Immer wieder stellt sie sich dieselbe Frage: "Was haben wir falsch gemacht?" Elvira, so nennen wir die Mutter, die hier von ihrem Sohn erzählt, kommt ins Grübeln. "War es falsch, nur ein Kind zu haben? Zu Hause zu bleiben nach der Babypause, weil ich ihm eine gute Mutter sein wollte?" Zuletzt wäre an Lukas beinahe ihre Ehe gescheitert: an ihrem achtjährigen Kind, das nicht mehr zur Schule ging.

"Klar, Lukas war ein Einzelgänger, die Legos waren seine liebsten Spielkameraden. Aber daran ist doch nichts falsch. Oder?" Den Kindergarten schaffte der scheue, zurückhaltende Bub problemlos. Die ersten Schulwochen waren eine Freude, sogar die Hausaufgaben. "Dann, von einem Tag auf den anderen, war es vorbei. Einfach Schluss." Lukas blieb zu Hause.

Kinder, die nicht aus Jux schwänzen, aus einer Laune heraus oder um ihre Eltern zu ärgern, so wie dies in den höheren Klassen bei jedem Zweiten vorkommt, gelten als Schulverweigerer. Eine der wenigen Studien zum Thema besagt, dass 5,8 Prozent der Schulkinder "massiv" häufig der Schule fernbleiben. Dass also mehr als ein Kind pro Klasse sich nicht imstande fühlt, den Unterricht zu besuchen.

Um diese Kinder geht es hier. Und damit um ein Phänomen, das "massiv unterschätzt" wird, wie die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in der Studie Zu cool für die Schule schreibt. Ihr zufolge stammt die Hälfte der Schulverweigerer aus bildungsnahen Familien. Nur jeder dritte Fall betrifft eine sozial schwache, in gar nur 15 Prozent ist es eine Familie mit Migrationshintergrund. Sechzig Prozent der Betroffenen sind Knaben.

Was fast in der Trennung seiner Eltern endete, begann bei Lukas mit Bauchschmerzen. Sie kamen aus dem nichts, der Hausarzt fand keine medizinische Erklärung. Andere Kinder erbrechen, wenn sie nur schon das Schulhaus sehen. Bleiben wie "geschlagene Hunde" im Bett liegen, wenn sie aufstehen sollten. Flippen völlig aus. Die Symptome sind vielfältig, der Umgang damit auch. Bei manchen wird eine psychische Krankheit diagnostiziert, eine Depression zum Beispiel, ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder eine Angststörung. Bei anderen Kindern wird nie klar, was ihnen eigentlich fehlt.

Bei manchen hilft die Androhung eines Spitalaufenthalts, um ihnen den Weg in die Schule wieder zu ebnen. In einem Fall löste sich das Problem wie von allein, als die Mutter ins Spital musste und das Kind vom Vater betreut wurde. Bei andern hilft alles nichts.

So auch bei Lukas. Anfänglich versuchten die Eltern, den mysteriösen Schmerzen mit Medikamenten aus der Apotheke beizukommen. Sie halfen nicht. Bald intervenierte die Schule, lud zu Gesprächen, schaltete die Schulleitung ein. Die Stimmung kippte. Die Eltern fühlten sich unter Druck gesetzt, missverstanden, dann stand das Wort "Mobbing" im Raum. "Wir wollten nur noch weg, neu anfangen." Man drängte auf einen Schulwechsel. Am Ende willigte der Schulpsychologische Dienst ein.

Geschichten wie die von Lukas werden zu Fällen, die ein Dutzend Leute beschäftigen. Psychologen, Heilpädagogen, Lehrer, Schulleiter und irgendwann auch das Volksschulamt. Im Kanton Solothurn landen die schwierigsten Fälle auf dem Schreibtisch von Eva-Maria Fischli. Wenn sie die Beteiligten zu einer Sitzung lädt, liegen deren Nerven schon lange blank. Die Lehrer verzweifelt, die Eltern sowieso. Und nicht selten ist die Krise des Kindes auch zu einer Krise in der Elternbeziehung geworden. Doch was Fischli am meisten beschäftigt an diesen Treffen, "das ist die Unsicherheit und Angst, die in der Luft liegt. Die Lehrer sind verunsichert. Sie wissen, dass sie den Ansprüchen nicht gerecht werden, die von allen Seiten an sie herangetragen werden." Die Eltern auf der anderen Seite, auch sie seien von Angst geprägt: "Ich treffe häufig auf übertriebene Leistungsansprüche, gepaart mit der Angst, als Eltern zu versagen."

Sind die vielen Schulverweigerer ein Indiz für eine schlechte Beziehung zwischen Schule und Elternhaus?

"Nein", sagt Marion Heidelberger, Vizepräsidentin des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer (LCH). "Aber wir dürfen Schwänzen nicht länger als ein Disziplinarproblem ansehen, sondern sollten es als ein Alarmzeichen verstehen. Ein Zeichen für Überforderung, mangelndes Interesse, vielleicht auch für familiäre Probleme." An die Lehrkräfte geht die Empfehlung, sofort zu handeln, die Gründe sorgfältig abzuklären und den Eltern klarzumachen, was es bedeutet, wenn ein Kind nicht mehr zur Schule geht. "Da hilft nur genaues Hinsehen und Handeln. Allerdings fehlen den Lehrpersonen oft die zeitlichen Ressourcen für solche Abklärungen."

Als Lukas im Nachbardorf die Schule besucht, beruhigt sich die Situation. "Endlich dreht sich das Leben nicht mehr nur um die eine Frage: Geht er heute zur Schule?" Doch nach zwei Wochen kommen die Bauchschmerzen zurück. Die Absenzen werden zahlreicher. 10, 20, 30 Tage. Und wieder beginnt alles von vorn. Die Gespräche, die Krisen und immer häufiger auch die Streitereien zwischen den Eltern, die sich uneins sind, wie mit dem Kind umzugehen sei.

Bis ein Schulverweigerer in der Praxis von Martin Aegerter in Zollikofen landet, ist oft viel Zeit vergangen. "Manchmal zu viel", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Zuallererst geht es ihm darum, dass das Kind innerhalb von zwei bis drei Monaten wieder zur Schule geht, ansonsten wird eine stationäre Behandlung in Betracht gezogen. "Das Kind muss in der Schule wieder präsent sein. Ob es etwas leistet oder an Prüfungen teilnimmt, ist am Anfang zweitrangig." Die Bereitschaft von Lehrkräften, dafür Hand zu bieten, sei allerdings "sehr unterschiedlich".

Schuld daran, dass ein Kind zu Hause bleiben will, sind aber meist nicht Schulen. Zwar können schlechte Noten, zu viel Druck oder schwierige Lehrer der Auslöser für die Schulverweigerung sein, die eigentliche Ursache seien aber fast immer "familiäre Geschichten", sagt Martin Aegerter. Regelmäßig erlebt er, dass ein Elternteil psychisch krank ist oder an einer Sucht leidet, oft liegt eine Trennung in der Luft – und das Kind spürt das.

Auch Lukas hat eine Therapie begonnen. Und sich verweigert. "Irgendwann ist man selbst total am Ende", sagt Elvira. "Er ging nicht einmal zur Therapie, wenn ich ihm Geld dafür anbot. Am Ende fühlt man sich vom eigenen Kind erniedrigt." Immer mehr zieht sich die Familie zurück aus dem Dorf im Bernbiet, in dem sie leben. "Wir hatten genug von den Blicken, die sagten: Die bringen es nicht einmal fertig, ihr Kind in die Schule zu schicken."

Und so stellt sich nun für Elvira und ihren Mann die Frage: Schicken wir unseren Sohn in eine psychiatrische Kinderklinik oder in ein Kinderheim?

Zum Beispiel ins Sonderpädagogische Zentrum Bachtelen in Grenchen. 130 Kinder gehen dort zur Schule – bei einem Drittel ist "Schulverweigerung" mit ein Grund für die Einweisung. Für Leiter Karl Diethelm ist die "gestiegene Komplexität in der Schule, etwa durch offene Unterrichtsformen", ein Grund für diese Zunahme. Die Kinder sind überfordert. "Die Verweigerung ist die einzige Möglichkeit, sich zu wehren." Schritt für Schritt tasten sich im Bachtelen die Kinder an die Schule heran. Erst stunden-, dann tageweise. "Viele realisieren schnell, dass bei uns Schule "anders" funktioniert, und die Ängste verschwinden relativ rasch – zumindest bei einem großen Teil der Kinder."

Lukas’ Eltern hoffen, dass sie für ihren Sohn bald einen Platz in einer Institution finden. Einen ersten hatten sie bereits in Aussicht – diesen aber im letzten Moment verloren. Die Eltern hatten ihren Sohn ins Heim gefahren, die Koffer waren ausgeladen, die Heimleitung stand bereit. Bloß weigerte sich Lukas das Auto zu verlassen.