Efraim Zuroff neben einem Plakat der Kampagne "Spät. Aber nicht zu spät!" © Tobias Hase/dpa

ZEITmagazin: Herr Zuroff, Sie haben eine Biografie mit dem Titel Beruf: Nazijäger geschrieben. Wie definieren Sie Ihre Arbeit?

Efraim Zuroff: Ich bin jeweils zu einem Drittel Detektiv, Historiker und Lobbyist. Detektiv, weil ich die Nazi-Verbrecher aufspüren muss; Historiker, um die Beweislast zu erbringen und den Fall zu rekonstruieren; und Lobbyist, um den politischen Willen zu stärken, falls ein Land nicht bereit ist, den mutmaßlichen Verbrecher vor Gericht zu stellen.

ZEITmagazin: Welche psychologischen Fähigkeiten braucht man für Ihre Arbeit?

Zuroff: Ich muss das Persönliche aus den Strafverfolgungen heraushalten können, sonst würde meine Arbeit mich auszehren. Es geht nicht um mich gegen Aribert Heim, auch genannt "Schlächter von Mauthausen" oder "Doktor Tod". Und man braucht eine enorme Entschlossenheit und einen starken Glauben an die Notwendigkeit seines Handelns. Das ist nicht einfach nur ein Job, sondern eine Mission – mit einer relativ niedrigen Erfolgsrate.

ZEITmagazin: Was bedeutet denn Erfolg für Sie?

Zuroff: Wenn es zu einer Verurteilung und einer Strafe kommt, was eher selten passiert. Ein Erfolg war zum Beispiel, Dinko Šakić vor Gericht zu bringen, der mehr als 50 Jahre unbehelligt in Argentinien lebte. Er war einer der Kommandeure des kroatischen Konzentrationslagers Jasenovac, bekannt als "Auschwitz des Balkans", in dem vermutlich mehr als hunderttausend Menschen ermordet wurden. Šakić bekam die Höchststrafe und starb im Gefängnis.

ZEITmagazin: Ist es gerechtfertigt, nach so langer Zeit greise Nazis zu verfolgen, um sie vor Gericht zu stellen?

Zuroff: Der Faktor Zeit vermindert nicht die Schuld der Verbrecher. Nicht nur die jüdischen, alle Opfer verdienen es, dass alles unternommen wird, ihre Mörder vor Gericht zu bringen. Übrigens: Als Demjanjuk in München der Prozess gemacht wurde, versuchte er den Eindruck zu erwecken, er sei nicht verhandlungsfähig. Das war vorgetäuscht. Menschen, die ihn aus unmittelbarer Nähe sahen, bezeugten, dass er eine Minute nach Prozessende ein vollkommen anderer Mensch war. Wir nennen diese plötzliche Krankheit "Wiesenthalitis".

ZEITmagazin: Vor Kurzem haben Sie in Deutschland Ihre zweite Kampagne gestartet, mit der Sie nach Nazi-Verbrechern suchen: "Spät, aber nicht zu spät. Operation Last Chance II". Was bringen solche Aktionen?

Zuroff: Die erste Kampagne brachte Hunderte von Hinweisen, darunter 111 Namen mutmaßlicher Nazi-Verbrecher aus 20 Ländern, mehr als 80 davon in Deutschland ansässig, manche in den USA und einer sogar in Sambia. Wir belohnen jeden mit bis zu 25.000 Euro, der uns mit Informationen hilft, sie vor Gericht zu bringen.

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ZEITmagazin: Sie machen diesen Job seit 33 Jahren. Wie hat er sich auf Ihre Gesundheit und Ihre Psyche ausgewirkt?

Zuroff: Seit meine Enkel geboren sind, wird mir immer klarer, dass ich nur ein Glied in einer Kette bin. Ich fühle, dass ich sterblich und verwundbar bin, mich berührt die Vergangenheit emotionaler. Letztes Jahr war ich am Unabhängigkeitstag in Litauen. Zusammen mit Professor Dovid Katz, der gegen die Holocaust-Leugnung kämpft, und israelischen Studenten war ich in Kaunas mit Hunderten von Ultranationalisten und Neonazis konfrontiert. Diese Menschen wollen die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu schreiben. Es war beängstigend und gefährlich, ich fühlte mich ungeschützt, und wenn Blicke hätten töten können, ich wäre über hundert Mal gestorben. Eine Woche später erlitt ich zu Hause in Israel einen Herzinfarkt.

ZEITmagazin: Wie haben Sie überlebt?

Zuroff: Ich bin kurz vor sechs aufgewacht und hatte entsetzliche Schmerzen. Die Notärzte haben zum Glück sofort einen Herzinfarkt diagnostiziert und konnten mich retten. Bis dahin habe ich mich immer in guter Verfassung geglaubt, ich habe Sport gemacht und mich gesund ernährt. Aber ich habe eben auch viel gearbeitet, und ich habe einen frustrierenden Job, der viel Stress mit sich bringt.

ZEITmagazin: Ihr Großvater ist an einem Herzinfarkt gestorben.

Zuroff: Während er ein Grußwort sprach bei einer Feier der Yeshiva University in New York, deren Dekan er war. Er war 69 Jahre alt, zuvor hatte der Rektor ihn gefragt, wann er in Pension gehen wolle. Er sagte, man müsse ihn schon auf der Bahre heraustragen. So ist es dann passiert. Er starb bei der Ausübung seiner Pflicht. Ich will das nicht wiederholen, aber mir ist bewusst, dass wir eine Familie sind, die der Gesellschaft dient. Das gibt unserem Leben Sinn.

ZEITmagazin: Wie wichtig war für Ihr Leben Ihr Umzug nach Israel?

Zuroff: Ich fühlte mich als junger Mann in den USA während des Vietnamkriegs nicht zu Hause und empfand keine Loyalität. In Israel war das anders, ich spürte: Hier will ich leben und meinen Beitrag leisten. Die Rettung nach dem Infarkt war eine physische, der Umzug nach Israel eine spirituelle.