Der Terroranschlag liegt 34 Jahre zurück, von den Überlebenden, von den Traumatisierten und Versehrten, auch von den Eltern, die ihre Kinder verloren haben, wissen wir nichts mehr, sie scheinen vergessen. Die Rede ist vom Oktoberfest-Attentat, dem schwersten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Dreizehn Menschen starben am Abend des 26. September 1980, weit über 200 wurden verletzt. Schon unmittelbar nach dem Anschlag verkündete der bayerische Ministerpräsident, linke Terroristen hätten die Tat verübt; damals war Bundestagswahlkampf und Franz Josef Strauß Kanzlerkandidat der Union. Tatsächlich aber hatte nicht die RAF den Sprengsatz am Eingang der "Wiesn" gezündet, sondern ein Student mit Verbindungen zum rechten Milieu. Er sei ein irrlichternder Einzeltäter gewesen, hieß es über den 21-jährigen Gundolf Köhler, der beim Anschlag selbst ums Leben kam. Ein depressiver Sonderling mit Selbstmordabsichten, ein "sexuell frustrierter" junger Mann aus einer langweiligen bayerischen Kleinstadt. Politische Motive? Nicht zu erkennen.

Ulrich Chaussy heißt der Journalist, der von Anfang an nicht an die Behauptung vom "frustrierten" Einzeltäter glauben wollte. Stoisch unerschrocken und mit bewundernswerter Hartnäckigkeit hat er für den Bayerischen Rundfunk den Fall recherchiert, er hat Zeugen zum Reden und Licht ins staatliche Dunkel gebracht. Jetzt hat er mit dem Regisseur Daniel Harrich einen dokumentarischen Spielfilm über das Oktoberfest-Attentat gedreht, und auch wenn Der blinde Fleck bekanntes Material präsentiert und neue Aktenfunde noch nicht in den Film eingehen konnten (ZEIT ONLINE), so erzählt Harrich dem Zuschauer mehr, als die Polizei erlaubt und Verfassungsschützern gefällt. Für sie ist Ulrich Chaussy immer noch ein rotes Tuch. Er fragt zu viel, er weiß zu viel, und dann bestätigt auch noch der NSU-Prozess, was er immer vermutet hat: In Deutschland existiert ein rechtes Terrornetzwerk. Hätte man, so Chaussy, aus dem Oktoberfest-Attentat beizeiten eine Lehre gezogen, "dann hätte man frühzeitig erkennen können, welche Gefahr sich im ›Thüringer Heimatschutz‹ zusammenbraute, aus dem der NSU sich dann entwickelte".

Der blinde Fleck hat einen Helden, es ist natürlich Ulrich Chaussy selbst, gespielt von Benno Fürmann. Der junge Radiojournalist lebt mit seiner Frau in einer Münchner Wohngemeinschaft, als ein vermummtes Polizeikommando die Tür eintritt und Chaussy wegen "Verdacht auf Bildung einer kriminellen Vereinigung" hinter Gitter bringt. Der Verdacht war unbegründet, aber damals genügte oft schon der Besitz linker Flugblätter in Tateinheit mit langen Haaren, und die Herren des Morgengrauens wurden neugierig und schauten schlagstockartig nach dem Rechten. Der Zugriff der Ordnungshüter hatte durchaus Folgen: Chaussys Vertrauen in die unfehlbare Weisheit des Rechtsstaats war erschüttert, und als er die Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat verfolgt, wird er sofort misstrauisch. Warum spricht der Generalbundesanwalt plötzlich nur noch von einem Einzeltäter? Haben Zeugen nicht glaubhaft versichert, am Tatort mehrere Personen gesehen zu haben?

Chaussy geht der Sache nach, berichtet regelmäßig für den Bayerischen Rundfunk und traut seinen Augen nicht, als ihm der Paketbote eines Tages eine Kiste mit geheimen Ermittlungsakten zustellt. Mit dieser "kalten Übergabe" beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das man in einem demokratischen Musterland nicht für möglich gehalten hätte. Systematisch, diesen Eindruck vermittelt jedenfalls der Film, wurden Beweise frisiert und Zeugenaussagen ignoriert. Es gab einen staatlichen Willen zur Verdunkelung, und schon unmittelbar nach dem Anschlag versuchte der Verfassungsschutz, Journalisten durch Exklusiv-Informationen zu bestechen und auf seine Seite zu ziehen – wer schon ein Häppchen hat, der beißt nicht mehr. Über einigen Szenen liegt eine dumpfe Stasi-Atmosphäre, sie haben etwas Klandestines und Hinterhältiges. Blamabel und unwürdig ist im Blinden Fleck auch der Auftritt von Bundesanwalt Rebmann. Als er auf einer Pressekonferenz in die Enge getrieben wird, schimpft er auf seine unnachahmlich pampige Art, Chaussy solle ihm doch die wahren Täter liefern.

Benno Fürmann spielt toll, und doch will man ihm die Coolness nicht recht abnehmen. Auch wenn er sich einmal einbildet, ein böser schwarzer BMW wolle ihn über den Haufen fahren, so bleibt er stets gelassen, er schüttelt sich kurz, und dann geht’s weiter. Aber vielleicht ist seine Frau (Nicolette Krebitz) das Symptom seiner verdrängten Angst, denn sie hat irgendwann die Nase voll vom Detektivspiel ihres Mannes. Es gibt auch ein Leben nach dem Terror, sagt sie und droht mit der Trennung.

Und doch ist es wiederum seine Frau, die Chaussy dazu bringt, die Recherche wieder aufzunehmen. Sie hört von neuen DNA-Tests, bei denen kleinste Gewebereste genügen, um einen Täter zu überführen. Chaussy ist elektrisiert. Schließlich lagert bei den Behörden noch ein grässliches Asservat, eine abgerissene Hand, die nachweislich nicht Gundolf Köhler gehörte und auch niemandem sonst, der beim Anschlag getötet oder verletzt worden war. Fingerabdrücke dieser Hand fanden sich im Umfeld des Täters. Wem also gehört dieses Körperteil? Und lässt sich mit einer DNA-Analyse die Einzeltäter-These widerlegen?