Nach dem Tod ihres Mannes übernahm Käte Ahlmann (1890 bis 1963) die Leitung der Carlshütte bei Rendsburg © Hausarchiv Ahlmann

Sehr geehrte Käte Ahlmann,

neulich musste ich an Sie denken. Ich war in den Bus gestiegen, bepackt mit Einkäufen. Meine Beine waren müde, ich hatte mir eine Blase gelaufen. Gerne hätte ich mich gesetzt, aber alle Plätze waren belegt. Niemand ist aufgestanden. Da kam mir etwas in den Sinn, was Sie einmal gesagt haben: "Ob ein Mann mir seinen Platz in der Straßenbahn anbietet, das ist mir egal, er soll mir einen Platz in seinem Aufsichtsrat anbieten." Der Satz hat mir imponiert. Er strotzt vor Selbstbewusstsein, ohne ideologisch zu sein. Er zeugt von einem pragmatischen Machtbewusstsein. Umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, wann Sie ihn gesagt haben – 1958, vor mehr als 50 Jahren.

Sie sind schon viele Jahre tot, und noch nie habe ich einen Brief an eine Tote geschrieben. Dieser eine Satz hat mich aber doch dazu bewogen, es zu tun.

Es muss Sie überraschen, dass eine junge Frau noch ein halbes Jahrhundert später mit Ihrem Satz von der Straßenbahn anfängt. Sie hätten es wohl nicht für möglich gehalten, dass er heute – wir haben inzwischen 2014 – noch aktuell sein könnte. Ich will Sie nicht mit frauenrechtlicher Historie langweilen, ich weiß, dass Sie dafür nicht viel übrig haben. Doch erlauben Sie mir, Sie auf den neuesten Stand zu bringen. 1977, 14 Jahre nach Ihrem Tod, trat ein Gesetz in Kraft, das die Hausfrauenehe abschaffte. Jetzt durften Frauen auch ohne die Zustimmung ihres Ehemannes arbeiten gehen.

Rechtlich sind Frauen und Männer heute gleichgestellt. Inzwischen machen mehr Mädchen das Abitur als Jungen, sie besuchen häufiger eine Hochschule und haben die besseren Abschlüsse. Frauen sind also genauso gut ausgebildet wie Männer, aber an der Spitze von Unternehmen sind sie immer noch eine seltene Spezies: Bloß vier Prozent der Vorstandsposten in den 200 umsatzstärksten Unternehmen des Landes sind von Frauen besetzt. (In den Aufsichtsräten, von denen Sie ja damals sprachen, sind es 15 Prozent.) In Familienunternehmen, wie Sie eines geführt haben, sieht die Lage zwar etwas besser aus, doch kein einziger der 30 größten Dax-Konzerne wird von einer Frau geführt.

Warum das so ist? Die einen sagen: Die Männer hindern die Frauen am Aufstieg. Die anderen sagen: Die Frauen wollen gar nicht ganz nach oben. Ich wünschte, Sie könnten sich einmischen.

Denn Sie, liebe Käte Ahlmann, wollten damals ganz nach oben, und Sie haben jeden Mann, der Sie daran zu hindern suchte, besiegt. 1931, als Ihr geliebter Ehemann Julius an einem Gehirntumor gestorben war, da haben Sie seine Firmenanteile am ältesten Industriebetrieb Schleswig-Holsteins übernommen. Das war die Carlshütte in Büdelsdorf bei Rendsburg. Anders als andere Witwen Ihrer Zeit, die sich damit begnügten, das Familienerbe für die Nachkommen zu verwalten, wollten Sie selbst die Chefin sein. Als vierfache Mutter. Mit welcher Hartnäckigkeit Sie den Eintritt in die Firmenleitung erzwungen haben – unglaublich! Ihren Widersachern haben Sie so lange die Hölle heiß gemacht, bis Sie die Alleinherrscherin über das Stahlwerk waren.

Nein, Sie haben keine Frauenquote gebraucht. Ihnen muss eine solche Zwangsmaßnahme würdelos erscheinen. Sie hätten bestimmt nicht geglaubt, dass Frauen zu einer Zeit, da Straßenbahnen fast ausgestorben sind, zu solchen Mitteln greifen müssen.

Wissen Sie, die heutigen Wirtschaftsführer sind noch nicht so weit, wie Sie es 1931 waren. Ich habe mir Ihre Reden angesehen, die Sie als Gründerin und Präsidentin der Vereinigung von Unternehmerinnen (es gibt sie noch, heute heißt sie Verband deutscher Unternehmerinnen) gehalten haben. Dieses Netzwerk war, wie ich gelernt habe, enorm wichtig für Witwen und Erbinnen, die nach dem Tod ihrer Ehemänner oder Väter über Nacht große Firmen führen mussten. Sie sahen es als Ihre Pflicht an, diese Unternehmerinnen mit Erfahrungen und Kontakten zu unterstützen. Sie setzten sich immer für Frauen ein, eine Feministin waren Sie aber nie. Im Gegenteil: Ihnen ging es nicht um die Frauen, Ihnen ging es um Fachkräfte. Was Sie antrieb, war die Überzeugung, dass keine Wirtschaft es sich leisten kann, auf die Hälfte der Talente zu verzichten.