An dem Tag, an dem sie beschloss, zu sterben, soll sie noch einmal den Müll rausgebracht haben. Sie war 89 Jahre alt, legte sich ins Bett und nahm die Pille, die sie seit Jahren für diesen Zweck bereitgelegt hatte. Ein gelbes Nachthemd verhüllte ihren vom Krebs eroberten Körper. Ganz gelassen habe sie ausgesehen, sagte die Frau, die sie am nächsten Morgen fand. Im Wohnzimmer ihrer Londoner Wohnung standen weiße Tulpen.

Es war der 15. Februar 1998. In den Tagen danach druckten die Zeitungen Fotos: Eines zeigte sie in einem Kornfeld, jung und schön, mit windzerzaustem Haar und einem Gewehr in der Hand. Ein anderes, das bekannteste, zeigte sie an der Seite ihres ersten Ehemannes als das, was sie war, aber niemals nur sein wollte: die dritte Gattin des Schriftstellers Ernest Hemingway.

Martha Gellhorn war eine der ersten Kriegsreporterinnen der Welt. Sie berichtete über neun Kriege, sie fuhr in den Spanischen Bürgerkrieg und überlebte die Bomben russischer Streitkräfte in Finnland. Sie erlebte die Landung der Alliierten in der Normandie und war dabei, als amerikanische Truppen die Leichenberge in Dachau entdeckten. Sie berichtete aus China und Vietnam, da war sie schon fast sechzig. Aus mehr als fünfzig Ländern schrieb sie Romane und Reisereportagen.

Zuletzt lebte Martha Gellhorn in einem roten viktorianischen Backsteinhaus in Chelsea. Eine gute Gegend: Hier parken die Ferraris der Reichen. Und um die Ecke betrinken sich am Abend die Banker. Vor Gellhorns Haus steht Caroline Moorehead, eine zerbrechliche Frau Ende sechzig. Ihre Mutter hatte die Reporterin in Afrika kennengelernt. Die kleine Caroline sah Gellhorn oft, sprach mit ihr und hielt die Verbindung auch dann, als sie älter wurde.

"Wenn ich sie besuchte, rauchte Martha meist", erinnert sich Moorehead. Sie öffnete die Tür stets elegant, ganz in Schwarz gekleidet und mit rotem Lippenstift. Sie sprach gerne über Politik und schätzte scharfsinnige Witze; die Wunden ihres Lebens behielt sie für sich. Und wer es wagte, Martha auf Hemingway anzusprechen, den schmiss sie raus. Gellhorn fragte nie: "Wie geht’s dir?" Sie fragte nur: "Woran arbeitest du?" Ein Mensch, der nichts leistet, war ihr zu wenig. Martha mochte Menschen, die kämpfen. Sie hatte den Willen, unabhängig zu sein – bis in den Tod. Moorehead sagt: "Martha konnte witzig und bezaubernd sein – aber ich hatte Angst vor ihr!"

"Arbeit, die einzigartige Droge" – das hing über ihrem Schreibtisch

"Ihr Lebensmotto war: Reiß dich zusammen", sagt Moorehead. Martha glaubte nicht ans Grübeln. Sigmund Freud habe sie zum Lachen gebracht. 1972 schreibt Martha einer Freundin: "Ich bin von einer guten, harten Schule geprägt, deren erste Lektion lautet: Weitermachen. Irgendwie. Man lernt durch Taten, nicht durch Herumsitzen und Beschau seiner eigenen Innereien."

Die Pionierin Martha Gellhorn wird am 8. November 1908 im amerikanischen St. Louis geboren. Schon ihre Eltern sind Pioniere. Ihr Vater, ein angesehener Gynäkologe, ist deutscher Halbjude, der vor den Antisemiten geflüchtet ist. Ihre Mutter, ebenfalls Halbjüdin, kämpft für das Wahlrecht der Frauen und pflegt Kontakte zum Weißen Haus. Martha bewundert ihren Vater, doch von ihrer Mutter sagt sie später, sie sei die größte Liebe ihres Lebens. Martha ist eine gute Schülerin, sie schreibt Gedichte. Doch das Upper-Class-Leben in St. Louis reicht ihr bald. "Langweilig!" wird ihr Lieblingsschimpfwort. Sie bricht ihr Studium ab und geht im Frühling 1930 nach Paris, will Schriftstellerin werden. Sie jubelt: "Endlich bin ich frei. Das ist meine Show! Meine Show!"

Als Martha sich von Paris aus als Auslandskorrespondentin bei der New York Times bewirbt, wird sie ausgelacht. Deshalb schreibt sie über Mode. Es folgt eine Affäre mit dem erfolgreichen Journalisten Bertrand de Jouvenel, der nicht verliebt genug ist, um sich von seiner Frau scheiden zu lassen, aber durchaus verliebt genug, um ihretwegen 1933 ein Interview mit dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler sausen zu lassen. Als sie nach Amerika zurückkehrt, ist Martha schwanger. Die Abtreibung bezahlt sie vom Texthonorar der Vogue. Drei Wörter helfen ihr über den Kummer hinweg: travail – opium unique ("Arbeit, die einzigartige Droge"). Der Spruch hing über ihrem Schreibtisch.

Mit 21 Jahren veröffentlicht sie ihr erstes Buch, für das sie durchs ganze Land reiste: The Trouble I’ve Seen. Es beschreibt die Folgen der Großen Depression in Amerika. Der Chefredakteur der Zeitung, für die sie damals arbeitet, feuert sie, weil sie Partei ergreift: Sie stiftet die Arbeiter lieber dazu an, Fenster einzuschmeißen, als einen ausgewogenen Artikel über das Arbeiterproblem zu verfassen. Doch das ist erst der Anfang. Ihr erster Krieg steht bevor. Und die zweite Liebe.