Wer jemanden tötet, der darum ernsthaft gebeten hat, muss dennoch ins Gefängnis: So will es der Paragraf 216 des Strafgesetzbuchs. Doch rund zwei Drittel der Deutschen wünschen, dass diese Tötung auf Verlangen in Zukunft erlaubt sei, das ergab eine von ZEIT ONLINE am Dienstag veröffentlichte Umfrage. Nach der Beihilfe zum Suizid wurde ebenfalls gefragt: Sie soll straflos bleiben, befanden 72 Prozent der Befragten. Die Idee des neuen Gesundheitsministers Hermann Gröhe (CDU), die vereinsmäßig organisierte Beihilfe zum Suizid unter Strafe zu stellen, lehnten 61 Prozent ab.

Da tut sich ein Graben auf. Während die Bürger ein liberaleres Recht der Sterbehilfe wünschen, ist mit der FDP die einzige Partei, die einer Lockerung des Lebensschutzes zuneigt, aus dem Bundestag verschwunden. Stattdessen wird es einen Antrag im Sinne des Gesundheitsministers geben, und zwar aus den beiden Koalitionsfraktionen, die sich – aus unterschiedlichen weltanschaulichen Traditionen – leichter damit tun, individuelle Autonomie einzuschränken.

Das Thema hat Ewigkeitswert, ist aber gerade in unserer Zeit aktuell. Erstens wegen der Fortschritte der medizinischen Diagnostik, die einem Menschen die Lebensperspektive mit Zwangsläufigkeit verdüstern kann: Das war der Fall des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf, der sein Leben mit einem Hirntumor und die Vorbereitung auf den Suizid in seinem viel gelesenen Blog Arbeit und Struktur beschrieb. Zweitens, weil die Aufwertung individueller Autonomie, Zug unserer Zeit, auch für Patienten gilt. Drittens, weil die religiös motivierte Verurteilung des "Selbstmords" ihre Bindungskraft verliert. Und viertens, weil die Familie sich geändert hat: Zu Hause eine sieche Oma zu haben ist die Ausnahme geworden, gilt als Schicksalsschlag. Viele Gebrechliche wollen heutzutage aus dem Leben scheiden, um niemandem mehr zur Last zu fallen oder weil sie einen Horror vor Pflegeeinrichtungen haben. Daraus erklärt es sich wohl, dass in der Umfrage besonders die Älteren gegen die Strafbarkeit der organisierten Suizidbeihilfe und für eine Lockerung des Paragrafen 216 waren.

An dieser Stelle werden oft Theologen und Pfarrer um Antworten gebeten. Nur wird ihre Prämisse, das Leben sei ein Geschenk Gottes, von vielen Mitbürgern nicht geteilt. Die Frage, was das Sterbenwollen die Gesellschaft angeht und wie sie reagieren soll, muss daher innerweltlich beantwortet werden, um rechtlich bindende Regeln zu begründen.

Wie aber kann eine solche nicht metaphysische Argumentation aussehen? Sie müsste sich zunächst mit jenem Individualismus auseinandersetzen, der sich jede Einmischung in solchen Angelegenheiten verbittet. "Mir geht nichts über Mich", so brachte ihn der Philosoph Max Stirner vor 170 Jahren auf den Begriff. Ihm galt das Individuum als archimedischer Punkt und die Gesellschaft allenfalls als Service-Verein mit Satzungen von begrenzter Reichweite. Sie ist etwas, das bloß von außen hinzukommt. Wer so denkt, sieht auch den Sterbewillen als Privatangelegenheit, die niemandes anderen Sache ist. Indes existiert so etwas wie ein un- oder vorgesellschaftliches Individuum gar nicht, noch nicht einmal als bloßer Körper. Es ist ein gesellschaftliches Wesen und muss sich mit Ansprüchen anderer auseinandersetzen.