Alfred Brendel

"Meine Erinnerungen an Claudio gehen bis in das Wien der fünfziger Jahre zurück. Während ich mich in meinen ersten Konzerten versuchte, studierte er bei Hans Swarowsky, dem damals gesuchtesten Lehrer junger Dirigenten. Erstaunlich früh schon kam bei ihm der Durchbruch; mit einer Aufführung der Zweiten Symphonie von Mahler bei den Salzburger Festspielen zog er sofort Begeisterung auf sich. Sein Dirigieren war damals noch sehr toscaninisch, das hat sich dann allmählich ins Mitteleuropäische und Männlich-Lyrische gewendet. Ich hatte oft das Glück, mit ihm zu spielen, ein großes Glück musikalischer und persönlicher Art. Claudio war nie ein Despot, sondern Primus inter Pares und der freundlichste Partner.

Sein Simon Boccanegra in Zusammenarbeit mit Giorgio Strehler und Ezio Frigerio bleibt für mich das Nonplusultra einer vollendeten Opernaufführung. In London begann er seine Tätigkeit als Chefdirigent des London Symphony Orchestra mit einer Aufführung von Ferneyhough. In der Scala spielte eine Kammermusikgruppe des Orchesters vor Beethovens G-Dur-Konzert zeitgenössische Musik. In Wien verwandelte er das Publikum durch seinen Einsatz im Zyklus Wien Modern.

Claudio war kein strenger Probierer, sondern ein oft höchst inspirierter Abenddirigent. Die Schönheit und Noblesse seiner Bewegungen übertrugen sich auf den Klang und auf das Publikum. In der Altersperiode, die seiner glücklich überwundenen schweren Krankheit nachfolgte, war er nun, allen sichtbar, der Meister der symphonischen Form. Ich erinnere mich an eine Siebente von Bruckner in Luzern, die das Werk neu belebte, ohne ihm Gewalt anzutun – ein Bruckner ohne Weihrauch und Krapfenwaldl, der zeigte, dass diese Musik nach dem Tod der alten Dirigentengeneration wunderbar wiedererstanden ist.

Bewunderung, Trauer und Dankbarkeit."

Alfred Brendel ist Pianist und hat mit Claudio Abbado viele Jahrzehnte lang musiziert

Isabelle Faust

"Claudio Abbado wird mir und allen, die das Glück hatten, seine Musik zu erleben und zu teilen, sehr fehlen. Ich denke, niemand wird seinen Platz füllen können. Es wird uns Musikern eine Herzensangelegenheit sein, seine Ideen und seine Magie weiterzutragen und seine Inspiration wachzuhalten. Ich bin tief dankbar dafür, dass ich den Menschen, Musiker und Humanisten Claudio Abbado so nah erleben durfte."

Isabel Faust ist Geigerin und hat mit Claudio Abbado zuletzt die Violinkonzerte von Beethoven und Berg aufgenommen

Hélène Grimaud

"Claudio war ein enorm freundlicher Mensch, fast sanft. Gleichzeitig wusste er sehr genau, was er wollte und wie er es bekam. Das ist eine hocheffektive Mischung, gerade in der Arbeit mit Orchestern. Claudio war neugierig, offen und vor allem jungen Musikern gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich war 17 oder 18, als ich ihm zum ersten Mal vorspielte, Liszts h-Moll-Sonate. Er war der Dirigent, mit dem ich am wenigsten geredet habe, das war schlichtweg nicht nötig. Umso tiefer haben sich manche seiner Sätze in mein Gedächtnis eingegraben: Was das Musikmachen wertvoll mache, hat er immer gesagt, spiele sich zwischen den Noten ab, oft nur im Bruchteil einer Sekunde, oft auch gar nicht. Ich glaube, Claudio ist diesen Sekundenbruchteilen auf seine noble, zerbrechliche Weise sehr nahegekommen."

Hélène Grimaud ist Pianistin und beendete 2011 ihre Zusammenarbeit mit Abbado – Stein des Anstoßes war eine Mozart-Kadenz

Daniel Harding

"Als Dreizehnjähriger lernte ich Abbados Interpretationen über CDs und DVDs kennen, die wir auf dem Musikinternat in Manchester, das ich besuchte, hörten. Ich fing sofort Feuer und war so tief beeindruckt von ihm, dass ich auch Dirigent werden wollte. Als Abbado einmal in London dirigierte, pilgerte ich mit einem Schulfreund dorthin, und wir trafen Claudio nach dem Konzert. Das war ein unglaublicher Moment. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass dieser große Künstler so freundlich und angenehm war. Einige Jahre später arbeitete ich mit ihm als sein Assistent bei den Berliner Philharmonikern zusammen. Ich habe – hoffentlich – viel von Claudio gelernt. Allerdings fällt es sehr schwer, das zu beschreiben. Claudio sprach am liebsten über Dinge, die ihm nicht so nah waren wie die Musik. Claudios Empfindungen drückten sich in seiner Mimik und seiner Gestik aus. Man sah ihm alles an, aber es wurde nicht formuliert. Seine Idee war es, sich als Dirigent selber überflüssig zu machen. Ich werde immer an ihn denken in den Momenten der Stille, die auf die Musik folgen. Diese Momente, in denen er ganz allein war mit der Musik, wollte er mit zunehmendem Alter immer stärker, bis ins Extrem hinauszögern. Als ob er nicht wüsste, wie er danach wieder zurückfinden solle. Wenn wir überlegen, was wir für Claudio, jetzt, wo er nicht mehr da ist, noch tun können, ist es das: einen langen Moment der Stille im Anschluss an die Musik zuzulassen."

Daniel Harding ist Dirigent und war Abbados Assistent bei den Berliner Philharmonikern

Thomas Quasthoff

"Für mich war Claudio Abbado einer der politischsten Dirigenten, die ich kenne. Es hat mich ungeheuer beeindruckt, wie er in seiner introvertierten, aber unnachgiebigen Art in Italien die gesamte Orchesterarbeit demokratisiert hat. Wenn man mit ihm probte, hatte man oft den Eindruck, er arbeite eigentlich planlos, nur nach Instinkt und Intuition. ›Gehen wir noch einmal zurück, bitte auf Takt 32 ... nein, lieber 64 ... oder 62? ...‹ Im Konzert aber explodierte er, da war in jeder Bewegung seiner Hände, seiner Arme, in jedem Blick das Ganze zu spüren. Eine Woche nach dem 11. September haben wir in der Carnegie Hall zusammen Mahler-Lieder aufgeführt, als Letztes Ich bin der Welt abhanden gekommen. Ich habe mich danach nicht zum Publikum hin verbeugt, sondern zum Orchester, zu den Berliner Philharmonikern, weil die so sagenhaft gespielt haben an diesem Abend. Da sah ich, wie die Tränen flossen – bei den Musikern und bei Abbado. Unvergesslich. Claudio ließ uns musizieren, das war sein Geheimnis."

Thomas Quasthoff ist Sänger und Hochschullehrer und hat mit Abbado Schubert und Mahler aufgenommen

Mitarbeit: JULIA SPINOLA