Argentiniens Wirtschaftsminister Axel Kicillof bei einer Pressekonferenz in Paris © Maxi Failla/AFP/Getty Images

Er wippt hin und her, von links nach rechts, vor und zurück, wie ein Fußballer beim Singen der Nationalhymne. Er steckt seine Hände in die Hosentaschen, nimmt sie vor den Bauch, hinter den Rücken, steckt sie zurück in die Hosentaschen. Es ist ein staatstragender Moment, doch Argentiniens Wirtschaftsminister Axel Kicillof wirkt nicht, als wolle er Teil dieser Veranstaltung sein. Der Wirtschaftsminister blickt zu Boden, nach links und rechts. Nur Kabinettschef Jorge Capitanich sieht er nicht an, während der einen Kurswechsel verkündet, der mit allem bricht, das Kicillof geprägt hat in Argentiniens Wirtschaftspolitik.

48 Stunden zuvor war die Regierung noch Kicillofs Linie gefolgt. Sie hatte angekündigt, Interneteinkäufe im Ausland drastisch zu besteuern. So wollte sie verhindern, dass zu viele Dollar aus dem Land fließen und die eigene Währung an Wert verliert oder gar zusammenbricht. Doch am Freitag vergangener Woche erklärte der Kabinettschef vor den Kameras der Weltpresse, die Beschränkungen für Dollarkäufe sogar lockern zu wollen.

Es muss eine Qual sein für Kicillof. In den vergangenen Jahren hat er seine Politik in derlei Situationen leidenschaftlich und in brillanten Reden gegen Kritiker verteidigt, ausländische Spekulanten für jedweden Schlamassel verantwortlich gemacht und das Publikum auf diese Weise in seinen Bann gezogen. Aber heute, morgens um acht, steht er in der zweiten Reihe. Hinter Capitanich, als Kulisse fürs harmonische Fernsehbild. Nicht einmal Fragen beantworten soll Kicillof, bloß kein öffentlicher Widerspruch, keine neue Provokation, keine weiteren Anschuldigungen. Bloß die Leute, die ihr Geld außer Landes schaffen wollen, nicht noch mehr verschrecken. Denn geht die Kapitalflucht so weiter wie in der jüngsten Vergangenheit, droht Argentinien der finanzpolitische Kollaps. Schon wieder.

Zwölf Jahre nach dem Staatsbankrott von 2002, der Gläubiger auf der ganzen Welt weit mehr als 50 Milliarden Dollar kostete, fürchtet die Finanzwelt eine neue Argentinien-Krise. Zahlreiche Anleger wollten am vergangenen Donnerstag ihre Pesos loswerden und dafür Dollar haben. Binnen Stunden stürzte der Peso um bis zu 14 Prozent gegenüber dem US-Dollar ab. Die Zentralbank in Buenos Aires kämpft verzweifelt darum, den Wert des Peso zu stützen, indem sie mit Dollar-Reserven Peso kauft. Doch ihre Reserven schwinden. Der teure Dollar führt dazu, dass die Preise von Importen und somit die Preise im Land steigen. Die Inflation droht auszuufern. Zudem floriert der Dollar-Schwarzmarkt, weil die Regierung von Präsidentin Cristina Fernández Kirchner ihre Bürger daran hindert, Pesos frei in Fremdwährungen umzutauschen. Und der Hauptschuldige an der ganzen Misere ist für viele Kritiker Cristina Kirchners Einflüsterer: Axel Kicillof.

Kein Politiker, die kränkelnde peronistische Präsidentin mal ausgenommen, hat die argentinische Nation zuletzt so bewegt wie der junge Ökonomieprofessor mit den Elvis-Koteletten und den smaragdfarbenen Augen. Bei seiner Ernennung zum Wirtschaftsminister im November vergangenen Jahres wurde der 42-Jährige schon als möglicher Nachfolger Kirchners gehandelt, 2015 wird sie wohl abtreten. Schon vor zwei Jahren, als er noch stellvertretender Minister war, nannten sie ihn den Rasputin von Buenos Aires, weil er bereits damals der persönliche Vertraute der gut 20 Jahre älteren Präsidentin und ihres Sohnes Máximo war. Und der mastermind hinter Kirchners Kurs der ständigen Einmischung in Wirtschaft und Finanzmärkte, eines Dirigismus, der viele Argentinier begeistert, aber internationale Investoren vergrätzt hat.

Der stolze Kicillof müsste seine eigene, radikale Politik infrage stellen

"Kicillof ist immer der Star im Kabinett gewesen, das gesamte Wirtschaftsressort ist auf ihn zugeschnitten", sagt der Meinungsforscher Carlos Germano. "Er müsste jetzt das Vertrauen der in- und ausländischen Geldgeber wieder herstellen, aber ich bezweifle, dass dies gelingt." Denn dazu müsste der stolze Kicillof seine eigene, radikale Politik infrage stellen.

Dabei wurde der Professor aus Buenos Aires einst als Regierungskritiker bekannt. "Die offiziellen Statistiken haben jegliche Glaubwürdigkeit verloren", prangerte Kicillof 2008 die geschönten Inflationszahlen an, mit denen Kirchners Leute neue Kreditgeber locken wollten. Prompt holte ihn die Regierung ins Boot, als Finanzchef der gerade verstaatlichten Fluggesellschaft Aerolineas Argentinas. Bald mischte der ehrgeizige Ökonom in der großen Politik mit: unterstützt von den Kirchners und La Cámpora, der mächtigen Jugendorganisation der Peronisten.

Abgesehen von der Inflation floriert die Wirtschaft zu dieser Zeit. Die globalen Börsen für Soja, Fleisch und andere Nahrungsmittel bescheren Argentinien Exportüberschüsse und bis zu neun Prozent Wachstum. Aber 2011 endete der Boom, immer mehr krisenmüde Bürger begannen, ihr Vermögen außer Landes zu schaffen oder Pesos gegen sichere US-Dollar zu tauschen. Umgerechnet 21 Milliarden Dollar flossen binnen eines Jahres ab. Kicillof wollte den Devisenhandel radikal einschränken, und die Regierung beschloss: Fast jeder Kauf fremder Währungen muss vom Staat genehmigt werden. Bürger, die im Ausland per Kreditkarte bezahlen, müssen fortan bis zu 35 Prozent Zusatzsteuer entrichten. Bald bilden sich erste Dollar-Schwarzmärkte. Kicillof aber hat als stellvertretender Wirtschaftsminister bereits den nächsten, den ganz großen Coup vor Augen.