Anke Domscheit-Berg © Caroline Seidel/dpa

Anke Domscheit-Berg wohnt in einer weißen Villa in Fürstenberg/Havel, im Norden Brandenburgs. Bis 1993 hat hier der russische Kommandant gewohnt, nun trifft sich im Haus regelmäßig die Strickgruppe des Ortes. Domscheit-Berg strickt gerne, nur was sie sonst tut, das wusste lange kaum einer. "Es ist schön, dass uns hier anfangs keiner kannte. Wir mögen missionarisch sein, selbstdarstellerisch sind wir nicht", sagt die 45-Jährige. Wir, damit meint sie sich, die Politikerin der Piratenpartei, und ihren Mann Daniel, berühmt geworden als Mitstreiter der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Nun hat Domscheit-Berg ein Buch geschrieben – über ihr Leben in der DDR, ihr Engagement für Frauen und ihre Vision einer transparenteren Gesellschaft. Für das Interview kramt sie eine Kiste hervor, die normalerweise sicher im Haus versteckt ist, damit sie nicht abhanden kommt. "Meine Ostkiste", sagt Domscheit-Berg. Darin: Tagebücher, Bilder vom Studium im Erzgebirge, ihre Stasiakte.

DIE ZEIT: Frau Domscheit-Berg, ist Ihr Buch eine Biografie geworden – oder ein Manifest?

Anke Domscheit-Berg: Ich schreibe zwar über Geschichten aus meinem Leben, vor allem aber ist es ein Manifest. Ich möchte die Welt verändern – und ich möchte, dass andere dabei mitmachen. Schließlich bin ich Feministin und Piratin geworden, auch und gerade weil ich in der DDR aufgewachsen bin, weil ich dort die wichtigste Botschaft meines Lebens gelernt habe.

ZEIT: Welche ist das?

Domscheit-Berg: Ich habe gelernt, dass Veränderungen möglich sind, auch wenn es überhaupt nicht danach aussieht. Mir kann nie wieder einer erzählen, dass irgendetwas nicht gehe. Wenn diese Mauer 1989 fallen konnte, kann im Prinzip alles gelingen. Man muss nur dafür kämpfen. Der Mauerfall ist die endlose Energiequelle, die mich immer antreiben wird.

ZEIT: Ist Ihr Buch eines für Ostdeutsche?

Domscheit-Berg: Nicht nur, den Mauerfall haben ja Menschen in Ost und West erlebt. Ich will den Deutschen Mut machen, auch den Ostdeutschen. Wir haben in der DDR so viel erlebt, so viel durchgestanden.

ZEIT: Nach 1989 aber waren Sie ernüchtert.

Domscheit-Berg: Ja, vielleicht würde man heute auch sagen, ich bekam Burn-out. Ich hatte mich wirklich halb tot gearbeitet in der Wendezeit: tagsüber studiert, nebenbei im Unterricht Aufrufe per Hand abgeschrieben. Die halbe Nacht habe ich an meiner Erika-Schreibmaschine gesessen und Zeug abgetippt. Ich wollte eine bessere DDR, einen dritten Weg. Aber davon sprach dann niemand mehr, die runden Tische verschwanden, viele wollten nur noch die D-Mark. Diese Zeit war insgesamt so intensiv – das hat mich sehr geprägt. Wenn ich mich heute jemandem vorstelle, sage ich immer, dass ich aus Ostdeutschland komme. Ist doch wichtig, dass mein Gegenüber das weiß.

ZEIT: Warum?

Domscheit-Berg: Es beeinflusst mich immer noch, es hat mich zur Kämpferin gemacht, auch gegen Vorurteile. Nur ein Beispiel. Als ich Anfang der neunziger Jahre in Hessen studierte, sagte ich der Rektorin, dass ich mich um ein Leistungsstipendium bewerben möchte. Sie schaute mich kritisch an und sagte, es heiße nicht umsonst Leistungsstipendium. Ich hätte zwar ein tolles Abi, aber sie wisse, dass man das im Osten bei politischem Wohlverhalten quasi geschenkt bekommen habe. Das hat mich geärgert, aber vor allem hat es mich motiviert. Ich wollte stellvertretend für alle Ossis beweisen, dass wir es draufhaben. Ich habe dann als Jahrgangsbeste abgeschlossen.

ZEIT: Gleichzeitig beklagen Sie sich in Ihrem Buch darüber, dass die Menschen politisch so desinteressiert geworden seien – auch im Osten.

Domscheit-Berg: Ja. Wir Ostdeutschen sind, seit die Konsum- und Boulevardwelle über uns geschwappt ist, eingelullt und abgelenkt worden. Als wir auf die Straße gingen, hatten wir eine Vision von einer besseren Welt. Wenn ich daran zurückdenke – der Mauerfall war die mit Abstand euphorischste Zeit meines ganzen Lebens. Heute fällt vielen Leuten nur noch ein, was sie stört, nicht aber, was sie sich stattdessen wünschen. Dabei können die Freiheitsrechte, die sie sich erkämpft haben, auch wieder verschwinden. Ich will den Menschen ihr Selbstbewusstsein zurückgeben. Es kämpft sich schwer, wenn man wenig auf sich hält, wenn man meint, machtlos und schwach zu sein. Ein Großteil der Menschen in Ost und West ist unzufrieden, sagt aber: "Was soll ich denn machen? Ich kann doch ohnehin nichts ausrichten." Damit gebe ich mich nicht zufrieden.