Am 31. Januar 1964 veröffentlichte der Lehrer Georg Picht in der evangelischen Wochenzeitung Christ und Welt den ersten von mehreren Artikeln zum Zustand des deutschen Bildungswesens. Er warnte darin vor einer "Bildungskatastrophe", die nur mit einem "Notstandsprogramm" verhindert werden könnte. Pichts Thesen klingen teilweise so vertraut, als wären sie dieser Tage formuliert worden. Sie sorgten damals für große Diskussionen und beeinflussen den bildungspolitischen Diskurs bis heute. Wir haben sechs Bildungsexperten gefragt, was aus den Befürchtungen und Forderungen von Picht geworden ist.

Picht sagte: Deutschland gibt weniger Geld für Schulen und Hochschulen aus als andere Länder. Es muss mehr in Bildung investiert werden!

In der antiken Tragödie ist die Katastrophe die abschließende Wendung zum Untergang. Kein geringeres rhetorisches Geschütz wählte Georg Picht zur Kommentierung der Bildungsausgaben: Deutschland müsse erheblich mehr Geld für Bildung aufbringen, um zu anderen Ländern aufzuschließen. Andernfalls drohe, so Picht, der "dritte Zusammenbruch der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert".

Die Warnung zeigte Wirkung. Von 1965 bis 1975 stieg der Anteil der öffentlichen Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt von 3,4 Prozent auf 5,5 Prozent. Allerdings blieb die Bundesrepublik nicht lange auf diesem Wachstumspfad: Während die meisten Industriestaaten den Anteil ihrer Bildungsausgaben am Inlandsprodukt weiter steigerten, liegt der Anteil in Deutschland – nachdem er zwischenzeitlich gesunken war – derzeit wieder bei 5,5 Prozent. Das jedoch reicht nicht, um allen jungen Menschen eine Berufsausbildung zu bieten, um bedarfsgerecht Ganztagsschulplätze zu schaffen, um den Inklusionsprozess erfolgreich zu gestalten.

Als Katastrophe aber wird dies heute nicht wahrgenommen, und Besserung ist nicht in Sicht – wie die Verabredungen zur großen Koalition zeigen.

Klaus Klemm war 30 Jahre lang, bis 2007, Professor für empirische Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen

Picht sagte: Wir brauchen bessere Chancen für benachteiligte Kinder. Auch das "katholische Mädchen vom Lande" soll Abitur machen!

Weder Pichts Mahnung noch der Pisa-Schock des Jahres 2001 reichten aus, um wesentliche Weichen im Bildungssystem umzustellen. So hält Deutschland am sozial selektiven System der Mehrgliedrigkeit fest – ein Grund dafür, dass das deutsche Bildungssystem weder besonders leistungsfähig noch gerecht ist.

Das Versprechen, dass nur die Leistung zählt und nicht die Herkunft, wird immer noch nicht eingelöst. Akademikerkinder haben bei gleicher Leistung eine fast viermal höhere Chance, auf ein Gymnasium zu gehen als Arbeiterkinder. Nur 19 Prozent der Studienanfänger kommen aus einer Arbeiterfamilie, aber 50 Prozent aus einem Akademikerhaushalt.

In den Grundschulen haben inzwischen 40 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Aber unser System hat Probleme, das anzuerkennen. Aus Pichts "katholischem Arbeitermädchen vom Lande" ist inzwischen "der Arbeitersohn mit Migrationshintergrund aus der Großstadt" geworden. Dass Kinder mit Migrationshintergrund keine Bildungsverlierer sein müssen, zeigen Länder wie Kanada und Schweden. Deren Mut, das System an der Vielfalt der Kinder auszurichten, statt die Kinder in vermeintlich leichter zu handhabende Gruppen aufzuteilen, fehlt hierzulande bis heute.

Yasemin Karakaşoğlu ist an der Universität Bonn Professorin für Interkulturelle Bildung und gehörte dem Kompetenzteam von Peer Steinbrück (SPD) an

Picht sagte: Der Bildungsföderalismus ist gescheitert. Wir brauchen ein zentrales Bildungssystem und mehr Mitsprache des Bundes!

Georg Picht zieht eine ungeeignete Schlussfolgerung aus den festgestellten Defiziten. Wer angesichts des föderalen Aufbaus der Bundesrepublik Deutschland nach Zentralismus ruft, hat schon verloren. Bildungspolitik ist das Herzstück der Landespolitik, habe ich als Kultusministerin immer gesagt. Doch eine föderale Ordnung ist nur stark, wenn sich alle Akteure der gesamtstaatlichen Verantwortung stellen. Diese erschöpft sich freilich nicht darin, die Finanzbeziehungen neu zu ordnen – Bund und Länder müssen eine gemeinsame Vorstellung vom Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland haben. Dann wird schnell deutlich, wo welche Verantwortung wahrzunehmen ist – einschließlich der damit verbundenen Finanzierung. Jeder zusätzliche Euro, den der Bund den Ländern für Bildung ohne wirksame "Sicherungsmaßnahmen" gibt, läuft Gefahr, bei Einsparungen vom Landesfinanzminister kassiert zu werden.