Wer hat mehr für die Freiheit geleistet: die Vereinten Nationen in New York – oder das Internet? Wer hat in den vergangenen zwanzig Jahren die Idee der Menschenrechte weiter verbreitet, den Willen zur Mitbestimmung mehr gestärkt und Gleichgesinnte in ihrem Kampf gegen Diktaturen schneller zusammengeführt: die Diplomaten mit ihren Appellen, Petitionen und Sanktionen? Oder das weltumspannende Kommunikationsnetz?

Der Vergleich mag maßlos klingen, zumal wenn man sich daran erinnert, wie alles angefangen hat. Da waren im Mai 1945 vom Weltkrieg gezeichnete Staatslenker aus 50 Nationen nach Kalifornien gereist, um die Vereinten Nationen zu gründen – um sich unter Mammutbäumen in den Muir Woods zu geloben, dass sie friedlich zusammenarbeiten und sich gemeinsame Ziele setzen wollen, die lauten: Freiheit, Sicherheit, Wohlstand.

Viel später erst wurde das Internet erfunden, und was zunächst nur wenige ahnten, geschah wirklich: Das Netz hat die Ziele der Vereinten Nationen praktisch ohne Zutun von Regierungen befördert, oftmals schneller und mit mehr Macht, als die Diplomaten es vermochten. Es verbindet 2,7 Milliarden Menschen direkt miteinander. Nie zuvor war Völkerverständigung so leicht und alltäglich, das Internet hat geholfen, Diktaturen zu stürzen, es informiert, erleichtert den Zugang zu Wissen und Bildung. Ohne moderne Glasfaserkabel und Kommunikationstechnik gäbe es auch die Globalisierung in ihrer heutigen Form nicht. Die Menschen wären nicht so intensiv und arbeitsteilig im Geschäft miteinander.

Die Welt wäre ärmer.

Genau deshalb ist das Unrecht, das der amerikanische Geheimdienst NSA verübt, so groß, und deshalb ist es ein Skandal, dass Präsident Barack Obama die NSA nicht grundlegend reformieren will.

Der Geheimdienst gefährdet die Sicherheit der Welt, weil er Schwachstellen in nahezu alle Bauteile und Programme des Internets eingenäht hat, um sich unbemerkt in Firmen und Behörden einzuschleichen. Weil solche Schwachstellen nicht geheim bleiben, öffnet die NSA Kriminellen und Saboteuren den Weg ins Herz der vernetzten Industriegesellschaft. Ziel dieser Spionage ist es, die wertvollste Ressource der Wissensgesellschaft, das geistige Eigentum, nach Bedarf und Belieben in die USA schaffen zu können. Es ist ein Akt der puren Aggression.

Damit aber nicht genug, verletzt die NSA hundertmillionenfach die grundlegenden Freiheitsrechte, wenn sie ohne konkreten Anlass spitzelt und späht. Rund um die Uhr. Transkontinental.

Wie klagt der Netz-Apostel Sascha Lobo so treffend? "Das Internet ist kaputt." Kompromittiert. Das universelle Instrument zur Förderung von Freiheit und Wohlstand dient in vorher unvorstellbarem Maße der Überwachung, Kontrolle und damit der Unfreiheit. Doch Lobo und andere ziehen viel zu pessimistische Schlüsse, er schreibt zum Beispiel: "Auf in den aussichtslosen Kampf."

Tatsache ist: Von hier aus führt kein Weg in den Zustand der Unschuld zurück. Aber Auswege zeichnen sich sehr wohl schon ab.

Unter der Benutzeroberfläche sind enorme Kräfte am Werk, es bahnen sich Innovationen an, wie es sie selbst im schnelllebigen Internet lange nicht gegeben hat. Freie Hacker und die geballte IT-Intelligenz der Konzerne wehren sich gegen die Spionage. Ihre Waffe: die Neucodierung der Welt. Sie entwickeln ein neues, zeitgemäßeres Netz, eines, das besser geschützt ist als sein Vorgänger. Sie erfinden es neu.

Das soll unmöglich sein? Von wegen. Ein Blick in die Geschichte der Industrialisierung genügt: Der erste Benz und die heutige S-Klasse haben nichts mehr miteinander gemein, die erste Lokomotive nichts mehr mit dem ICE. Wieso sollte es beim Internet anders sein?

Computer-Nerds sagen es so: "Wir müssen das Internet neu denken." Mit diesem Aufruf startete in den letzten Dezembertagen der Kongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg. Und der Sprecher des Clubs, Frank Rieger, sagte dieser Tage auf der Technologie-Konferenz DLD in München, alle Daten zu verschlüsseln, sie mit mathematischen Verfahren für Außenstehende unlesbar zu machen sei der richtige Weg, und er sei inzwischen leicht optimistisch, dass man den Kampf gegen die NSA gewinne. Nicht heute, nicht morgen, aber in den kommenden Jahren.

Durchschnittsbürger sehen diesen Kampf nicht, und das ist ein echtes Problem. Weil nichts zu sehen ist, wirken schon die Untaten der NSA für viele Menschen irreal. Irgendwie winzig. Dabei sitzt die NSA heute, bildlich gesehen, in jedem Keller und in jedem Telefon, sie schaut in die Post und vom Satelliten aus zu, wie wir zur Arbeit fahren. Sie ist schon im Büro, wenn wir ankommen. Sie späht rund um die Uhr online, indem sie Maschinen für sich arbeiten lässt.

Man kann Spionage nicht abschaffen, sondern sie nur schwerer machen

Um Geheimdienste zurückzudrängen, reicht es nicht aus, hier und da ein Schloss zu wechseln. Jedes Haus und jede Firma, jedes Datennetz und jede wichtige Infrastruktur des Landes muss mit neuen Sicherheitstechniken gerüstet werden. Man kann Spionage nicht abschaffen, aber man kann sie dem Angreifer ungleich schwerer machen als bisher. Diese Aufgabe ist allerdings gewaltig. Programmierer müssen viele Hundert Millionen Zeilen Softwarecode ersetzen, weite Teile der Informationstechnik noch mal neu erfinden. Die eine Lösung wird es auch dann nicht geben, stattdessen viele, die mal mehr, mal weniger Einfluss haben.

Derzeit entstehen verborgene Rechenzentren für Aktivisten (Riseup.net), gehen abhörfeste Telefonie-Dienste an den Markt (Cryptostorm), wird die Cyber-Abwehr in Unternehmen gestärkt. Zu den großen Dienstleistern zählt hier die Deutsche Telekom, die nach eigenen Angaben 800.000 Hackerangriffe pro Tag auf ihre Computer registriert und jetzt ein neues Mega-Abwehrprogramm vermarktet. Darauf vertrauen Ölkonzerne wie Shell und BP genauso wie der Autohersteller Daimler. So macht die Telekom die Welt ein bisschen sicherer – und ein gutes Geschäft.

Andere Techniker überdenken, wie sinnvoll es ist, Daten auf riesigen, fremden Rechnerfarmen irgendwo auf der Welt zu speichern. Ist diese sogenannte Cloud noch zu unreif?

Ja, sagen die Experten. Entweder wir müssen massiv mit Sicherheitstechnik nachrüsten, oder die Cloud muss sich lichten. Mehr Daten und mehr Rechenarbeit müssen wieder in die lokalen Rechenzentren der Firmen zurückverlagert werden und vielleicht auch wieder auf einzelne Computer oder Handys. Nur so blieben die Daten sicher.

Der Chiphersteller ARM hat sich für diesen Weg entschieden und will dem Verbraucher mehr Kontrolle über seine Daten verschaffen. Deshalb testet ARM eine Verschlüsselungstechnik für jedermann, die direkt in den Mikroprozessor gebrannt werden soll. Wieso das wichtig ist? Die Chips von ARM sind der Motor der mobilen Welt, sie stecken in 90 Prozent aller Smartphones. Wenn ARM Erfolg hat, besitzt innerhalb weniger Jahre eine Milliarde Menschen ein sichereres Mobiltelefon – und populäre Apps könnten weniger anfällig werden.

Fundamentalisten in der IT-Szene reicht das alles nicht, sie haben damit begonnen, die Grundlagen des Computerbaus und des Programmierens infrage zu stellen. Im Thinktank des amerikanischen Verteidigungsministeriums, DARPA genannt, entstand einst der Vorläufer des Internets – heute läuft dort ein großes Forschungsprogramm, das sich um die Frage dreht, wie man von Grund auf verlässliche Computerbauteile und Programme schaffen kann. Hintertüren für Spione sollen mit technisch-mathematischen Verfahren ausgeschlossen werden.

Dass der Rechtsstaat rascher und wirkungsvoller auf die Überwachung reagiert als die Techniker? Glauben wenige. Warten? Mag keiner mehr, Unternehmen schon gar nicht, die sehen, wie das Vertrauen ihrer Kunden schwindet. Und so stürzen sie sich in eine technische Abwehrschlacht, Computer-Genies der einen gegen die der anderen Seite.

Der britische Premierminister Winston Churchill würde über die Programmierer, die sich gegen die globale Überwachung wehren, vielleicht sagen, was er damals in Kalifornien bei der Gründung der Vereinten Nationen gesagt hat: Sie "sollen uns nicht ins Paradies führen, sie sollen uns vor der Hölle bewahren".

Im Rückblick ist es schon enorm, mit welchen Heilserwartungen das Internet überfordert wurde. In den achtziger Jahren träumten viele von einer neuen Parallelwelt. Der Mensch könne dort seinen Körper und alle Konventionen abstreifen, reiner Geist könne er sein. Der Rocktexter und Intellektuelle John Perry Barlow fasste das später in seinem Manifest über die "Unabhängigkeit des Cyberspace" in Worte und verhöhnte die "Giganten aus Fleisch und Stahl", die Regierungen: "Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln."

In den neunziger Jahren galt das Internet plötzlich als Zertrümmerer ökonomischer Gewissheiten, als Motor für eine digitale Wirtschaft, die unerreichten Wohlstand und Fortschritt liefern würde. "Kapitalismus ohne Reibungsverluste" hieß das bei Bill Gates.

Wieder zehn Jahre später galt das Internet als die Verbindung zwischen den Menschen, als soziales Netz zwischen Völkern und innerhalb von Gesellschaften.

An diesen Vorstellungen ist stets eine Menge dran gewesen – die ganze Wahrheit waren sie nie. Aber was ist das Internet dann? Um eine vernünftige Antwort zu geben, muss man sich von einem lieb gewonnen Begriff trennen: "Das Internet" gibt es gar nicht.

Wenn sie "Internet" sagen, denken die meisten Menschen an E-Mails, Facebook, Google und Twitter. Aber all das macht heute nur einen kleinen Teil des Datenverkehrs aus. Viel schneller wächst der Kommerzraum im Netz, der Supermarkt und der Ort des bezahlten Medienkonsums. Hier dominieren Amazon, Zalando und Otto. Hier werden Reisen gebucht und Bankgeschäfte erledigt – und in diesem Teil des Netzes steht letztlich auch die neue Glotze, deren Bild nicht wackeln, geschweige denn ausfallen sollte. Fernsehen und Video-Abrufe erzeugen nach Angaben des Computerherstellers Cisco in Zukunft fast die Hälfte des globalen Datenverkehrs.

Enorm nimmt auch eine dritte Art von Daten zu: der Informationsaustausch zwischen Unternehmen, der Transfer von Gesundheitsinformationen, der digitale Aktenverkehr, die Fernsteuerung von Maschinen. Immer komplexere Dinge werden dem Internet aufgehalst – die Fernsteuerung von Fabrikanlagen, das Management von Verkehrsflüssen in Innenstädten, das Kommandieren von Heeren.

Heute nimmt "das Internet" alles auf, die Datenströme mischen sich und fließen wie Wasser im Kanalsystem einer Stadt dahin. An zentralen Zusammenflüssen stehen heute die Filter und Netze der Geheimdienste. Aber das wird nicht so leicht bleiben, denn die "Plumber" sind unterwegs. Plumber heißt so viel wie Klempner oder Rohrverleger und ist ein beliebter Spitzname unter Hackern. Viele Tausend dieser IT-Klempner ziehen jetzt in den großen Röhren quasi neue, kleinere Röhren ein. Agenten und Kriminelle werden ihre liebe Mühe damit haben.

Infolgedessen wird aber auch das eine "Internet" nicht mehr existieren, es verschwindet, und an seine Stelle treten verschiedene Netze, in denen sehr unterschiedliche Daten fließen, die unterschiedlichen Regeln gehorchen, unterschiedlichen Maßstäben, Grundsätzen, Werten verpflichtet sind.

Die Schwäche des bisherigen Datennetzes entspringt seiner Gründungsidee

In einem Teil der neuen Netzwelt ist die richtige Reaktion auf die Spionage tatsächlich, selbst mehr zu überwachen: Wo die Welt ferngesteuert wird, braucht es maximale Sicherheit, keine Bewegungsfreiheit für Unbefugte, eine strenge Verfolgung von Eindringlingen. Sonst setzt sich fort, was seit 2008 zu beobachten ist: Damals legte ein Computerwurm namens Conficker wichtige Industrie-, Militär- und Krankenhausanlagen in aller Welt lahm, 2010 gelang einer von Geheimdiensten programmierten Cyberwaffe namens Stuxnet die Zerstörung von Urananreicherungszentrifugen im Iran. Und organisierte Kriminelle und staatsnahe Hacker aus Russland, China oder Syrien erkunden routinemäßig die Nervenstränge der digitalisierten Industriegesellschaft und schmieden Sabotagepläne.

Die Schwäche des bisherigen Datennetzes entspringt seiner Gründungsidee. Obwohl in militärischen Kreisen entwickelt, sollte das Netz einen fast anarchischen Charakter haben. Jeder sollte sich anschließen, seine eigene Leitung legen, seine Daten einspeisen können. Die Kontrolle lag erst mal beim Endnutzer, was so viel hieß wie: Jeder musste seinen Teil des Netzes selbst sauber halten.

Das gelingt heutzutage jedoch nur selten, weil zur Anarchie des Netzes eben auch gehört, dass Rechner und Software nur so gut sind, dass alles gerade so läuft. Gut genug heißt in der Informationstechnik: Jede Software hat so viele Fehler, dass sie gerade so funktioniert, und diese Fehler werden zu Einfallstoren für Eindringlinge.

Um sie zu beheben oder zumindest zu verringern, wird das "Internet" also geteilt.

Die Bundesregierung will diese Entwicklung nun beschleunigen. Ein Cyber-Abwehrgesetz, das Mindeststandards für die IT-Sicherheit in der Wirtschaft vorschreibt, gehört zu den ersten Projekten von Schwarz-Rot. Und den Behörden will die Regierung vorgeben, zehn Prozent ihrer Investitionen in IT-Technik in Sicherheit zu stecken. Ein kleiner Virenscanner im Rathaus reicht nicht mehr aus.

Was jetzt wie eine Selbstverständlichkeit klingt, galt in der Zeit vor dem NSA-Skandal als paranoid und verschwenderisch: so viel Geld für IT-Sicherheit auszugeben. Aber noch bevor die Gesetze geschrieben, verhandelt und beschlossen sind, hat ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Das kann man nicht zuletzt an der Zahl der Versicherungspolicen gegen Cyberattacken sehen, die im vergangenen Jahr um ein Drittel nach oben geschnellt ist.

Im digitalen Supermarkt muss ebenfalls mehr Sicherheit einziehen, muss für Rechtssicherheit und eindeutige Identitäten der Nutzer gesorgt werden, um das Vertrauen im Onlineleben wiederherzustellen. Die Konsumwelt braucht verlässliche Haftungsregeln und Verbraucherschutz. Wie weit es damit her ist, konnte man dieser Tage sehen, als das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik mitteilte, es seien 16 Millionen E-Mail-Konten geknackt und Passwörter entwendet worden. Die Ursachen sind noch nicht bekannt, die Folgen noch nicht abzusehen. Aber dass Kriminelle einmal erbeutetes Wissen nutzen, um sich zu bereichern, gehört zum Onlinealltag. Sie nehmen die Identität der geschädigten Verbraucher im Netz an, bestellen teure Güter, betrügen und versuchen, sich Zugang zu Bankkonten zu verschaffen.

Hier müssen Staat und Unternehmen aufrüsten.

Radikal anders verhält es sich mit dem Internet als Raum der geheimen oder privaten Nachrichten von Mensch zu Mensch, der Meinungsäußerung und Debatte, als Medium für das Anprangern von Missständen und das Anzetteln von Revolutionen. Hier gilt es, die Freiheitsrechte des Einzelnen zu stärken. Auch gegen die Staatsgewalt. Nur wie?

Als der Begriff "Privatsphäre" vor rund 200 Jahren entstand, hatte das bürgerliche Leben ein festes Gerüst. Wohnen und Arbeiten, privates und öffentliches Leben waren durch Mauern getrennt, der Staat wurde aus dem privaten Raum gedrängt, hier war der Bürger frei, zu reden, zu räsonieren und sich zu versammeln. Die Technik der damaligen Zeit (Mauern, Türen, Schlösser) und die Lebensweise der führenden Bürgerschicht lieferten die Vorlage für ihre Definition von Privatsphäre, die wir bis heute kennen und der wir anhängen. Die Amerikaner Louis Brandeis und Samuel Warren formulierten es im Jahr 1890 als das "right to be let alone" – das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.

Die digitale Technik und der alltägliche Umgang mit ihr auf Facebook und Google haben diese Definition infrage gestellt. Der private Raum schrumpft – beinahe mit jeder neuen App auf dem Smartphone. Aber genauso gehört es auch hier zur Dialektik des technischen Wandels, dass sich Programmierer aufmachen und unter den neuen Bedingungen versuchen, Privatheit wiederherzustellen.

Deshalb läuft in diesen Tagen die Suche nach geeigneten digitalen Räumen, in denen man unbehelligt politisch sein kann: versteckte Räume, in denen man Geheimnisse austauschen und bewahren kann, vielleicht nur für eine Person oder eine handverlesene Schar. Daneben private Räume für Menschen, deren normale Kommunikation nicht nach außen dringen soll. Und zuletzt öffentliche Räume, in denen man anonym oder unter einem Decknamen Informationen verbreiten und Ansichten kundtun kann, die außerhalb dieses geschützten Raumes Repressionen nach sich ziehen.

Bis vor einem Jahr hatte man gedacht, dass diese Räume längst existierten. Dann kam aber die Nachricht, dass die NSA und andere Geheimdienste, dass Telekommunikationsfirmen und Polizeibehörden vieler Länder alles aufnehmen, entschlüsseln, auswerten, archivieren.

Wer könnte eine ausreichende Unversehrtheit der Kommunikation sicherstellen?

Trotzdem gibt es Privatheit im "Internet". Man kann Nachrichten, Bilder, Videos und Gespräche mit mathematischen Verfahren so verschlüsseln, dass nicht einmal die Cracks von der NSA in vertretbarer Zeit und mit vertretbarem Aufwand mitlesen können. Die geschützten Räume sind kostenfrei zu betreten und funktionieren. Einer davon heißt TOR, ein Dienst, der eine anonyme Benutzung des Internets erlaubt. TOR verschickt jedes einzelne Datenpaket kreuz und quer über viele Computer auf der ganzen Welt, bis niemand mehr ohne Weiteres wissen kann, wer da mit wem kommuniziert.

Aber TOR ist nicht undurchdringlich. Kürzlich etwa gelang dem FBI eine groß angelegte Fahndung im System, und immer mal ist es Hackern doch gelungen, einzelne TOR-Nutzer zu identifizieren.

Schlösser können aufgebrochen, Türen ausgehebelt, Wohnungen einzelner Bürger verwanzt werden, und das geschieht letztlich auch mit jedem populären System zum sicheren Datenaustausch, einschließlich verschlüsselter E-Mails und Telefondienste. Um hier die Profis von der NSA auszusperren, braucht man selbst wieder gewaltige Ressourcen. Wer könnte also auf Dauer und am ehesten eine ausreichende Unversehrtheit der Kommunikation für alle sicherstellen?

Wahrscheinlich werden es in den kommenden Jahren erst mal Stiftungen und reiche Individuen sein. Es gibt sie ja – Internetmilliardäre und vermögende Familien, denen Freiheit und Bürgerrechte ein paar Hundert Millionen Euro wert sind. George Soros, der Währungsspekulant, finanziert Demokratiebewegungen im ehemaligen Ostblock. Die Immobilien-Milliardäre Herbert und Marion Sandler stiften jährlich zehn Millionen Dollar an die amerikanische Initiative ProPublica, die soziale, wirtschaftliche und politische Missstände aufdeckt. Der Silicon-Valley-Unternehmer John Gilmor finanziert die Electronic Frontier Foundation (EFF) in Kalifornien mit, die für digitale Meinungsfreiheit und Datenschutz eintritt und die kürzlich die NSA vor den Richter gezerrt hat.

In diesen Kontext passt auch ein Geldgeber des TOR-Projekts: Es ist die deutsche Wau Holland Stiftung, die auf einen Gründer des Chaos Computer Clubs zurückgeht. Im dem hochpolitischen Club versammeln sich seit vielen Jahren die Spitzen der deutschen Hackerszene. Der andere wichtige Geldgeber des TOR-Projekts ist das amerikanische Verteidigungsministerium. In den USA hat man die Überwachung, zugleich paradoxerweise aber auch die Freiheit der Netzkommunikation als Staatsaufgabe verstanden. Es ist eine Ironie der Geschichte, aber eben auch ein Beleg für das große Ringen.

Edward Snowden hat das Zeitalter der Netzutopien beendet. Dadurch drängt eine der ältesten Erkenntnisse der Technikgeschichte ins Bewusstsein: dass Technologien zwei Seiten haben, eine befreiende und eine repressive. So wie die Karavellen. Die spanischen Zwei- und Viermaster, die zusammen mit den Fortschritten in der Navigationstechnik im 16. Jahrhundert die Entdeckung der Welt und den weltweiten Handel ermöglichten, erleichterten auch die Entstehung zentral gelenkter Imperien. So wie der Bau guter Straßen und motorgetriebener Wagen den Menschen neue Freiheiten gab, Wohlstand schuf und den menschlichen Siedlungsraum erweiterte – aber auch die Kriegführung revolutionierte und die Besetzung eines Landes enorm erleichterte.

Nun geht es um die Freiheit des Einzelnen, den Schutz des hiesigen Wohlstands und ganz allgemein um die Sicherheit in einer ferngesteuerten Welt. Diese Aufgabe auf Dauer einigen Tausend Technikern und spendablen Milliardären zu überlassen wäre fahrlässig. Es hieße, die nationale Souveränität im Digitalen aufs Spiel zu setzen, dem möglichen Scheitern der Willigen zuzusehen. Es war schon richtig, als der deutsche Hacker Tim Pritlove seinen Genossen auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs zurief, sie sollten "Teil der Lösung" sein. Allein werden sie es nicht schaffen.

Es braucht an dieser Stelle eben doch den Staat, es braucht vor allem einige Staaten, die sich des Freiheitsversprechens der westlichen Demokratien neu annehmen und es im Digitalen massiv fördern und schützen. Denn so schnell sich Daten von einem Land ins andere bewegen können, irgendwo brauchen sie eben doch einen geschützten Ort. Einen Ort, an dem sich kein Geheimagent mal so eben einstöpseln kann, ein Land, dessen Regierung dafür sorgt.

Ein Anfang wäre gemacht, würde Schwarz-Rot den eigenen Koalitionsvertrag ernst nehmen. Darin steht, die Regierung wolle harte Verschlüsselungstechniken fördern, um sichere Röhren für die private Kommunikation und geheime Räume entstehen zu lassen, in die selbst der deutsche Staat nicht hineinschauen kann. Dass das ein Problem für die Polizei ist? Sicher. Wie rechtmäßige Strafverfolgung trotz Verschlüsselung stattfinden kann, ist eine große Debatte wert.

Dies wäre ein guter Anfang, der Anfang einer Digitalpolitik, die man von Berlin nach Brüssel tragen müsste, von Brüssel nach New York zu den Vereinten Nationen. Müsste. Sollte.

Die große Koalition in Berlin würde das wenig mehr kosten als Zeit und Leidenschaft – und die Gesellschaft sicher weniger als die Energiewende.