Mit gut fünf Millionen Einwohnern ist Singapur ein Zwerg unter den Staaten dieser Welt, sein Gebiet ist kleiner als das von Hamburg. Ganz groß ist dagegen Singapurs Bedeutung als Aufbewahrungsort und Drehscheibe für Geld und andere Vermögenswerte. Der  Finanzplatz ist heute der viertgrößte der Welt.

Da liegt die Frage nahe: Wie kommt das? Und: Geht das mit rechten Dingen zu?

Eine primitive Steueroase, in der es außer Palmen und Geschäftsbriefkästen wenig anderes gibt, ist Singapur offenkundig nicht. Im Gegenteil: Der Stadtstaat am Südzipfel der Malaiischen Halbinsel ist auch realwirtschaftlich erfolgreich. Singapur ist eines der wichtigsten Handelszentren der Welt, sein Hafen gehört zu den fünf größten, und es hat auch eine starke Industrie, deren Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung des kleines Landes mehr als doppelt so hoch ist wie etwa in Frankreich oder Großbritannien. Singapur ist überdies ein Magnet für wohlhabende Patienten aus anderen Ländern, die sich in den dortigen Krankenhäusern behandeln lassen, ebenso wie für Studenten, die die Universitäten des Stadtstaats schätzen.

Doch Singapur ist auch ein Offshore-Zentrum mit langer Tradition. Seit der Gründung als britische Handelskolonie 1819 verdankt es seinen Erfolg nicht zuletzt Zoll- und Steuerprivilegien. Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien und dann später von Malaysia 1965 baute der Stadtstaat schrittweise ein internationales Finanzzentrum aus – ein wichtiges Element beim Aufstieg Singapurs von einem Entwicklungsland zu dem modernen, wohlhabenden Industriestaat, der es heute ist.

Mittlerweile ist Singapur ein beliebter Wohnort für Wohlhabende und Superrreiche, unter ihnen Facebook-Mitgründer Eduardo Saverin. Nirgendwo auf der Welt ist der Anteil der Millionäre an der Bevölkerung höher als in dem Stadtstaat, die Experten der Boston Consulting Group (BCG) veranschlagten ihn zuletzt auf 17 Prozent aller Haushalte, und dabei berücksichtigten sie nur frei verfügbares Vermögen.

Dass Singapur bei den Reichen so beliebt ist, liegt am milden Steuerklima, aber das ist nicht der einzige Grund. Der Stadtstaat ist einer der am wenigsten regulierten Wirtschaftsstandorte der Welt, und er wird von einer höchst effizienten Verwaltung gemanagt. Das Eigentumsrecht wird uneingeschränkt garantiert, soziale Spannungen gibt es kaum. Überdies ist Singapur weltweit vorbildlich, was die Unbestechlichkeit seiner Staatsdiener angeht. Die Verwaltung gilt als ähnlich sauber wie die der skandinavischen Staaten und Neuseelands, ihr Ruf ist besser als der deutscher Ämter und Behörden.

Singapur ist gegenwärtig das am schnellsten wachsende Zentrum für die Verwaltung großer Privatvermögen. An die Schweiz, wo umgerechnet mehr als zwei Billionen US-Dollar gemanagt werden, reicht der Kleinstaat noch nicht heran. Aber nicht nur die Experten der britischen Beratungsfirma Wealthinsight prognostizieren, dass Singapur bis 2020 die Alpenrepublik als das global führende Offshore-Zentrum ablösen wird.

Nach Berechnungen von BCG für das Jahr 2011 hatten allein ausländische Anleger in Singapur und Hongkong Vermögen im Wert von rund einer Billion Dollar geparkt. Drei Viertel davon stammten aus anderen Ländern des Asien-Pazifik-Raums. Die Banken und Vermögenswalter in Singapur haben in den vergangenen Jahrzehnten vom starken Wachstum in Ländern wie China, Thailand und Indonesien profitiert. Auch für indisches Geld ist Singapur eine Destination.

In einer internen E-Mail, die bekannt wurde, beklagte es der Asien-Chefanalyst der US-Bank Morgan Stanley 2006 als unpassend, dass Singapur als Gastgeberland für das Jahrestreffen der Weltbank gewählt worden war. "Tatsächlich beruht Singapurs Erfolg überwiegend darauf, dass es der Geldwäscheort für korrupte indonesische Geschäftsleute und Regierungsbeamte war ... Um seine Wirtschaft am Laufen zu halten, baut Singapur Kasinos, um Bestechungsgelder aus China anzuziehen."