Behandlungsfehler kosten in Deutschland fünfmal so viele Menschen das Leben wie Verkehrsunfälle, nämlich 19.000. Jedes Jahr. Da muss man erst einmal schlucken. Geht es doch um lauter Patienten, die nur deswegen sterben, weil im Krankenhaus etwas falsch läuft. Deren Tod also prinzipiell vermeidbar wäre.

In die Welt gesetzt hat diese Zahl das Wissenschaftliche Institut des AOK-Bundesverbandes mit seinem Krankenhaus Report 2014. Das Ergebnis der Krankenversicherung gründet nicht auf harter Statistik, sondern auf einer Hochrechnung, die wiederum auf einer Schätzung aus dem Jahr 2007 basiert – man kann sie also durchaus hinterfragen.

Natürlich ist der Hinweis auf die Tücken einer solchen Erhebung keine Beruhigung für Patienten. Und jeder Tote ist selbstverständlich einer zu viel. Deswegen drängt sich die Frage auf, wie sich die Lücke zwischen "prinzipiell vermeidbar" und "ungeschehen" kleiner machen ließe. Darauf gibt es keine knappe Antwort. Eine Teilantwort könnte sein: Die Kliniken müssen eine Fehlerkultur etablieren. Man sollte aber keinesfalls als Ziel vorgeben, überhaupt keine Fehler zu machen beziehungsweise (falls doch einer passiert) nur Schuldige zu suchen. Denn dies wäre unrealistisch und hätte zur Folge, dass niemand aus den Fehlern lernen könnte. Nein, Fehler müssen offen angesprochen, Betroffene einbezogen werden.

Nicht einfach hinnehmen, was der Arzt geplant hat

In der Schweiz wird das gemacht. Die dort ansässige Stiftung für Patientensicherheit hat Flyer entwickelt, die Krankenhäuser an alle Neuankömmlinge austeilen können. Im Namen der jeweiligen Klinik werden die Patienten ermuntert, Fragen zu stellen. Sie sollen kritisch und aufmerksam sein – nicht einfach hinnehmen, was mit ihnen geplant ist, was mit ihnen gemacht werden soll.

Bekommen sie zum Beispiel ein neues Medikament, ermuntert man sie, zu fragen, wofür es ist und welche Nebenwirkungen es haben kann. Erklärt ihnen der Arzt eine bevorstehende Operation, sollen sie so lange nachhaken, bis sie alles verstanden haben. Und weil das Thema Hygiene so wichtig ist, sollen sie Ärzte und Pflegepersonal gezielt darauf ansprechen, ob sie sich denn auch die Hände desinfiziert haben, bevor sie Hand an sie anlegen.

Vernünftige Ratschläge allesamt. Sie zeigen: Die jüngsten Zahlen der AOK einfach nur passiv schlimm zu finden, zu denken, "darauf habe ich ja gar keinen Einfluss", wäre falsch.

Besser ist es, zu reagieren. Patienten benötigen Selbstbewusstsein, um ärztliche Autorität anzuzweifeln, Fragen zu stellen, hartnäckig zu bleiben. Wenn von vornherein klar ist, dass es bei einem Klinikaufenthalt einfach dazugehört, kritisch zu sein und auf Fehler hinzuweisen, dann fällt dies den Patienten leichter. Und das Antworten den Ärzten bestimmt auch.