Das Leben ohne Schmerz beginnt mit einem Baby, das nicht weinen möchte. Ganz ruhig liegt es da, gleich nach der Geburt und auch später, als die Nadel der Impfspritze in seine Haut eindringt. Sobald die ersten Zähne wachsen, zerbeißt das Baby fröhlich seine Lippen. Dann der erste Knochenbruch, das Kleinkind betrachtet seinen dicken Ellbogen wie ein neues Spielzeug. Von jetzt an dokumentiert das Familienalbum ein Heranwachsen in Bandagen, Gipsverbänden, Schienen; auf den meisten Fotos lacht das Kind.

Es sind die Eltern, die sagen: Unser Kind verletzt sich, weil es keine Schmerzen spürt. Die meisten Ärzte finden diese Annahme wahnwitzig. Nach zahllosen Verletzungen, Diagnosen und Erklärungsversuchen geben sie den Eltern recht.

Heute ist Léonard neun Jahre alt. Manchmal weint er. Aber seine Eltern erkennen darin das nachgeahmte Weinen eines Schauspielers. Vor ein paar Tagen erst geschah es wieder, da war Léonard in der Schule mit Wucht auf sein Gesicht gestürzt. Er sah das Blut, die Panik der Kinder und Lehrer und begann dann selbst zu schreien und zu heulen. Nasenprellung, Krankenhaus, bald war er wieder gut drauf. "Hat's wehgetan?", fragte seine Mutter – eine sinnlose Frage, aber sie interessierte sich für die Reaktion darauf.

"Ein bisschen."

"Hast du geweint?"

"Ein bisschen."

Schmerzlos, aber Gebrechen wie ein Greis

Léonard stützt seinen verbogenen Körper auf einen Rollator, aus der Ferne betrachtet sieht es aus, als laufe ein winziger alter Mann über den Pausenhof der Grundschule in Stockholm. Kommt man ihm näher, sieht man einen Jungen mit riesigen braunen Augen, der genau weiß, wie süß er lächeln kann. Er will jetzt Fußball spielen. Er holpert auf das Feld, ein Knirps mit Gehwägelchen zwischen lauter Giganten aus der vierten Klasse, die keine Rücksicht nehmen, jagt dem Ball nach und eilt gleich wieder davon, Kastanien sammeln mit seinem Kumpel. Léonard, der Junge, der keinen Schmerz spürt, hat sich den Stärksten seiner Klasse als besten Freund ausgesucht. Es ist, als ahne er, wie zerbrechlich seine Kindheit ist.

Fünfzig Mal wird er wohl operiert worden sein, schätzen die Eltern. Léonards Krankenakte sei so dick wie das Telefonbuch von Stockholm, sagen sie. Seine Mutter, eine blonde, hoch gewachsene Frau, Managerin in einem Kosmetikkonzern, und der Vater, ein jovialer Franzose, der Autos verleast, haben Panikjahre hinter sich. Die meisten Knochenbrüche kamen wie Katastrophen aus dem Nichts, beim Treppensteigen etwa, sie haben wohl damit zu tun, dass Schmerz zum richtigen Auftreten und Abrollen des Fußes erzieht, zum Zusammenspiel der Gelenke. Oder eben nicht.

Eine Kindheit ohne Schmerz führt direkt ins Krankenhaus, darin liegt die eine Ironie. Die andere liegt darin, dass ein Krankenhaus ein Ort ist, wo solche Kinder gerne sind. Ein Ort ohne Leid. Am Tag, als er sich seinen Oberschenkelknochen gebrochen hatte, hüpfte Léonard über die Kinderstation wie ein Clown.

Möchte man das, ein ganzes Leben ohne Schmerz? Knochenbrüche mit links wegstecken? Niemals Migräne, niemals Magenkrämpfe, alt werden, ohne über Knie und Hüfte zu jammern? Diese Frage scheint so realistisch wie die, ob man ewig leben möchte. Aber das stimmt nicht. Es gibt Menschen, die, obwohl geistig wie körperlich normal ausgestattet, von Geburt an frei sind von diesem Gefühl, das unser Leben begleitet. Ein paar Dutzend Fälle weltweit sind bekannt, 23 von Wissenschaftlern beschrieben.