DIE ZEIT: Herr Vietta, vor uns liegt das bislang vermisste Schwarze Heft von Martin Heidegger. Was hat er dort notiert?

Silvio Vietta: Diese Notizen stammen vermutlich von 1945 und 1946, genau ist das nicht datiert. Es gibt Passagen zu seinem Geburtstag 1945 und zum Entzug der Lehrerlaubnis an der Freiburger Universität. Es geht darin um die Möglichkeiten der Wissenschaften und darum, wie eine neue Universität aussehen sollte. Heidegger beschäftigt sich mit Hölderlin und der Sprache als der Quelle, aus der eine andere Form des Denkens entstehen soll.

ZEIT: Demnächst werden die anderen Schwarzen Hefte erstmals veröffentlicht. Schon im Vorfeld wird über deren antisemitische Passagen diskutiert.

Vietta: Es gibt in meinem Schwarzen Heft keinen einzigen Satz gegen Juden, kein einziges antisemitisches Wort. Es war eine verheerende Zeit – deren philosophische Verarbeitung bei Heidegger findet sich in Begriffen wie "Not" und "Verwüstung", "innerer" und "äußerer" Verwüstung. Für Heidegger ist nach all den Erfahrungen der NS-Zeit der "andere Anfang" zentral: weg vom naturwissenschaftlich-technologischen Denken, das seiner Meinung nach mit Schuld trug an Formen der Eroberung, Ausbeutung und Verwüstung der Erde, vor allem in der Neuzeit, die ja auch die Kolonialgeschichte mit ihren Gräueltaten umfasst. In diesen Zusammenhang stellte er auch nach 1937 das "Dritte Reich" als eine Form des "Nihilismus".

ZEIT: Welche Passagen sind besonders markant?

Vietta: In den Stellen zur Universität haben wir eine Kritik, die eben über das "Dritte Reich" und dessen Ende hinausreicht und eine grundlegende Entwurzelung des abendländischen Denkens meint. An anderer Stelle lässt sich sogar ein grundsätzlicher Selbstzweifel erahnen, vielleicht auf seine Positionen 1933/34 bezogen. Auf einem eingelegten Zettel reflektiert er übrigens über seinen Namen: "Heid-egger. Einer, der auf unangebautes Land, Heide, trifft und diese eggt. Aber der Egge muss er erst lange einen Pflug durch Steinäcker vorausgehen lassen."

ZEIT: 1945 ist ja eine dramatische, epochale Zäsur. Gibt es hier konkrete Reflexionen?

Vietta: Es bleibt vage, weil Heidegger das im Rahmen seiner Geschichte der "Seinsvergessenheit" gar nicht als einen totalen Bruch bewertet hat. Europa und das europäische Denken stehen immer noch in einem Prozess der Verwüstung des Seins. Daher macht er den uns zunächst irritierenden Sprung in die Wissenschaftsgeschichte und die frühe Neuzeit. Für ihn gibt es einen Zusammenhang zwischen Descartes und dem "Dritten Reich", insofern Descartes eine Form der Herrschaft des Menschen über den Raum angedacht hat, die sich im "Dritten Reich" auf besonders schreckliche Weise als "machinales" Herrschaftsdenken mithilfe der Indienstnahme der Naturwissenschaften entlarvt hat.

ZEIT: Nun hat er aber in den Juden ebenfalls einen Ausdruck einer wurzellosen Moderne gesehen.

Vietta: Das mag sein. Er hat in ihnen den "rechnenden Geist" am Werk gesehen und dabei völlig übersehen, dass Juden in bestimmte Berufe gedrängt wurden. Die Einseitigkeit der Rationalität bleibt aber Hauptpunkt der Kritik, was mit Antisemitismus nichts zu tun hat. Heideggers Kritik an Juden ist Zivilisationskritik, kein Rassismus.

ZEIT: Das wird unterschiedlich bewertet. Sein jüdischer Schüler und Emigrant Karl Löwith berichtete, wie Heidegger 1936 in Rom vor ihm das Parteiabzeichen trug.

Vietta: Ich habe darüber mit Martin und Elfride Heidegger gesprochen. Und beide versicherten, dass auf seiner uniformähnlichen Jacke eine Anstecknadel, aber kein Parteiabzeichen war. Hannah Arendt hätte sich wohl kaum mit ihm versöhnt nach dem Krieg, wenn er ein bekennender Antisemit gewesen wäre. Wir dürfen nicht vergessen: Heidegger war so ziemlich gegen alles, was die Moderne verkörperte: gegen die Herrschaft der Rationalität, die totalitäre Technik, die er das "Gestell" nennt, Amerikanismus, Bolschewismus, Liberalismus – und dann unter vielen anderem auch gegen das "rechnende Denken" der Juden.

ZEIT: Warum konnte Heidegger nicht ein Wort des Bedauerns, des Entschuldigung finden?

Vietta: Nach Heidegger kommt am "Dritten Reich" im Sinne des Unverborgenen etwas zum Vorschein, was die neuere Weltgeschichte prägt. Am "Dritten Reich" hat er etwas erkannt, was er das "machinale Wesen" nennt – etwas über den Weltzustand ist für ihn da erkennbar, es hat geschichtserhellende Funktion für das Herrschaftsdenken der Neuzeit. So erkläre ich mir es. Es bleiben für ihn Dichtung und Sprache als Formen der wahren Seinserkenntnis.

ZEIT: Haben Sie mit Heidegger selbst über seine Rektoratszeit 1933/34 gesprochen.

Vietta: Ja, und er sagte schlicht, dass damals einfach alles nicht so klar gewesen sei. Das sahen ja auch viele Zeitgenossen so.