Ob Elsa geheult hätte? Lauthals protestiert, nur geseufzt, womöglich an keinem Punkt ihres römischen Profils gezuckt, im Angesicht dieses Schreckens bella figura bewahrt hätte – dass es schon wieder einer wagt, Elsa Schiaparelli zu bespielen, ihr Fashion Label! Letztes Jahr der alte Lacroix, jetzt also dieser junge Zanini, mit ihren großen haarigen Händen greifen sie nach der Elsa Schiaparelli-Welt, die sie herbeigezaubert hat. Circa 1920. Aus dem Nichts die Mode als Kunst etabliert! In Paris, als kleine Italienerin, mit den glamourösen Freunden Salvadore Dalí, Max Ernst, dem lustigen Cocteau – wilde, durchgeknallte Mode. Mantelskulpturen wie borkige Baumstämme, zerrissene Satinoberflächen, aus denen blutiges Fleisch schaut. Caféhaus-Jäckchen im Violett der Kardinäle, blasphemisch bestickt mit güldenen Monstranzen. Natürlich auch praktische Jerseykleider mit Plastikzipp, für Zack, die moderne Frau hat ja nicht alle Zeit der Welt.

Auch der junge Marco Zanini hat natürlich nicht alle Zeit der Welt. Die Welt dreht sich nicht langsamer, seit das Haus Schiaparelli 1954 schließen musste und Elsa 1973 starb. Im Sommer erst hatte der mächtige Luxuskonzern von Diego della Valle, dem das Label seit Jahren gehört, den Namen Zanini bekannt gegeben (ZEITmagazin Nr. 46/13) und allen Flüstereien ein Ende gesetzt, wer Elsa Schiaparelli wachküssen dürfte. Es war der vorläufige Höhepunkt eines Großmanövers, das vom neuen Briefpapier über die Installation einer Botschafterin (glutäugig: Farida Khelfa), einer Erinnerungskollektion des Altmeisters Lacroix (ZEIT Nr. 28/13) bis zur Anmietung der früheren Räume des Hauses Schiaparelli an der Place Vendôme führte, wo vor über hundert Jahren das Herz der Pariser Modewelt zu pochen begann und Elsa Schiaparelli ein großes Haus führte. Nr. 21. Atelierzimmerfluchten! Gleich neben dem Ritz, auch so ein aufzumöbelnder Mythos, tja, noch immer gegenüber von Chanel. An diesem Montag, dem ersten Tag der Haute-Couture-Shows des Jahres 2014, wurde ein pinkiger Teppich ausgerollt, pink wie Schiaparellis shocking pink.

Marco Zanini war kein Name, der Modefans in einen Strudel des Entzückens gestürzt hätte. Aber Alexander McQueen ist ja tot und mit ihm alle Wildheit, die in der Mode je zu haben war, er kam nicht in Betracht. Miuccia Prada hat schon immer, wie das Metropolitan Museum New York vor zwei Jahren zeigte (ZEIT Nr. 20/12), Impulse von Schiaparelli in eigenen Kollektionen inszeniert, Prada hat natürlich ihr eigenes Imperium. Zanini seinerseits hat diese Nähe zu schwierigen Frauen. Bei Versace war er zehn Jahre lang die Nr. 2, hinter Donatella. Zanini ist ein kunstsinniger Typ, 42 Jahre alt, dem hier ein Vogel-Tattoo den Nacken liebkost und da ein buntes Muster aus dem Ärmel wächst. Er sucht die Nähe der Kunst. Einmal hat er sogar einen Roman von Marguerite Duras als Inspiration genutzt (Der Liebhaber), seine letzte Kollektion für Rochas war inspiriert von Tennessee Williams’ Glasmenagerie, eine einzige luminöse fluoreszierende Leichtigkeit aus Duchesse-Satin mit pastelligen Blüten. Das bullige Mode-Orakel Suzy Menkes schrieb in der Herald Tribune, Zanini habe sich mit den "latenten Talenten eines Zuckerbäckers geoutet".

Suzy Menkes hat an diesem Montag ihren Pony wieder knallhart besprüht und zu seiner ikonischen Rückwärtsrolle festgesteckt. Franca Sozzani, die in der italienischen Vogue ein Feuerwerk von Ideen veranstaltet, gibt mit onduliertem Blondhaar eine Alice in Wonderland, Scuola di Rafael. Sehr viel Schwarz im weiß lackierten Raum, bis auf den Herrn im aprikosenfarbenen Pelz. Die Aufmerksamkeit gravitiert aber zu einem graustoppeligen Herrn, bzw. zu der rotgetönten Frau mit Pony, die neben ihm Platz genommen hat und rechts und links nach allen Händen greift und den erstaunten Besitzern zuruft: "Buongiorno, sono Carla!" Carla, ernsthaft, Carla wie Bruni? Sssssscht.