Wenn Louis Ortiz durch New York läuft, raus aus dem Central Park, die 5th Avenue entlang in Richtung Süden, vorbei an Modegeschäften und teuren Restaurants, dann bleiben die Menschen stehen. Sie schauen ihm hinterher. Einige erschrecken sich. Viele tuscheln. Die Mutigen fragen, ob sie ein Foto machen dürfen, die noch Mutigeren machen einfach eins. Manchmal salutiert ihm sogar jemand. Louis Ortiz lächelt, winkt, lässt jedes Foto zu, obwohl er weiß, dass nach dem ersten immer noch mehr kommen. Ortiz ist gut gelaunt. Beschimpft hat ihn heute noch keiner. Es ist allerdings auch erst halb zwölf.

Ortiz trägt einen Anzug in Navy-Blau, Slim Fit, zwei Knöpfe, ein weißes Hemd, goldene Manschettenknöpfe, über dem Herzen eine kleine amerikanische Flagge als Anstecker. Alles ist perfekt, nur die polierten Anzugschuhe hat er in den Rucksack gepackt und gegen lila Sneakers getauscht. Aber die Menschen schauen ihm nicht auf die Schuhe. Sie schauen ihm ins Gesicht. Ortiz nennt es seinen "genetischen Jackpot". Sie sehen dann nicht den Mann aus der Bronx, nicht den armen Kerl, der versucht, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Sie sehen ihren Präsidenten. Sie sehen Barack Obama.

So will es Ortiz ja auch. Sonst hätte er sich nicht dieses Outfit zugelegt. Sonst trüge er jetzt Shorts und Basecap. Und er wäre sicher nicht hier auf der 5th Avenue, eher irgendwo in der Bronx. Vielleicht in der Williamsbridge Tavern, wo dieser ganze Wahnsinn angefangen hat.

Irgendwann im Sommer 2008 sitzt Louis Ortiz dort abends am Tresen. Er ist in dieser Zeit sehr oft dort. Manchmal spielt er Billard. An diesem Abend sitzt er nur da und redet mit Pat, dem Barkeeper, der mittlerweile sein bester Freund ist. Pat ist ein guter Zuhörer.

Ortiz ist damals 37 und seit einem Jahr arbeitslos. Er ist ein frühes Opfer der Wirtschaftskrise, von heute auf morgen gefeuert von Verizon, dem größten Telefonanbieter der USA, für den er mehr als zehn Jahre als Techniker gearbeitet hat. Er hat sich Geld von Freunden geliehen und kann es nicht zurückzahlen. Bald wird er sich die Krankenversicherung nicht mehr leisten können. Seine Tochter sieht er kaum mehr. Sie lebt mit der Mutter in Florida. Er wohnt in einem kleinen Apartment in der Bronx, in einer Gegend, aus der wegzieht, wer kann.

Dann sagt Pat an diesem Abend: "Louis, ist dir eigentlich klar, dass du aussiehst wie dieser Typ auf der Titelseite heute, der gegen Hillary antritt?" Pat kommt nicht auf den Namen. Ortiz hat Obama zwar ein paarmal im Fernsehen gesehen, aber auch ihm fällt der Name nicht ein. Ist doch egal, sagt Ortiz und winkt ab. Er denkt, dass jetzt auch noch Pat mit diesen Scherzen über seine großen Ohren anfängt. Er hört sie seit der zweiten Klasse.

Es ist die Zeit, als Obama auf dem Weg nach oben ist. Noch ist er irgendetwas zwischen Außenseiter und Geheimfavorit. Ortiz ist Demokrat. Er ist sich sicher, dass er für Hillary Clinton stimmen wird. Er hat Bill gemocht. Trotz der ganzen Lewinsky-Sache. Mit dem anderen Kandidaten will er sich nicht beschäftigen.

Pat insistiert. "Du musst dir nur den Bart abrasieren. Wirst schon sehen", sagt er. Ortiz trägt einen Schnurrbart und einen Ziegenbart am Kinn, auf den er sehr stolz ist. 45 Minuten dauert es, bis Pat ihn überzeugt hat. Entscheidend ist der Satz: "Wenn dieser Typ Präsident wird, kannst du Geld machen." Geld kann Ortiz gebrauchen.

Er geht nach Hause und rasiert sich. Danach schaut er in den Spiegel und in das Gesicht von Senator Obama. Ortiz sagt: "Drum herum habe ich nur noch Dollarzeichen gesehen." Er zieht ein Hemd an und das einzige Jackett, das er besitzt. Er hat keine Anzughose und keine Schuhe. Also trägt er weiterhin Shorts und Sandalen, als er zurück in die Bar geht. Er hat sie kaum betreten, da fangen die Leute an, Fotos zu machen und zu jubeln.

Es ist erstaunlich, wie sehr Ortiz Obama ähnelt.

Die Haare, die Ohren, die Größe, die Hautfarbe, quasi identisch. Wenn man sein Profil anschaut, wie er so über die 5th Avenue schlendert, sieht man keinen Unterschied. Von vorn ist die Ähnlichkeit immer noch verblüffend. Ortiz hat sogar ein Muttermal, nur nicht wie Obama am linken Nasenflügel, sondern rechts unter der Nase, normalerweise verdeckt von seinem Schnurrbart.

Er hat es geschafft, diese Ähnlichkeit zu Geld zu machen. "So viel Geld wie möglich", das war sein Ziel. Er ist heute bekannt im Land. Gerade entsteht ein Dokumentarfilm über sein Leben, The Audacity of Louis Ortiz, "Der Mut des Louis Ortiz", vielleicht geht noch was in Hollywood. Ein Journalist hat ihm erzählt, dass Obama ihn kennt, dass er sich ein paar Videos auf YouTube angeschaut hat. Wenn Ortiz Obama mal treffen sollte, will er einfach alles wiederholen, was der Präsident sagt. Der soll sich fühlen, als ob er in den Spiegel sähe. Ein bisschen so, wie sich Ortiz seit fünf Jahren fühlt.

Von dem Abend in der Bar an hofft Louis Ortiz, dass Obama 2008 Präsident der Vereinigten Staaten wird. Es sind noch drei Monate bis zur Wahl, und er leiht sich ein paar Hundert Dollar für einen Anzug und Schuhe. Zwei Mal testet er in dieser Zeit diesen Look. Einmal bei einem Baseballspiel. Acht Mal zeigt ihn die Stadionkamera. Mütter geben ihm ihre Babys, damit er sie küssen kann. Hunderte fotografieren ihn. Einmal bei einer Comedyshow: Als er mit seiner Freundin dort ankommt, springt ihn ein Mädchen an, umklammert ihn mit den Beinen und versucht, ihn auf den Mund zu küssen. Sicherheitspersonal begleitet ihn nach drinnen. Er bekommt Ehrenplätze für sich und seine Freundin in der ersten Reihe.

Es ist die Zeit, als in den USA das Barack-Obama-Fieber jeden Tag zunimmt. Die Zeit von "change" und "Yes we can". Die Amerikaner fangen an zu glauben, dass dieser junge Mann aus Illinois das verkrustete Washington aufbrechen kann, dass er ein neuer Kennedy werden wird. Dass er, der erste Schwarze im Weißen Haus, das Land nach acht Jahren Bush, nach Kriegen, nach Terror und Folter, wieder mit sich selbst versöhnen kann. Und mit alledem wächst Ortiz’ Überzeugung, dass das Leben es auf einmal gut meint mit ihm. Dass er vielleicht gerade den Anfang seines ganz persönlichen American Dream gefunden hat. Er schwört sich, diese Chance zu nutzen.