Für meinen Geschmack ging es mit dem Älterwerden ziemlich früh los. Als ich 30 wurde, sagte meine süße Freundin F: "Eine junge Frau bist du jetzt auch nicht mehr!" Ich war Ende 30, da sprachen wir unter Kollegen über Suzanne Moore, eine rasante amerikanische Autorin, einer sagte: "Die ist schon über 40. Aber man sieht noch, dass sie mal eine schöne Frau war." Als ich 40 wurde, bebte erwartungsgemäß die Erde. Danach war ich solo, meine (bis dahin) beste Freundin sagte: "Mein Gott. Mit 40. Da kriegst du nie wieder einen."

Das war glücklicherweise nicht ganz richtig. Aber die Beispiele zeigen: Nicht nur die Natur demoliert uns. Es gibt Sätze, die sind wie Dornen, anhaftend und schmerzhaft. Sie kommen auch von Frauen, gerne auch von jungen Frauen. Ich war etwa 50, da bekam ich zum Geburtstag ein Täschchen in Silber, von einer lieben Freundin, die sagte: "Es gab auch eine in Rot, aber dafür bist du jetzt zu alt." Einmal fand ich mich in geselliger Runde, man diskutierte, ob Angela Winkler nackt auf der Bühne die Lulu geben sollte, einer schüttelte sich, bis sein rundlicher Körper bebte, keuchend sagte er: "Frauen – über 50!!!!!", unwillkürlich suchten meine Augen nach einer Spucktüte. Sorry, genug der Anekdoten.

Frauen um die 50. Ältere Frauen, womöglich schon um die 60. Oder drüber. Etwas Unglaubliches passiert. Plötzlich sind sie Thema. Am Sonntagmorgen konnte man in der FAS ein Interview mit der 48-jährigen Schauspielerin Katharina Müller-Elmau lesen, zum Thema Alter, sie sagte über ältere Männer: "Viele glauben, sie sind gesellschaftlich erledigt, wenn sie sich mit einer älteren Frau blicken lassen. Das wird nur dann akzeptiert, wenn man ihr das Etikett 'Die hat sich ja gut gehalten' anheften kann."

Am Sonntagabend hatte Sibylle Bergs Theaterstück Die Damen warten in Hamburg Premiere, eine böse Groteske, es ging darum, wie angejahrte Frauen, abgedeckt von klebrigen Beautymasken, Lebenshilfe erheischen. Im Angebot waren Pediküre, Maniküre, Liposuktion, Botox und ein Gläschen Rosé. Horst, der Masseur, brüllte: "Ihr seid doch alle unterfickt!"

Am Montag erschien Mutprobe, das neue Buch von Bascha Mika, eine Abhandlung zum Thema Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden. Von Bascha Mika, die in jüngeren Jahren, also bis 55, in der linken tageszeitung Chefredakteurin war (1999–2009), als es dafür noch gar kein Wort gab. Der Tagesspiegel schrieb damals über Bascha Mika: "Sie ist der einzige weibliche Chefredakteur einer überregionalen Zeitung in Deutschland." Als Bascha Mika letzte Woche 60 wurde, gratulierte man ihr auf Bildblog. Die taz schrieb: "Mit Machos kann sie. Konnte sie immer. Nur nicht einschüchtern lassen, lautet da ihre Devise. Argumentativ dagegenhalten ..."

Bascha Mikas Buch Die Feigheit der Frauen sorgte 2011 für Aufruhr, die kinderlose Karrierefrau meinte den Schwestern vorwerfen zu müssen, sie hätten sich in Küchen und Kinderzimmern weggeduckt, statt knallhart für Karriere zu kämpfen. Jetzt geht es um Frauen, die in ihren tollen Jobs stecken blieben (gar nicht so wenige) oder wg. Ältlichkeit herausgeschubst werden (auch nicht wenige), und um die anderen, die sich eben wegduckten und Kinder kriegten und nun wg. mangelnder Frische ausgetauscht werden (viele). Es geht um alle älteren Frauen.

Die über 50-Jährigen sind eine interessante Kohorte. Nachkriegskinder. Es sind die Ersten, die anders als ihre Mütter tolle Ausbildungen genossen und die eben doch meistens wieder (jetzt diplomierte) Mütter wurden, was blieb ihnen übrig, bei der Überzeugungskraft, die von keinen Krippenplätzen ausgeht, von Schulzeiten, die gegen halb zwölf zu Ende sind. Es sind diese Frauen, denen kaum ein Rentenpünktchen für ihre Erziehungsarbeit angerechnet wird, weil sie, so ein Pech, ihre Kinder vor 1992 geboren haben. Was jetzt, wo Nachbesserung in Aussicht gestellt ist, für Empörung sorgt. Was das kostet! Und für wen? Ein paar ältere Frauen ...

Vom Kuchen der Vollbeschäftigungsjahre haben diese Frauen gerade mal 35 Prozent abbekommen (ein Wert, der sich in den letzten 20 Jahren um einen Punkt erhöht hat), für keine Karriere haben viele mit Kinderlosigkeit bezahlt. Gleiche Chancen haben Frauen und Männer auch heute vor allem in der Fisch verarbeitenden Industrie, Jahresbrutto 20.074 Euro. Jahresgehälter um die 90.000 Euro gehen zu circa 90 Prozent auf Männerkonten.