Wie erkläre ich als ostdeutsche Mutter, als ostdeutscher Vater meinen Kindern, aus was für einem Land ich stamme? Um diese Frage ging es kürzlich. Aber nicht nur zu Hause ist es schwierig, über die DDR zu sprechen. Auch im Unterricht gibt es dieses Problem: Sprachlosigkeit. Ein Erfahrungsbericht

Seit elf Jahren lese ich aus meinen Büchern zur DDR-Geschichte, in Schulen zwischen Hamburg und Dresden, Greifswald und Freiburg. Dabei erlebe ich noch immer, dass Lehrer ungeniert die SED-Diktatur verklären. Was sich kürzlich bei einer Lesung an der Comenius-Schule in Stendal ereignete, war in dieser Verdichtung eine Ausnahme – und doch steht es exemplarisch für den Umgang mit der jüngeren Vergangenheit an vielen Schulen in Ostdeutschland.

Ob ich denn wieder die DDR schlechtmachen wolle, fragt mich eine ältere Lehrerin kurz vor Beginn der Veranstaltung. Da sei ja schon einmal einer da gewesen, der habe alles dunkel dargestellt. Sie hoffe, ich mache das anders. Na, mal sehen, sage ich.

Was ihnen denn als Erstes einfalle, wenn sie die Abkürzung DDR hörten, frage ich die Zehntklässler gleich am Anfang. Mauer, Stasi und sichere Arbeitsplätze, sagen sie. Die gleichen Antworten wie anderswo. Dann verblüfft mich eine Schülerin: "Wer abgehauen ist, wurde verhaftet oder erschossen." Das ist, 24 Jahre nach dem Mauerfall, nahezu die wortwörtliche Wiedergabe des Schießbefehls der DDR-Grenztruppen: "Grenzverletzer sind festzunehmen oder zu vernichten!"

Ich lese den rund fünfzig Schülern aus meinem Buch Die Grenze durch Deutschland vor, der Geschichte eines tödlich gescheiterten Fluchtversuchs aus der DDR. Danach erzähle ich ihnen von Tätern, Opfern und Mitläufern der SED-Diktatur: dass niemand gezwungen wurde, zu den Grenztruppen zu gehen. Dass es für Grenzsoldaten Vergünstigungen gab, dass sie bei der Studienplatzvergabe bevorzugt wurden, mehr Ausgang hatten. Dass Denunzianten Prämien bekamen.

Ich erzähle ihnen, dass gescheiterte DDR-Flüchtlinge in der Regel mehrjährige Haftstrafen durchleiden mussten und DDR-Bürgern nicht nur die Reisefreiheit verweigert wurde, sondern auch andere elementare Menschenrechte, wie Presse- und Meinungsfreiheit, Religions- oder Versammlungsfreiheit.

Ich sage ihnen, dass man auch in der Diktatur die Wahl hat, ob man als Mittäter oder Mitläufer die Machthaber unterstützt oder versucht, sich weitestgehend zu verweigern.

Ich erzähle ihnen, dass die Mitläufer und Zuschauer sich dem Leid der politisch Verfolgten gegenüber verschlossen. Dass rund eine Viertelmillion Menschen in der DDR aus politischen Gründen im Gefängnis saßen und etwa eintausend Menschen an der Grenze erschossen wurden. Und dass nach dem Mauerfall nur sieben Todesschützen und zwei Dutzend Befehlsgeber ins Gefängnis mussten.

"Die meisten Verantwortlichen haben ja nach dem Mauerfall wieder Karriere gemacht. Zum Beispiel als Bürgermeister", sagt ein Schüler. Ob er den Stendaler Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) meine, frage ich. Ja, den auch. Woher er das wisse. – "Man will ja wissen, wo man lebt und wer einen regiert." Die Klarsichtigkeit dieses Zehntklässlers freut mich.

Anfang 2008 hatte ich bei einer Lesung im Stendaler Rathaus die Vergangenheit von Bürgermeister Schmotz offengelegt, erzähle ich. Oberstleutnant Schmotz war als einer der mächtigsten Offiziere im Grenzkommando Nord (mit Sitz in Stendal) mitverantwortlich für das mörderische Grenzregime. Kurz nach meiner Lesung haben ihn zwei Drittel der Bürger wiedergewählt. Wobei rund 70 Prozent nicht zur Wahl gegangen sind.

Ich frage die Schüler, wie denn Demokratie, also Volksherrschaft, funktionieren soll, wenn die Mehrheit der Bürger nicht einmal ihren Bürgermeister wählt. Schließlich ermutige ich die Zehntklässler, sich dem Leid anderer gegenüber niemals zu verschließen, sondern hinzuschauen. Sich für die Demokratie einzusetzen.

Fünf Minuten vor dem Ende der Schulstunde meldet sich wieder die ältere Lehrerin zu Wort: "Ihr Vortrag war nicht objektiv, Herr Grafe! Sie haben nur subjektiv berichtet." Und an die Schüler gewandt: "Fragt doch heute mal eure Eltern, wie es in der DDR wirklich war!" Ob sie ihren Vorwurf belegen könne, frage ich. "Ja. Ich habe mich wohlgefühlt in der DDR", lautet ihr Argument. "Auch unser Besuch aus Hamburg kam jedes Jahr gern nach Stendal. Und Sie haben heute die DDR schlechtgemacht. Wenn man sich in Diktaturen an die Regeln hält, passiert einem nichts. Ich frage mich, warum Sie wieder hergekommen sind, wenn Sie Stendal nur schlechtmachen."

Das sei ja genau das Problem, sage ich: dass man sich in einer Diktatur wohlfühle und das Leid der Opfer verdränge. "Diktaturen muss man nicht schlechtmachen – sie sind schlecht. Und welche Regeln meinen Sie denn? Wie würden Sie es finden, wenn man Ihnen auf der Straße die Handtasche raubt und sie Ihnen, weil Sie sich wehren, auf den Kopf schlägt – und Ihnen dann der angeklagte Räuber vor Gericht sagt, Sie hätten sich ja nicht wehren müssen, dann hätte er Sie auch nicht geschlagen? Ich finde dreist, was Sie hier sagen! Ich bin wieder nach Stendal gekommen, um Ihren Schülern das zu sagen, was Sie verschweigen. Unterrichten Sie Geschichte?" Ich frage zweimal. Die Lehrerin antwortet nicht.

Eine Schülerin springt der Lehrerin bei: "Meine Mutter war Kindergärtnerin in der DDR. Die fand es dort auch gut. Ich finde frech, was Sie sagen!"

Ich zitiere aus dem Bildungs- und Erziehungsprogramm für DDR-Kindergärten (1985), in denen die "Feindbildvermittlung" und "Haßerziehung" in der "Jüngsten Gruppe" (3 bis 4 Jahre) begann: Die Kinder sollten erfahren, dass die Soldaten – die "stark, mutig, klug, geschickt" sein müssen und "sich im Schießen üben" – das "Leben der Menschen und die DDR schützen, weil es noch immer Feinde gibt, die alles zerstören wollen". Die Kinder "sollen zu einem Angehörigen der Nationalen Volksarmee, der Grenztruppen bzw. der Volkspolizei enge Beziehungen entwickeln".

"Wenn das Ihre Mutter wie vorgegeben vermittelt hat, verstehe ich, wieso sie die DDR gut findet", sage ich. Die Stunde ist zu Ende. "In Bayern hätten Sie nicht auf dem Tisch sitzen dürfen!", ruft mir die Lehrerin noch zu.

Ein Schüler kommt und bedankt sich bei mir mit leuchtenden Augen. Ein zweiter – jener, der wissen will, von wem er regiert wird – sagt mir: "Genau das meinte ich: Die sind alle noch da."

Nach der Lesung sage ich der Schulleiterin, Frau Henning, dass ich eine verbindliche Klarstellung der Äußerungen der Lehrerin gegenüber ihren Schülern, deren Eltern und mir erwarte. Das geschieht in den folgenden Wochen nicht. Die Lehrerin habe, so die Direktorin, nur "ihre persönliche Meinung wiedergegeben" – und "Meinungsäußerung ist ja in der Demokratie nicht verboten". Als ich daraufhin ankündige, den Fall öffentlich zu machen, teilt mir die Schulleiterin mit, dass ich in ihrer Schule dann nicht mehr lesen dürfe.

Diktaturverklärung an einer Schule des Landkreises Stendal – das ist kein Ausrutscher. 1995 hatte der Kultusminister Sachsen-Anhalts, Heinz Reck (SPD), eine Empfehlung zur Darstellung der DDR im Unterricht abgelehnt, in der von SED-Unrecht, Verfolgung und Massenflucht die Rede war. Er verwahre sich dagegen, erklärte der Kultusminister, dass die DDR in der Empfehlung als "System politischer Unfreiheit" bezeichnet werde. Das Papier erinnere ihn an "SED-Propaganda, nur mit veränderten Vorzeichen".

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