Ein Mann, eine Frau, Funkstille. In der Leitung nichts als kaltes Rauschen, der Ton kommt aus Hunderten Kilometern Entfernung.

"Hören Sie mich?"

–"Ich kann Sie hören!"

Erleichterung in beiden Stimmen, Dauergrinsen in seinem Gesicht, als ihres flackernd auf dem Bildschirm erscheint.

Was wie das erste Skype-Date zweier sich merkwürdig siezender Verliebter klingt, ist tatsächlich ein hochpolitischer Funkverkehr, ein Protokoll, das Weltgeschichte schreiben wird.

Der Mann, der aufgekratzt in seinen Telefonhörer ruft, heißt Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Oben, im All, in eine zwei Meter große Kapsel eingequetscht, verkabelt und behelmt, liegt Walentina Wladimirowna Tereschkowa. Sie ist die erste Frau im Weltraum, die einzige Kosmonautin der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, die nach Monaten harten Trainings in den Orbit katapultiert wurde.

Es ist der 16. Juni 1963. Wie der höchste Punkt einer Linie, die sich in Form eines Bogens über ihr Leben spannt, erscheint dieser Tag in der Biografie von Walentina Tereschkowa, an dem sie ihrem Staatschef aus dem All meldet, dass ihre historische Mission erfolgreich verläuft. Drei Tage (genauer: zwei Tage, 22 Stunden, 50 Minuten, 49 Erdumkreisungen, 47 Sonnenaufgänge und zwei Millionen Kilometer) lang wird der Trip dauern, den Tereschkowa, brave Pionierin der Erde, als mutige Pionierin des Alls antritt. Ihren Funknamen hat sie selbst gewählt: Tschaika – Möwe.


"Dies ist ein Triumph der Leninistischen Ideen", schwärmt der mächtige kleine Mann am Boden. "Ich bin stolz wie ein Vater." Zahlreiche Glückwünsche von Genossen richtet Chruschtschow seiner Fliegerin aus, unter anderem von Breschnew, der neben ihm begeistert mithört. Wie kleine Jungs vor einer Modelleisenbahn wirken diese Staatsmänner, als sie der Frauenstimme aus der Raumkapsel Wostok lauschen. "Von Herzen danke ich dem sowjetischen Volk", erklingt es aus dem Kosmos. Genossin Möwe schickt viele liebe Grüße retour, an die Genossen, an Moskau, den Kreml, die ganze Welt, alle Menschen – und an die Partei.

Die Partei. Mutterseelenallein, nichts als das riesige blaue Leuchten der Welt vor Augen, im Rücken pechschwarze, tote Unendlichkeit, gruselige, lebensfeindliche Materie, von der nur die Eierschale ihres Miniraumschiffes die Kosmonautin trennt – eine 26-Jährige, die weiß, dass sich in diesen Minuten als erste Frau aller Zeiten, als zehnter Mensch überhaupt, hier oben schwebend, ihr Leben grundlegend verändert. Wirklich: die Partei?

Walentina Tereschkowa aus heutiger, aus westlicher Sicht verstehen zu wollen ist, wie gegen eine Wand zu laufen. Zweifellos steht hier eine Heldin der Geschichte. Doch wo ist ihre Geschichte? Als von einem politischen Regime modellierte Ikone des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts verstellt die Partei jeglichen Blick auf diese Frau. Selbstverwirklichung und Autonomie? Tereschkowa hat sich selbst verwirklicht, indem sie selbstverwirklicht wurde. Ihr Weltraumflug war Wille und Auftragsarbeit in einem. Er machte aus ihr ein herausragendes Individuum und nahm ihr alle Individualität. Als einzigartiges Subjekt ging sie in die Geschichtsbücher ein ohne eine Spur von Subjektivität.