Was bewegt Olli Rehn?Rock ’n’ Roll auf Finnisch

Mit seiner Hilfe wurde der Euro gerettet. Nun wird EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn Spitzenkandidat der Liberalen im Europawahlkampf. von 

Wenn Olli Rehn sich nach dem Fußballtraining sein Sporttrikot über den Kopf zieht, kann er sich für einen Moment wie ein Rockstar fühlen. "Sex, Drugs and Public Debt" steht in fetten Buchstaben auf dem T-Shirt. Der 51-jährige ehemalige finnische Erstligaspieler steht mit roten Wangen und weißer Zipfelmütze auf einem Bolzplatz am Brüsseler Stadtrand und grinst, während die Fußballfreunde johlen.

Die Realität hingegen ist so gar nicht zum Lachen. Seit vier Jahren nun spielen public debt, die Staatsschulden, eine Hauptrolle im Leben des EU-Wirtschafts- und Währungskommissars. Das T-Shirt hat ihm der frühere portugiesische Finanzminister geschenkt, als dessen Land gerade tief in der Krise steckte. Olli Rehn verantwortet nicht nur das portugiesische und das griechische Sparprogramm, sondern auch die Gründung des Euro-Rettungsschirms.

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Eine Woche nach dem Fußballspiel hält Rehn eine Rede auf dem liberalen Parteikongress in London. Wer ihn da stehen sieht, kann sich den Vizepräsidenten der Europäischen Kommission kaum im Fußballtrikot vorstellen. Man hat den Eindruck, dass dieser unterkühlte Finne höchstens in seiner Sauna lacht. Selbst Parteifreunde ächzen in solchen Momenten, ob der vielen Ähs und rhetorischen Pausen. Eine finnische Diplomatin sagt an anderer Stelle: "Ich kann ihm beim Denken zusehen."

Ein Rockkonzert von Bruce Springsteen ist ihm wichtiger als die Oper

Rehn führt seine Rhetorik darauf zurück, dass er Sprachen wie Mathematik lernt, "nach klaren Regeln". Und er muss stets aufpassen: Ein falscher Satz, und der Euro gibt um ein, zwei Cent nach. So kommt es, dass der Kommissar zwar das Gesicht der Krise ist, den Ton aber häufig andere angeben. Der mächtige EZB-Chef Mario Draghi etwa, der scheinwerfersüchtige Kommissionspräsident José Manuel Barroso oder die unnachgiebige Kanzlerin Angela Merkel.

Nun aber traut sich Rehn aus der Deckung. Erst ermunterte er Deutschland öffentlich dazu, etwas gegen zunehmende Handelsüberschüsse zu tun, dann verkündete er, die Liberalen als Spitzenkandidat in die Europawahl führen zu wollen. "Ich kämpfe für die Rückkehr der liberalen Idee", sagt er. Wenn Rehn am 1. Februar beim Fraktionstreffen offiziell nominiert wird und im Mai einen Achtungserfolg erreicht, ist er mittendrin im Brüsseler Postenpoker. Es gilt als ausgemacht, dass die Spitzenkandidaten der großen Parteien für anstehende Toppositionen gehandelt werden, etwa für das Amt des Ratspräsidenten, des EU-Außenministers und des Euro-Gruppenchefs.

In den Wahlkampf zieht Rehn jedoch nicht allein. Ihm zur Seite wird Guy Verhofstadt gestellt, derzeit Parteiführer im Straßburger Parlament. Der könnte am Ende Kommissionspräsident werden. Verhofstadt betreibt ein Weingut in Italien. Rehn trinkt nach dem Fußballspiel Jupiler, das Bier der Arbeiter. Als Rehn Mitte der neunziger Jahre in Oxford promovierte, beriet er die Fluggesellschaft Finnair und hätte kostenlos Businessclass fliegen dürfen. Doch Rehn buchte weiter in der Holzklasse, zum Studententarif. So erzählt es heute sein späterer Trauzeuge Timo Toropainen. "Bist du verrückt, warum nimmst du nicht die kostenlosen Tickets?", habe er Rehn gefragt. Dieser antwortete bloß: "Ich will nicht."

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