Als in Berlin die Mauer fiel, war ich 21 Jahre alt. Ich studierte Textilkunst in Schneeberg/Erzgebirge und wohnte in einem Studentenwohnheim im nahe gelegenen Schlema, das einmal eine Unterkunft für Bergarbeiter des Uranbergbaus der Wismut war.

Von den 2.000 Becquerel im Wohnheim merkten wir nichts. An die hässlichen Halden, die die Gegend verunstalteten, hatten wir uns längst gewöhnt. Genauso wie an die Unisextoiletten, durch die hin und wieder eine Ratte rannte, die Gemeinschaftsküche, die so aussah, wie Gemeinschaftsküchen aussehen, wenn sie sich 35 Studenten teilen müssen, oder die geöffneten Briefe, die der Hausmeister vom Wohnheimschließfach in der Post holte und in unsere Fächer verteilte.

Vertraulichkeit war ein seltenes Gut in der DDR. Unser einziges Telefon befand sich im Erdgeschoss der zweistöckigen Baracke, am Ende eines Ganges, im einzigen Gemeinschaftsraum. Er war völlig leer und diente uns entweder für Partyzwecke oder einmal in der Woche als Studio für das Aktzeichnen. Dieses Telefon klingelte selten und wenn, dann lange, bis sich irgendjemand erbarmte, den Hörer abnahm und auf die Suche nach der Angerufenen ging – der Anruf war ja fast nie für einen selbst. Wir konnten nur angerufen werden, selber anrufen ging nicht. Dafür mussten wir zu einer Telefonzelle laufen.

Am Abend des 9. November 1989 malte ich Selbstporträts für das Fach Naturstudium, nebenbei lief das Radio, und zu jeder vollen Stunde kamen die Nachrichten. Bei den Abendnachrichten trocknete mir die Farbe am Pinsel – diese Meldung konnte nicht wahr sein! Eine Stunde später saß ich vor dem Radiorekorder, hatte schon eine Audiokassette eingelegt und drückte auf Aufnahme. Ich wollte einen Beweis dafür, dass die DDR-Nachrichten wirklich von freiem Grenzübertritt für jeden DDR-Bürger gesprochen hatten – nur falls es später mal als Versehen deklariert worden wäre. Diese Aufnahme habe ich später immer wieder angehört. An diesem Abend hätte ich so gern jemanden angerufen und vor allem mit meinen Eltern gesprochen. Meine Mitbewohnerinnen waren nicht da, ich platzte vor Mitteilungsbedürfnis. Doch mal war die Telefonzelle besetzt, mal das Telefon meiner Eltern. Meine Gefühle an diesem ersten Abend der Grenzöffnung waren durchaus ambivalent. Reisefreiheit! Das war großartig! Aber gleichzeitig sah ich darin das Aus für die große Vision eines demokratischen Sozialismus. Dafür hätte es weiterhin massiven Druck auf der Straße gebraucht, Montagsdemos mit Tausenden von Menschen, wie es sie in den vergangenen Wochen und Monaten gegeben hatte. (…) Es war ja klar, was DDR-Bürger jetzt am meisten interessierte: eine Reise in den Westen. Gucken, wie es drüben ist. Sich freuen über die neue Freiheit. Sie auskosten. Ich war da keine Ausnahme. Der nächste Tag war nur noch Enthusiasmus und die Erkenntnis von etwas viel Größerem.

Als ich um Mitternacht dieses historischen Tages in mein Tagebuch schrieb, mischten sich bedrückende Gedanken wegen der nun noch stärkeren Massenflucht mit der Begeisterung über die Reisefreiheit – und es stellte sich mir zum ersten Mal die Frage, wer sich diese Freiheit eigentlich ökonomisch leisten kann. Mir wurde klar, dass eine offene Grenze noch lange nicht heißt, dass man überall, wo man hinmöchte, auch hinfahren kann. (…)

Viele haben inzwischen vergessen, was wir vor kaum mehr als zwei Jahrzehnten geschafft haben. Ich möchte uns alle wieder daran erinnern, denn immer, wenn uns ein Missstand aufregt und ärgert, wenn wir wütend werden, weil Lobbyismus oder Egoismus die Politik bestimmen, weil unsere Umwelt vor die Hunde geht, der Bildungserfolg unserer Kinder von ihrer Herkunft abhängt, wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht – immer dann sollten wir daran denken, dass auch sehr große Veränderungen möglich sind und nichts, ich meine wirklich NICHTS, so bleiben muss, wie es ist, egal wie stabil es aussieht.

Wir können besser machen, was uns nicht gefällt. Wir müssen es nur wollen, und wir müssen es gemeinsam tun. Auch nach der Wende bin ich ein Mensch geblieben, der sich über Missstände nicht nur empört, sondern auch versucht, sie zu beseitigen.