Endlich sind fast alle Kritiker einmal glücklich mit einem Beschluss aus Brüssel. Die neuen Regeln der EU sollen helfen, böse Spekulanten zu zähmen. Vor allem jene, die mit ihren Wetten auf die Preisentwicklung bei Nahrungsmitteln und Rohstoffen Kasse machen. Nach langem Hin und Her sieht es ganz so aus, als würden die Renditejäger nun doch gestoppt.

Das freut nicht nur den neuen Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich, sondern sogar Misereor, das Hilfswerk der katholischen Kirche. Selbst Oxfam, die ansonsten in dieser Frage sehr streng urteilende Nichtregierungsorganisation, zeigt sich angenehm überrascht und bedankt sich sogar bei allen Engagierten. Nur Thilo Bode, der Chef der Verbraucherorganisation foodwatch, kann den Beschlüssen nichts Gutes abgewinnen. Sie seien ein fauler Kompromiss, die Wetten auf Nahrungsmittelpreise könnten ungehindert weitergehen. Es steht zu befürchten, dass er recht hat.

Die unterschiedliche Bewertung ist nur mit jener Bescheidenheit zu erklären, die so manchen Spekulantenkritiker im Laufe der Zeit ereilte, weil er mangels Erfolg weder verzweifeln noch kapitulieren wollte. Das Engagement der Antizockerbewegung schien lange Zeit aussichtslos. Ihre Argumente und Aktionen liefen ins Leere. Denn ihre Widersacher, die Freunde und Förderer der kreativen Finanzprodukte, mit denen es sich so vorzüglich auf die Preise von Nahrungsmitteln und Rohstoffen wetten lässt, sind reich an Einfluss.

Lange Zeit tat sich politisch gar nichts. Man diskutierte auf Kongressen, debattierte auf Konferenzen – das war’s. Gemessen daran ist die jüngste Initiative der Europäischen Union durchaus ein Fortschritt, der die Optimisten hoffen lässt, die Spekulanten doch noch stoppen zu können. Wenn nicht heute, dann morgen.

Thilo Bode fürchtet das Gegenteil: Die mangelhafte EU-Initiative werde eine wirksame Regulierung wahrscheinlich jahrelang verhindern. Gut möglich. Die Regeln könnten tatsächlich wie ein Ruhekissen wirken, auf dem sich alle politisch Verantwortlichen künftig niederlassen werden.

Man hat sich fast schon daran gewöhnt: So gut wie alles, was in der EU beschlossen wird, findet einen Kritiker. Doch in dieser Frage prallen die Meinungen grundsätzlich und besonders harsch aufeinander: Sind Spekulanten überhaupt schädlich?

Die Behauptung, dass Zocker auf den internationalen Märkten die Preise für Nahrungsmittel nach oben treiben und deshalb für Hunger und Not auf dieser Welt mit verantwortlich sind, bestreiten nicht nur die Finanzakteure selbst. Auch verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es einen solchen Zusammenhang gar nicht gibt. Doch die Riege der Akademiker ist gespalten. Und selbst Hedgefonds-Manager haben bei einer Anhörung vor dem US-Senat schon bestätigt, dass die Kurse an den virtuellen Terminmärkten natürlich eine Rolle spielen, wenn es ums reale Geschäft geht.

Zugegeben: Die Zusammenhänge sind komplex. Deshalb kam im Jahre 2011 ein von foodwatch initiierter Bericht gerade recht. Er verschaffte Durchblick – und bereicherte die Debatte. Anstatt mit Lehrbuchweisheiten aufzuwarten, beschreibt er, wie das Geschäft der Spekulanten funktioniert, welche Rolle große Finanzinstitute wie die Deutschen Bank oder Goldman Sachs dabei spielen, und belegt, wie eine Welle der Deregulierung den umstrittenen Boom an den Rohstoffmärkten erst möglich machte.

Zu Beginn der neunziger Jahre waren die Rohstoffterminbörsen noch streng reguliert. Spezielle Vorschriften bremsten Spekulanten aus, die nur ein Interesse an der Geldanlage, aber nicht an den Waren selbst hatten. Dann aber bekamen Kapitalanleger freie Bahn – und entdeckten Ackerland und Agrarrohstoffe als lohnendes Investment.