Die Fließbänder in der Lernfabrik der Universität Stuttgart stehen bereits still, als die Studenten sich zur letzten Übung des Semesters einfinden. Statt auf Roboter und Maschinen blicken sie auf eine Kühlbox voller Schokoladen-, Vanille- und Erdbeereis, auf eine Kiste mit Sahne und Schokosoße, mit Smarties, Keksen und Streusel.

Die angehenden Ingenieure und Ökonomen haben in der Vorlesung gelernt: Immer mehr Maschinen kommunizieren über das Internet. Fabriken werden autonomer. Und deshalb werden in Zukunft Industriegüter völlig anders hergestellt als heute. Im Prinzip. Wie das konkret funktioniert, das wollen die Dozenten den Studenten heute zeigen, und deshalb dürfen die sich jetzt ganz individuelle Eisbecher wünschen. Etwa Erdbeere mit Sahne und Smarties.

Jeder Student schreibt eine Zutatenliste für das eigene Wunsch-Eis. Was folgt, macht den Kern der zukünftigen Fabrik aus. Per Funk werden die Eisrezepte vom Computer auf sechs briefmarkengroße, rote Chips übertragen, einer für jeden Eisbecher. Jedem noch leeren Pappbecher in der physikalischen Welt ist nun ein digitales Rezept im Cyberspace zugeordnet. Im Ingenieurjargon handelt es sich deshalb auch nicht um Becher mit aufgeklebten Funkchips, sondern um cyberphysische Systeme.

Das reale Eis wird in drei Arbeitsschritten an drei verschiedenen Tischen zusammengestellt. Weniger wie in der Gelateria, eher wie am Fließband: zuerst die Kugeln der verschiedenen Sorten, dann die Soße, zuletzt die süße Dekoration. Für jeden Arbeitsschritt liegt ein Tablet-PC bereit, um die Funkchips auszulesen und nachzuschauen, welche Zutat in einen bestimmten Becher gehört, und zu protokollieren, wenn sie drin ist. Die Studenten könnten dieselbe Information auch in Echtzeit im Internet verfolgen.

Für sechs individuelle Eisbecher mag das nach unverhältnismäßigem Aufwand klingen. Aber, und das ist der Lerneffekt für die Stuttgarter Jung-Ingenieure: Ginge es um Hunderte Eisbecher, die womöglich aus Dutzenden Komponenten bestünden, dann könnte die Technik den Unterschied machen zwischen heillosem Chaos – und reibungsloser Produktion.

Informationstechnik, Telekommunikation und Fertigungsindustrie verschmelzen. Was die Studenten in die Maschinenhalle lockt, beschäftigt längst die Unternehmen und Forschungseinrichtungen: die Fabrik von morgen, etwas hochtrabend als "Industrie 4.0" bezeichnet. Das Ingenieursmodewort drückt den historischen Anspruch aus. Eine vierte industrielle Revolution soll – nach Jahrzehnten der Massenfertigung – die Rückkehr zum Unikat bringen.

Wie die Waren für unseren Alltag entstehen, das haben die ersten drei Revolutionen jeweils entscheidend verändert. In der ersten, eingeleitet durch die Erfindung der Dampfmaschine, übernahmen mechanische Geräte in großem Stil vormals händische Arbeiten. Einen zweiten, fast sprunghaften Produktivitätszuwachs brachte die Fließbandfertigung mit sich. Fords Modell T von 1914 steht für den Effekt hoher Stückzahlen. Die drastische Verbilligung (von damals 850 auf 370 US-Dollar) machte das Automobil von einem Tag auf den anderen zu einer Ware für die Massen. In der dritten Umwälzung hielten Computer, Robotik und Automatisierung Einzug in die Fabriken. Nun also soll Nummer vier bevorstehen.