich seit drei Monaten nicht gemeldet. So war es ja immer gewesen, eine stille Vereinbarung – ich meldete mich, besorgte Karten, wir gingen ins Theater, in eine Ausstellung, du zeigtest mir die Oper. Ich besuchte dich, nicht andersherum. Fremde Welten, wie zwei Kreise, die sich nur an einem Punkt berühren. Bei mir zu Hause warst du nie.

Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du Lust hättest, in die Oper zu gehen, in zwei Wochen würden sie Tristan und Isolde geben, dein Lieblingswerk. Deshalb hatte ich angerufen. Woher sollte ich wissen, dass wir nie wieder in die Oper gehen würden?

Diese Geschichte ist die Geschichte einer Freundschaft. Die Geschichte eines Abschieds. Und auch eine Geschichte davon, wie man seine Würde bewahrt in einer würdelosen Welt.

"Bin doch bald nicht mehr da. Bin weg. Was denkst du denn, wie lange ich hier noch rumsitze? Nein, 80 ist genug, wirklich, ist keine Blödelei, ist ernst gesprochen. Du kannst dir keine Erinnerung mehr schaffen, das ist vorbei. Ich bin auf der letzten Etappe. Danach kommt nichts mehr. Von nun an geht’s bergab. Und das ohne Illusionen. Das ist so. Überleg doch mal, mit 80. Was willste da noch machen? Was aufbauen? Ist doch Quatsch! Bleib immer Realist!"

Du bewegtest dich nicht einen Millimeter, als ich ins Zimmer trat. Wenckebach-Klinikum, Berlin-Tempelhof, Station für Innere Medizin und Geriatrie. Du saßest einfach nur da, im Krankenhausleibchen, zusammengesunken, kauernd auf dem äußersten Rand der Bettkante, als könntest du jeden Moment zur Seite kippen. Die Augen geschlossen, schwer atmend, Schläuche in der Nase. Ich gab dir einen Kuss auf die Wange, stellte die Blumen auf den Nachttisch, öffnete die Vorhänge, das Zimmer war still und dunkel und fremd. Draußen vor dem Fenster ein Baum, der noch keine Blätter trug.

Das Zimmer war überheizt, aber du frorst. Ich solle dir eine Decke über die Schultern legen und dir den Rücken streicheln, sagtest du, und eigentlich war es mehr ein Flüstern. Deine rechte Hand war angeschwollen, deine beiden Füße waren ganz dick, unter deinen Augen Tränensäcke wie riesige Blutblasen.