Abends, so beim Bier, behaupte ich gern, dass ich keine 28 Schokoladensorten bräuchte und überhaupt von allem zu viel da sei in unserer Welt. Ich vergesse dabei die Fahrräder. Ich bin grundsätzlich anfällig für alle Fahrradsorten, bin froh über die Vielzahl, will sie kaufen, besitzen, sie um mich oder wenigstens im Keller haben, auch wenn ich sie nur selten mal fahre.

Einzig das Genre Klapprad, die mit den kleinen Rädern, hatte mich bislang völlig kaltgelassen. Kein Interesse. Für mich fuhren damit Ingenieure, die sich kindhaft und originell geben wollen.

Das erste Klapprad, das ich als Erwachsener fuhr, zog ich aus einer Art Bahnhofsschließfach. Es war ein Leihrad, die Firma heißt Brompton Dock. Dass es pink-lila sein würde, hatte mir niemand verraten. Ich war für zwei Monate beruflich in London. Die berühmten Boris Bikes, benannt nach dem Bürgermeister, fand ich zu klobig. Dann lieber diese Falträder von Brompton, gebaut nahe London. Fast jeder zweite Londoner Radfahrer hat so eins, sie nehmen es überall mit rein, ins Pub, ins Kino. Wenn man in Marseille ist, trinkt man ja auch mal Pastis, selbst wenn man Anis nicht mag.

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Wenn man so ein Rad fährt, das war die Erkenntnis des ersten Tages, merkt man gar nicht, wie klein es ist. Am zweiten Tag entfaltete ich das Rad so verkehrt, dass ich es unterm Arm nach Hause tragen musste. Im Pub, ein paar Tage später, lachten mich ein paar Männer aus, wegen der Farbe. Ich verteidigte es, so gut ich eben konnte. Ich mochte es trotz der scheußlichen Farbe. Ich habe eine Schwäche für Fahrräder, die bei Fahrradhipstern auf jeden Fall durchfallen würden. Besucher lobten das Rad, es sei weniger hässlich als befürchtet. Dem Ingenieur in mir gefiel, dass das Rad sich in Sekundenschnelle auf- und zuklappen ließ.

Zur Arbeit nahm ich nach einer Weile wieder den Bus, zu nah kamen mir einige Laster. Die Zeitungen waren voll von tödlichen Unfällen, kein Spaß.

Ich fuhr das Rad nur noch zum Bäcker. Zurückgeben wollte ich es trotzdem nicht. Die Tagesmiete lief immer weiter. Bevor ich zurückflog, kaufte ich mir ein Brompton, gebraucht, in Schwarz. Jetzt im Winter steht es im Zimmer, im Frühling wird mir sicher noch ein Grund einfallen, wozu ich es brauche.

Technische Daten

Rahmen: Stahl
Reifengröße: 16 Zoll
Gewicht: circa 11 kg
Faltzeit: 20 s
Schaltung: 3-Gang-Nabenschaltung
Bremsen: Seitenzug-Felgenbremsen
Mietpreis bei Brompton Dock: 5 Pfund pro Tag
Kaufpreis in Deutschland: ab 1025 Euro

Matthias Stolz ist Redakteur des ZEITmagazins