Ein Kopf aus Einsen und Nullen: Willi Buchers 3D-Projektion "Aristotle's Brain" © Unpainted/Courtesy of Galerie Wolkonsky

Der Guru der Medientheorie Marshall McLuhan hat es der Medienkunst nicht gerade leicht gemacht. Seiner Ansicht nach war fast alles von Menschenhand Geschaffene ein Medium – Brillen, Autos, sogar seine Sekretärin betrachtete er als Medium. Vor diesem Hintergrund könnte man mit Recht fragen: Welche Kunst ist eigentlich keine Medienkunst? Könnte man unter diesem Rubrum nicht alles und nichts abhandeln?

Als McLuhan in den sechziger Jahren seine bis heute populären Theorien formulierte, gaben Künstler wie Nam June Paik, ungerührt von theoretischen Spitzfindigkeiten, ganz einfach selbst die Antwort: Medienkünstler bedienten sich der elektronischen Medien wie TV und Video, die bis dato nicht als kunstkonform galten. Und anstatt ihre Medien vergessen zu machen, wie es beispielsweise in der illusionistischen Malerei üblich war, stellten sie sie offen zur Schau. Darüber hinaus setzten sie zunehmend auf Interaktion mit den Betrachtern und sagten der Stasis der bildenden Kunst Lebewohl, indem sie zeitbasierte Elemente – etwa Film und Musik – integrierten. Bis heute beruht der Begriff der Medienkunst weitestgehend auf diesen vier Zuschreibungen: Kunst mit Stecker, die den Stecker nicht versteckt, die Betrachter involviert und sich Zeit nimmt für Zeitlichkeit.

In München eröffnete vergangene Woche mit der Unpainted Media Art Fair die erste große Messe für Medienkunst in Deutschland. Mehr als 50 internationale Aussteller waren im Postpalast vertreten, darunter nicht nur kommerzielle Galerien wie DAM (Frankfurt/Berlin) und Steve Turner Contemporary (Los Angeles), sondern auch Vereine und Institutionen. Die Direktorin der Unpainted, Annette Doms, präsentierte ein erfreulich breit gefächertes Programm – von eher unbekannten Künstlern in der von Li Zhenhua kuratierten Sektion Lab 3.0 über Wegbereiter der Medienkunst wie Peter Weibel bis hin zur aktuellen Avantgarde, darunter das auf performative Synästhetik spezialisierte CAMP Festival for Visual Music.

Unabhängig von der Qualität der einzelnen Arbeiten lässt sich sagen, dass Doms Fokus auf demokratische Vielfalt und Simultaneität der Formate dem Gegenstand der Messe kongenial war. Medienkunst ist weniger "Kunst-als-Kunst", sondern eher eine symbolische Form hybrider spätmoderner Existenzverhältnisse, wie sie McLuhan 1967 beschrieb: "Unsere neue Umwelt zwingt uns zu Engagement und Teilnahme. Heute nehmen wir, ob wir wollen oder nicht, Anteil am Leben aller anderen und sind füreinander verantwortlich." Anteil und Teilnahme an allem – vielleicht ist das die Antiessenz der Medienkunst, die sie so diffus macht und die sie so oft in ähnlich mehrdeutige Bereiche wie Visual Music, Expanded Cinema, Digital Art und Creative Industries übergehen lässt.

Ein "Brain Painter", der mit der Kraft seiner Gedanken malt

Mit ihrem kollaborativen Projekt Heteronomous Realities auf dem Stand der Galerie Carolyn Heinz brachten der Brain Painter Adi Hoesle – er pflegt bisweilen mit der Kraft seiner Gedanken zu malen – und die Konzeptkünstlerin Margret Eicher diese Eigenheit auf den Punkt oder besser gesagt: auf den Teppich. Eicher verwob Motive aus der heutigen Populärkultur zu altertümelnd-aristokratesken Wandbehängen, Hoesle reduzierte das Bildmaterial mithilfe einer Software auf ein wandfüllendes abstraktes Streifengeschwader. Vergangenheit und Gegenwart reichten sich hier die Hand, Vulgarität und Raffinesse, Erotik und Technik gesellten sich dazu – ein veritables Sittenbild der Gegenwart in den liberalen Medien- und Konsumkulturen.

Der elektrifizierte Paukenschlag der Unpainted überrascht insofern, als er erst jetzt kommt. Schließlich ist Medienkunst schon seit den siebziger Jahren in Ausstellungen und im Diskurs etabliert. Das gilt jedoch nicht zwingend für den Markt für Medienkunst. Potente Sammler wie Frieder Burda bekennen sich stolz dazu, nur Kunst ohne Stecker zu erwerben. Die Magie herkömmlicher Artefakte wie Gemälde und Skulpturen besteht für diesen Typus Sammler darin, dass die virtuellen Bildobjekte ihre materiellen Trägerobjekte transzendieren, unabhängig davon, ob das Atomkraftwerk nebenan gerade genügend Power liefert oder nicht. Magie zum An- und Abschalten ist da ein wenig prosaischer – zu nahe dran an der zweiten Natur der Moderne, der allgegenwärtigen Technokultur. Abgesehen davon, ist es wohl schlicht bequemer, wenn das symbolische Kapital keiner Glühbirnenwechsel und Software-Updates bedarf.

Doms indes ist überzeugt, dass der Markt für Medienkunst im Aufschwung begriffen ist. Wie bei allen jüngeren Kunstformen habe es einiger Zeit bedurft, bevor die Sammler ihr Misstrauen verloren hätten. Nun, was sollte Doms als Medienkunstbotschafterin auch anderes sagen, könnte man einwenden. Doch einiges spricht für ihren Befund. Zum einen, dass die Unpainted nicht etwa von staatlicher oder städtischer Seite initiiert wurde, sondern vom Münchner Privatsammler Benedict Rodenstock. Zum anderen wurden laut Doms auf der Messe ganz ordentliche Verkäufe erzielt. Die Spannbreite reichte von wenigen Euro für eine App des Medienkunstpioniers Miguel Chevalier bis hin zu Preisen um die 75.000 Euro für Arbeiten David Quayolas – wobei dieser mit seinen Captives ausgerechnet auf Michelangelos Prigioni Bezug nimmt und somit die traditionelle Kunst gleichsam durch die Hintertür für klingelnde Kassen sorgte. Überdies war auf der Unpainted dann doch verhältnismäßig viel Flachware zu sehen – das Tafelbild hat sich vielfach nur in Bildschirme verwandelt, die zwar ein dynamischeres audiovisuelles Erlebnis ermöglichen, aber nichtsdestotrotz steif an der Wand kleben.