An ihrem 27. Geburtstag wird sie in Paris beerdigt. Zehntausende begleiten ihren Sarg zum Friedhof Père-Lachaise. Es ist der 1. August 1937, wenige Tage zuvor ist Gerda Taro im Spanischen Bürgerkrieg gestorben. Sie war die erste Frau, die an der Front fotografierte. Eine Kapelle spielt Chopins Trauermarsch. Ihr Vater führt die Menschenmenge an, er weint, sackt immer wieder zusammen. Erst Stunden später erreichen sie die Grabstelle. Der Dichter Louis Aragon hält eine Rede. Taro wird als Heldin verehrt, als Märtyrerin gefeiert. Jahre später wird sie in Vergessenheit geraten; Hemingway wird sie eine Hure nennen.

Wer war diese Frau, die mit Mitte zwanzig als erste Fotoreporterin in einen Krieg zog? Was trieb sie, woher nahm sie den Mut? Und wie konnte die Welt sie so schnell vergessen?

Es gibt keine Hinterbliebenen mehr, keine Verwandten, keine Freunde, keine Menschen, die sie kannten. Taro wäre heute 103. Wer etwas über sie wissen will, muss Irme Schaber fragen. Schaber ist Kulturwissenschaftlerin, seit mehr als 20 Jahren erforscht sie, wer Taro war. Sie hat tausend Briefe an Zeitzeugen geschrieben, Archive durchwühlt, ist nach England, Spanien, in die USA gereist, hat mit hundert Menschen gesprochen. In 40 Kartons bewahrt sie die Erinnerungen an Taro auf, sie tragen Aufschriften wie "Spanien-Archive", "Frontbesuche/Schlachten 1936–37" oder "Recherche Grabstein/Giacometti". Vor Kurzem hat Irme Schaber eine Biografie veröffentlicht: Gerda Taro Fotoreporterin (Jonas Verlag; 256 S., 35,– €), eine Hommage an das Leben Taros.

Fragt man Schaber, wieso sie Taro zu ihrem Lebensthema gemacht habe, sagt sie: "Trotz aller Widerstände ließ sie sich nie den Spaß am Leben verderben." Wenn Schaber von Taro spricht, klingt es, als rede sie über eine Freundin. Sie sitzt in einem Stuttgarter Café, wenige Gehminuten von dem Haus entfernt, in dem Taro aufwuchs, und erzählt die Geschichte der ersten Kriegsfotografin.

1910 wird Gerta Pohorylle, die sich später Gerda Taro nennen wird, in Stuttgart geboren; sie ist die Älteste von drei Geschwistern. Ihre Eltern sind jüdische Einwanderer aus Galizien, sie verbergen ihre Religion und leben nach dem Satz: "Ein Bürger auf der Straße, ein Jude zu Haus." Gertas Vater, Heinrich Pohorylle, handelt mit Eiern. Die Familie wohnt in einer Gegend mit schönen Häusern. Es ist eine unruhige Zeit, in der Gerta aufwächst: An ihrem vierten Geburtstag beginnt der Erste Weltkrieg.

Das avantgardistische Stuttgart der Zwanziger prägt ihre Jugend

In der Schule lernt sie schnell, spricht Französisch und Englisch, später auch Spanisch, sie schreibt nur Einsen und Zweien. Für ihre Intelligenz und weil sie so umwerfend gut aussieht, wird sie von Mitschülern beneidet und auf dem Schulhof verspottet. Sieht man sich die Bilder von damals an, hat Taro Ähnlichkeit mit der israelischen Schauspielerin Natalie Portman.

Gerta verbringt ihre Jugend im Stuttgart der zwanziger Jahre. Sie geht gern ins Kino und tanzen, sie spielt Tennis, hört Jazzmusik und interessiert sich für Fotografie. Im Kunstgebäude schaut sie sich eine Ausstellung an, "BENUETZE FOTO ALS WAFFE", steht dort an der Wand. Die Goldenen Zwanziger sind auch in Stuttgart eine Zeit des Aufbruchs: Die Kunst wird politischer, handelt vom Leben in der Großstadt, von der Kluft zwischen Arm und Reich, von Prostitution. Das Bauhaus prägt das Design und die Architektur. Moderne Frauen tragen kurze Haare, moderne Männer Seitenscheitel. Gerta ist fein gekleidet, wenn sie das Haus verlässt; lebte sie heute, wäre sie sicher ein Hipster. Nie lädt sie Freunde zu sich nach Hause ein, sie hat Angst, jemanden hinter ihre Fassade blicken zu lassen.

Manche ihrer Bekannten sprechen schlecht über Juden. Glaubt man den Aussagen ihrer Freunde von damals, zeigt Gerta nicht, dass sie sich gedemütigt oder verletzt fühlt. "Die gesellschaftliche Ausgrenzung gehörte, wie der Spott auf dem Schulhof, zu dem unsichtbaren Gepäck ihres Lebens", sagt Irme Schaber. Taro ist 19, als sie mit ihrer Familie nach Leipzig zieht. "Wenn nur die Zeiten nicht so mies wären", schreibt sie in einem Brief an eine Stuttgarter Freundin und meint damit die wirtschaftliche Lage. "Aber was machste: Da lachste!"

1933, Gerta ist 22, wird Adolf Hitler Reichskanzler. Sie klebt Flugblätter gegen die Nazis und wird festgenommen. Zwei Wochen lang ist sie im Gefängnis, wenige Monate später flüchtet sie nach Paris.

Aus Gerta Pohorylle wird Gerda Taro

In Paris hat Gerta nicht genug Geld, um ihre Miete zu zahlen und sich Essen zu kaufen. Immer wieder legt sie "Hungertage" ein. Sie arbeitet als Zeitungsverkäuferin, als Sekretärin. "Man nahm alles", wird eine Freundin später sagen, die mit Gerta in Paris lebt. Über diese Freundin lernt Gerta den Fotografen Endre Ernö Friedmann kennen, Spitzname André, einen Mann aus Ungarn, drei Jahre jünger als Gerta und wie sie Jude und ins Exil geflüchtet. André hat dunkle Haare, ist unrasiert, trägt eine Lederjacke. Gerta und André verlieben sich. Es gibt ein Foto, auf dem sieht man die beiden in einem Café sitzen und sich anlächeln. Viele Jahre später wird die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn, Hemingways dritte Ehefrau, eine Kurzgeschichte schreiben, in der sie Gerta und André beschreibt: "Sie sahen so aus, wie ich hätte sein wollen. Ich wusste sofort, dass sie ein Liebespaar waren und die Miete nicht bezahlen konnten, und es war perfekt."

Gerta und André ziehen in eine kleine Wohnung in der Nähe des Eiffelturms, er bringt ihr das Fotografieren bei, das Badezimmer dient ihnen als Dunkelkammer. Um seine Bilder besser verkaufen zu können, macht sie aus André einen reichen, in Paris lebenden amerikanischen Fotografen namens Robert Capa. Sie tauscht seine Lederjacke gegen einen Anzug, schickt ihn zum Friseur. Sie selbst nennt sich Gerda Taro und tut so, als wäre sie seine Agentin. Die Einnahmen verdreifachen sich.

Als im Sommer 1936 in den spanischen Städten Straßenkämpfe toben, machen sich die beiden auf den Weg. Sie wollen mit ihren Kameras für die Republik und gegen Franco kämpfen, fahren die Front entlang nach Süden. Capa fotografiert mit einer Leica, Taro mit einer Reflex-Korelle. Ihre Bilder zeigen Kriegswaisen, Bauern, bewaffnete Frauen. Meist nimmt sie einzelne Personen auf, selten ganze Szenen. Im Sechs-mal-sechs-Format dokumentiert sie die Opfer des Krieges: Frauen, Kinder, Alte.

Oft schießen Taro und Capa die gleichen Motive. "Sie hatten das gleiche Lachen, sie lachten zur gleichen Zeit. Sie beobachteten alles, sie sahen alles, sie sahen es zusammen im gleichen Augenblick und auf die gleiche Art", schreibt Gellhorn in ihrer Geschichte. Viele Bilder von Taro werden unter Capas Namen veröffentlicht, sie sind ein Team und froh, wenn sie überhaupt etwas verkaufen können. In den kommenden Wochen drucken Zeitschriften weltweit die Bilder von Capa und Taro. Dass Taro nicht unter eigenem Namen veröffentlicht, wird später dazu beitragen, dass man sie vergisst. Capa ist jetzt ein berühmter Fotograf, Taro hat ihn zu einer Marke gemacht.

In den Wochen an der Front schießt Capa das Bild, das zu einer Ikone der Kriegsfotografie wird: der Fallende Milizionär. Es zeigt einen Soldaten, der seine Arme ausbreitet, er hält ein Gewehr in seiner rechten Hand. Der Soldat, so scheint es, wurde gerade von einer Kugel getroffen, er fällt nach hinten, schließt die Augen, es zeigt ihn im Moment seines Todes. Zwanzig Jahre nach Capas Tod, in den Siebzigern, wird die Welt darüber diskutieren, ob das Bild inszeniert ist. Auch Taro macht damals Bilder dieses Soldaten, aus einem anderen Winkel. Ihre Aufnahmen zeigen, dass die Milizionäre nur üben und patrouillieren, aber nicht kämpfen.

Die Soldaten gewöhnen sich schnell an Capa und Taro. "Die kleine Blonde" wird sie von den Spaniern genannt. "An der Front ist sie bewundert worden", sagt Schaber. "Sie war zäh." Ein Journalist der spanischen Zeitung La Voz trifft auf das Paar und schreibt über sie: "Zwei junge Leute, fast noch Kinder. Er und sie waren unbewaffnet, in den Händen nicht viel mehr als jeder eine [K]amera. Ohne die geringste Angst beobachteten sie den beunruhigenden Sturzflug eines Fliegers über ihren Köpfen. Selbst den am schlimmsten verwüsteten Kampfplätzen bieten sie die Stirn und muntern sich gegenseitig mit einem beschwörenden Vorwärts! auf."

Zwei Monate lang sind Taro und Capa an der Front, bevor sie nach Paris zurückkehren. Immer wieder fahren sie nach Spanien, sie führen ein Nomadenleben. "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran" ist Capas Maxime, die später zu einer goldenen Regel der Reportagefotografie wird. Er meint damit nicht nur die physische Nähe, auch die mentale. Taro und Capa sind immer nah dran. Sie ergreifen Partei. Sie sind keine stillen Beobachter, sie sind antifaschistische Emigranten. Taro glaubt nicht daran, dass es im Krieg Neutralität geben kann. Sie glaubt an einen Sieg der Republikaner. BENUETZE FOTO ALS WAFFE.

Wenige Tage vor ihrem Tod soll Taro gesagt haben: "Wenn du daran denkst, wie viele Menschen wir kennen, die in diesem Krieg gestorben sind, dann ist es unsolidarisch, noch am Leben zu sein."

Es ist der 25. Juli 1937, als sie mit ihrem Schreiberkollegen Ted Allan an die Front fährt. Tags zuvor ist Brunete zurückerobert worden von den Franco-Truppen. Taro ist ohne Capa unterwegs. Im Auto erzählen sich Allan und Taro, dass sie noch immer fest an einen Sieg der Republikaner glauben. An der Front werden sie von einem General gebeten umzukehren, in wenigen Minuten sei die Hölle los. Taro will bleiben, zusammen mit Allan schlüpft sie in ein kleines Erdloch, das kaum Schutz bietet. Bomben explodieren. Maschinengewehre rattern. Es ist ein Luftangriff der deutschen Legion Condor. Während ihr Kollege irgendwie versucht, seinen Kopf zu schützen, hält Taro ihre Kamera in die Luft. Fotografiert die Flugzeuge, den Rauch, die Explosionen, die flüchtenden Soldaten. Der Angriff dauert Stunden. Taro verbraucht alle Filme. Es sind die besten Bilder ihres Lebens.

Viele Fotos, die unter Capas Namen bekannt wurden, stammen von ihr

Als es ruhiger wird, kriechen Allan und Taro aus ihrem Erdloch. Sie wandern über die Felder, vorbei an Hunderten Toten. Unterwegs erwischen sie einen Transportwagen, der Verletzte in die nächste Stadt bringt, sie können auf den Trittbrettern stehen und mitfahren. Plötzlich taucht ein Flieger über ihnen auf, Panik auf der Straße, ein Panzer schlingert auf den Transportwagen zu, auf dem Taro mitfährt. Der Fahrer des Wagens versucht auszuweichen, Allan und Taro klammern sich an ihre Trittbretter. Der schlingernde Panzer streift die Fahrzeugseite, an der Taro sich festhält. Er reißt sie zu Boden und zerquetscht ihr mit einer Gleiskette den Unterleib. Taro schreit. Auf dem Weg ins Krankenhaus erhält sie eine Bluttransfusion. Sie hält ihre Hände auf den Bauch, versucht ihre Eingeweide zurückzudrücken. Im Krankenhaus gibt man ihr Morphium. Sie kommt kurz zu sich und fragt: "Sind meine Kameras gut aufgehoben?" Dann stirbt sie.

Capa fotografiert weiter, zieht von einem Krieg in den nächsten. Man sagt, er habe nie wieder eine Beziehung führen können. "Ich glaube, dass er der Welt mit seiner langen Liste, mit Tausenden seiner Bilder zeigte, was es für eine Welt war, die [Gerda] umgebracht hatte", schreibt Gellhorn in ihrer Geschichte. Mit 40 Jahren wird Capa selbst zum Opfer eines Krieges, als er in Indochina auf eine Landmine tritt. Seine Kamera hält er in beiden Händen, als er stirbt.

Dreifaches Stigma: Frau, Kommunistin, Jüdin

Warum wurde Taro so schnell vergessen nach ihrem Tod? "Frau, Kommunistin und Jüdin", sagt Irme Schaber im Stuttgarter Café. "Das ist ein dreifaches Stigma und fast eine Garantie, von der Historie ausgeschlossen zu werden." Erst durch Schabers Recherchen wird Taro aus der Vergessenheit geholt: 2007 werden ihre Fotos im International Center of Photography in New York gezeigt, die Ausstellung wird von Schaber kuratiert. Im selben Jahr wird auch der "mexikanische Koffer" geöffnet. Ein Pappkoffer, den man auf einem mexikanischen Dachboden fand, im Nachlass eines Diplomaten. Taro, Capa und der Fotograf David Seymour hatten ihn 1939 mit 4500 Negativen aus dem Spanischen Bürgerkrieg gefüllt und aus Paris schmuggeln lassen, um die Bilder vor den Deutschen zu retten. Der jahrzehntelang verschollen geglaubte Koffer enthält viele bekannte Bilder, die Gerda Taro geschossen hat, Bilder, von denen man glaubte, sie stammten von Capa.

Auf die Frage, ob die Fotografin eine Heldin war, reagiert Schaber im Stuttgarter Café schnell: "Nee", sagt sie und schüttelt den Kopf, als sei sie allergisch auf das Wort Held, "nein, nein." Wieso begeistert sie sich so für diese Frau? Was kann man von ihr lernen? "Taro hatte Haltung, sie hatte eine Mission, sie mischte sich ein. Sie hat sich ihre Zukunft nicht nehmen lassen, nicht vom Judenhass und von keiner Wirtschaftskrise."

Stellt man sich vor, was für ein Mensch Taro wäre, wenn sie heute leben würde, dann fällt einem die US-Amerikanerin Marie Colvin ein. Colvin arbeitet als Kriegsreporterin für die Sunday Times. Sie trägt eine Augenklappe, seit ihr linkes Auge 2001 durch einen Granatsplitter schwer verletzt wurde. Sie ist eine schlanke, schöne Frau, elegant gekleidet. Wie Taro lebt sie den Zwiespalt: ist Teil der High Society in der Stadt und gilt unter Reportern als Draufgängerin. Im Februar 2012 berichtet Colvin aus Syrien. Sie ist in Homs, fast alle Kollegen haben die Stadt verlassen, es sei zu gefährlich. Colvin wird von einer Granate getroffen und stirbt. Wie damals bei Taro schreckt die Welt auf, fragt sich, wer diese Menschen sind, die ihr Leben für einen Text oder ein Foto riskieren.

Spaziert man heute auf der Stuttgarter Alexanderstraße, der Straße, in der Taro aufwuchs, entdeckt man viele "Stolpersteine" im Asphalt. "Deportiert 1943, ermordet in Auschwitz", steht da, "Verhaftet 1939, ermordet in Majdanek". Taros gesamte Familie wurde im deutschen KZ Sajmište nahe Belgrad getötet. Taro starb, als sie tat, was sie für richtig hielt: Sie kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg für eine bessere Zukunft, für ihre Würde.