Am Anfang herrschte eine unheimliche Stille. Ob in Warschau, Budapest oder Berlin, nach und nach war in den Frühlings- und Sommermonaten des Jahres 1945 das Donnern der Bomben, Panzer und Maschinengewehre verstummt. Die urbanen Schauplätze des Zweiten Weltkriegs schienen verlassen. Erst allmählich trauten sich die Menschen aus ihren zerbombten Unterkünften heraus. Die Nazis waren endlich besiegt, und die Ankunft der Roten Armee bedeutete für viele im Osten Europas die Hoffnung auf einen Neuanfang, auf Frieden, Freiheit, Wohlstand.

Doch sie sollten bitter enttäuscht werden. Schon 1946 beklagte Churchill in seiner berühmten Rede in Fulton, die Sowjets hätten einen "Eisernen Vorhang" in ihrer Besatzungszone errichtet. Bis zum Ende des Jahrzehnts waren fast alle osteuropäischen Länder stalinisiert, mithin Einparteiendiktatur und Planwirtschaft etabliert, Andersdenkende eingeschüchtert, deportiert oder ermordet. Sozialistische Tristesse kehrte ein und sollte erst 1989 wieder vertrieben werden.

Es gibt bisher keine umfassende Geschichte des osteuropäischen Kommunismus. Auch Anne Applebaums neues Buch Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944–1956 ist keine erschöpfende Abhandlung, sondern beschränkt sich auf die erste, entscheidende Phase der kommunistischen Herrschaft, wie sie sich in Ungarn, Polen und der "Ostzone" vollzog. Und doch schließt dieses gewichtige Werk, wie schon Applebaums Vorgängerbuch Der Gulag (2005), eine große Lücke in der Literatur.

Anne Applebaum, eine preisgekrönte US-Journalistin und Ehefrau des polnischen Außenministers, spannt einen weiten Bogen von der trügerischen Morgenröte der Stunde null über die Gleichschaltung nach Stalins Vorgaben bis hin zum Ungarn-Aufstand 1956. Meisterhaft beherrscht sie eine Erzählweise, die verschiedenste Perspektiven umfasst, dabei vor allem die Politik- mit der Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte verflicht. Die "kleinen Stalins" Walter Ulbricht, Bolesław Bierut und Mátyás Rákosi, sowjetische Vollstrecker wie General Iwan Serow, ehemalige polnische Partisanen wie General Wilk, Oppositionelle wie der ungarische Kardinal József Mindszenty, Intellektuelle wie György Faludy und Elfriede Brüning treten in Applebaums Darstellung ebenso auf wie Bauern und Arbeiter, die wahren Leidtragenden des Systems.

Erschütternd ist etwa der Fall eines ungarischen Bauern, der 1950 gehenkt wurde, weil er sich sein Essen auf dem Feld kochen wollte und dabei aus Versehen das Feld anzündete. Zwar blieb die Ernte ohne Schaden, doch der Fall schien die Paranoia der Machthaber zu bestätigen, wonach die sozialistische Mangelwirtschaft nur durch das Werk von Staatsfeinden zu erklären sei. Zu deren angeblichen Werkzeugen gehörte auch der Kartoffelkäfer, in der DDR "Amikäfer" getauft, "eine Waffe der US-Imperialisten gegen die friedliebende Bevölkerung".

Applebaum hat für ihr Buch intensive Recherchen betrieben, dabei zahlreiche Archive, so der ehemaligen Geheimdienste in Budapest, Berlin, Warschau und Moskau, besucht sowie neuere deutsche, ungarische und polnische Fachliteratur studiert. Sie hat über 90 Zeitzeugen interviewt, etwa Hans Modrow und Günter Schabowski, und lässt sie oft zu Wort kommen.

Man merkt der Autorin ihre langjährige Tätigkeit als Herausgeberin und Kolumnistin der Washington Post an. Dem Buch ist mangelnde theoretische Tiefe vorgeworfen worden. Der Begriff des Totalitarismus, den Applebaum auf die Staaten des Ostblocks anwende, sei überholt und unpräzise. Neomarxisten wie Slavoj Žižek behaupten ohnehin, den Stalinismus als totalitär zu beschreiben diene bloß dem Versuch, die "liberaldemokratische Hegemonie" zu stabilisieren. Die Nützlichkeit eines Begriffs beweist sich aber in seiner Anwendung. Applebaum versteht ein totalitäres Regime als eines, das über eine dominante Ideologie, eine Staatspartei, eine Terror ausübende Geheimpolizei, das Informationsmonopol und eine Planwirtschaft verfügt. Dadurch werden nicht nur Nationalsozialismus und Kommunismus vergleichbar, sondern es wird auch erklärbar, wieso Länder, die vor dem Krieg wenig gemeinsam hatten, nach 1945 eine ähnliche Entwicklung durchliefen. Sie waren eben alle dem totalisierenden Zugriff einer zentralen Kontrollmacht in Moskau ausgesetzt, die unerbittlich, gegen den Willen und die politischen Traditionen der betroffenen Völker, den Aufbau des Sozialismus vorantrieb.