Silvio Vietta macht das unbekannte "Schwarze Heft" öffentlich.

Auf dem Esstisch des 72-jährigen Literaturprofessors Silvio Vietta in Heidelberg liegt ein kleines, schwarzes Schulheft, ein noch unveröffentlichtes Werk des Philosophen Martin Heidegger, von dem man bis vor Kurzem nicht einmal wusste, ob es noch existiert. Es wurde bislang weder von der Familie Heidegger noch vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo Heideggers Werke aufbewahrt werden, gesichtet: das bislang verschollene Exemplar der insgesamt 33 Schwarzen Hefte des Philosophen, überschrieben mit Anmerkungen I. Es handelt sich um Notizen, die in die Zeit des Kriegsendes fallen. Es gab Hinweise von Philosophen auf den möglichen Verbleib des Heftes, also fuhren wir nach Heidelberg.

Silvio Vietta, der in Hildesheim Germanistik lehrt, präsentiert es mit heiterer Plauderlaune und lebhaften Gesten, er schenkt den Besuchern Tee ein und schlägt vor, sich vielleicht doch erst einmal die Hände zu waschen. Dann könne man es in die Hand nehmen und darin herumblättern. Transkriptionen zentraler Stellen der handschriftlichen Notizen habe er auch erstellt. Martin Heideggers Handschrift habe ihre Eigenwilligkeiten.

Man muss wissen, dass an diesem Schwarzen Heft Heideggers ein ganz besonderes Interesse besteht. Bereits die bislang bekannten Schwarzen Hefte aus dem Nachlass machen kurz vor ihrem Erscheinen im kommenden März Furore. Sie bilden das letzte große Werk des für viele bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, das er Verdichtetes nannte. Von Anfang der dreißiger Jahre an notierte Heidegger etwa 40 Jahre lang philosophische Reflexionen und Gedanken zur Zeit – sie ergeben mehr als 1200 Druckseiten. Durch französische Intellektuelle sind daraus vor Kurzem bereits markante antisemitische Stellen des im Nationalsozialismus engagierten Philosophen publik geworden. Heidegger spricht in den Schwarzen Heften während des "Dritten Reichs" von der "Weltlosigkeit des Judentums" und davon, dass die Juden "bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip" lebten. Der Herausgeber der Schwarzen Hefte der Gesamtausgabe, der Philosoph Peter Trawny, befand vergangenen Monat in der ZEIT, dass Heidegger in den Schwarzen Heften bestürzenderweise einen "seinsgeschichtlichen Antisemitismus" entfalte. Heidegger habe den Antisemitismus "zum Anlass philosophischer Gedanken gemacht" – ein Umstand, der eine neue, eine erschreckende Dimension seines Werkes offenbart. Die Debatte über die neuen Heidegger-Stellen hat sich bis heute nicht beruhigt, und man wartet gespannt auf die vollständige Veröffentlichung der Hefte.

Heidegger selbst hatte festgelegt, dass die Schwarzen Hefte am Ende der Gesamtausgabe erscheinen, sozusagen als krönender Abschluss seines Werks. Er hat sie in Überlegungen (bis 1941) und Anmerkungen (vermutlich etwa von 1945 an) unterteilt. Nur fehlte bislang ausgerechnet das Heft Anmerkungen I. Dass sich an diesem Heft, welches das besonders sensible Jahr 1945 umfasst, eine große Neugierde entzündet, liegt auf der Hand. Wie reflektiert Heidegger das Ende des Nationalsozialismus? Wie den Entzug der Lehrbefugnis im Zuge der Entnazifizierung? Findet sich auch in diesem Heft Antisemitisches? Oder gar Reue?

Dieses Heft also besitzt Silvio Vietta und zeigt es uns in seinem Heidelberger Haus. Demnächst verhandelt er mit dem Literaturarchiv in Marbach über einen Verkauf, damit es in die Gesamtausgabe aufgenommen werden kann. Es stehe darin, sagt er, allerlei über Hölderlin, über Kunst und Literatur im Allgemeinen, über das Griechentum als solches, über den Begriff der Notlosigkeit. Antisemitisches aber suche man darin vergebens. Allerdings gebe es in dem Heft bemerkenswerte Einträge zur Rolle der Universität und damit zu Heideggers Engagement als nationalsozialistischer Rektor der Freiburger Universität in den Jahren 1933/34. Und es enthält eine Reaktion Heideggers auf das zeitweise verhängte Verbot der Universität vom Januar 1946, noch lehren zu dürfen, das wir auf dieser Seite abdrucken. Heidegger beklagt die angebliche Geschmacklosigkeit des akademischen Vorgangs. Darauf, wie auch auf seine anderen Bemerkungen im Heft zur allgemeinen Rolle der Universität, wird zurückzukommen sein.