Trotzdem gibt es Privatheit im "Internet". Man kann Nachrichten, Bilder, Videos und Gespräche mit mathematischen Verfahren so verschlüsseln, dass nicht einmal die Cracks von der NSA in vertretbarer Zeit und mit vertretbarem Aufwand mitlesen können. Die geschützten Räume sind kostenfrei zu betreten und funktionieren. Einer davon heißt TOR, ein Dienst, der eine anonyme Benutzung des Internets erlaubt. TOR verschickt jedes einzelne Datenpaket kreuz und quer über viele Computer auf der ganzen Welt, bis niemand mehr ohne Weiteres wissen kann, wer da mit wem kommuniziert.

Aber TOR ist nicht undurchdringlich. Kürzlich etwa gelang dem FBI eine groß angelegte Fahndung im System, und immer mal ist es Hackern doch gelungen, einzelne TOR-Nutzer zu identifizieren.

Schlösser können aufgebrochen, Türen ausgehebelt, Wohnungen einzelner Bürger verwanzt werden, und das geschieht letztlich auch mit jedem populären System zum sicheren Datenaustausch, einschließlich verschlüsselter E-Mails und Telefondienste. Um hier die Profis von der NSA auszusperren, braucht man selbst wieder gewaltige Ressourcen. Wer könnte also auf Dauer und am ehesten eine ausreichende Unversehrtheit der Kommunikation für alle sicherstellen?

Wahrscheinlich werden es in den kommenden Jahren erst mal Stiftungen und reiche Individuen sein. Es gibt sie ja – Internetmilliardäre und vermögende Familien, denen Freiheit und Bürgerrechte ein paar Hundert Millionen Euro wert sind. George Soros, der Währungsspekulant, finanziert Demokratiebewegungen im ehemaligen Ostblock. Die Immobilien-Milliardäre Herbert und Marion Sandler stiften jährlich zehn Millionen Dollar an die amerikanische Initiative ProPublica, die soziale, wirtschaftliche und politische Missstände aufdeckt. Der Silicon-Valley-Unternehmer John Gilmor finanziert die Electronic Frontier Foundation (EFF) in Kalifornien mit, die für digitale Meinungsfreiheit und Datenschutz eintritt und die kürzlich die NSA vor den Richter gezerrt hat.

In diesen Kontext passt auch ein Geldgeber des TOR-Projekts: Es ist die deutsche Wau Holland Stiftung, die auf einen Gründer des Chaos Computer Clubs zurückgeht. Im dem hochpolitischen Club versammeln sich seit vielen Jahren die Spitzen der deutschen Hackerszene. Der andere wichtige Geldgeber des TOR-Projekts ist das amerikanische Verteidigungsministerium. In den USA hat man die Überwachung, zugleich paradoxerweise aber auch die Freiheit der Netzkommunikation als Staatsaufgabe verstanden. Es ist eine Ironie der Geschichte, aber eben auch ein Beleg für das große Ringen.

Edward Snowden hat das Zeitalter der Netzutopien beendet. Dadurch drängt eine der ältesten Erkenntnisse der Technikgeschichte ins Bewusstsein: dass Technologien zwei Seiten haben, eine befreiende und eine repressive. So wie die Karavellen. Die spanischen Zwei- und Viermaster, die zusammen mit den Fortschritten in der Navigationstechnik im 16. Jahrhundert die Entdeckung der Welt und den weltweiten Handel ermöglichten, erleichterten auch die Entstehung zentral gelenkter Imperien. So wie der Bau guter Straßen und motorgetriebener Wagen den Menschen neue Freiheiten gab, Wohlstand schuf und den menschlichen Siedlungsraum erweiterte – aber auch die Kriegführung revolutionierte und die Besetzung eines Landes enorm erleichterte.

Nun geht es um die Freiheit des Einzelnen, den Schutz des hiesigen Wohlstands und ganz allgemein um die Sicherheit in einer ferngesteuerten Welt. Diese Aufgabe auf Dauer einigen Tausend Technikern und spendablen Milliardären zu überlassen wäre fahrlässig. Es hieße, die nationale Souveränität im Digitalen aufs Spiel zu setzen, dem möglichen Scheitern der Willigen zuzusehen. Es war schon richtig, als der deutsche Hacker Tim Pritlove seinen Genossen auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs zurief, sie sollten "Teil der Lösung" sein. Allein werden sie es nicht schaffen.

Es braucht an dieser Stelle eben doch den Staat, es braucht vor allem einige Staaten, die sich des Freiheitsversprechens der westlichen Demokratien neu annehmen und es im Digitalen massiv fördern und schützen. Denn so schnell sich Daten von einem Land ins andere bewegen können, irgendwo brauchen sie eben doch einen geschützten Ort. Einen Ort, an dem sich kein Geheimagent mal so eben einstöpseln kann, ein Land, dessen Regierung dafür sorgt.

Ein Anfang wäre gemacht, würde Schwarz-Rot den eigenen Koalitionsvertrag ernst nehmen. Darin steht, die Regierung wolle harte Verschlüsselungstechniken fördern, um sichere Röhren für die private Kommunikation und geheime Räume entstehen zu lassen, in die selbst der deutsche Staat nicht hineinschauen kann. Dass das ein Problem für die Polizei ist? Sicher. Wie rechtmäßige Strafverfolgung trotz Verschlüsselung stattfinden kann, ist eine große Debatte wert.

Dies wäre ein guter Anfang, der Anfang einer Digitalpolitik, die man von Berlin nach Brüssel tragen müsste, von Brüssel nach New York zu den Vereinten Nationen. Müsste. Sollte.

Die große Koalition in Berlin würde das wenig mehr kosten als Zeit und Leidenschaft – und die Gesellschaft sicher weniger als die Energiewende.