Guido Westerwelles "Kultur der militärischen Zurückhaltung" hat Deutschland keinen Ruhm gebracht: so ein großer Koloss, so ein geduckter Zwerg. Und so hoch der moralische Zeigefinger, begleitet von wohlklingenden Glaubenssätzen wie "Gewalt löst keine politischen Probleme". Man hörte die hehre Botschaft, sah aber auch den praktischen Nutzen: keine Opfer, keine Kosten, keine Revolte an der Wahlurne.

Es war ironischerweise die richtige Politik, wiewohl mit den falschen Motiven. Die Ordnungskriege des 21. Jahrhunderts haben keinen Gewinn abgeworfen – siehe Irak und Afghanistan, wo die "bad guys" wieder die Oberhand haben, wo die Waffen weder Frieden noch Demokratie gestiftet haben. Es wäre der schiere Wahnsinn, in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen; selbst der großmächtige Obama hat sich nicht getraut. Oder in den nun zerfallenden Staat namens Libyen. Und doch lässt sich das Westerwelle-Prinzip, das übrigens auch die Richtschnur der Kanzlerin ist, nicht mehr durchhalten.

Also soll jetzt alles anders werden, glaubt man den vorsichtigen Vorstößen von Außenminister Steinmeier (SPD) und Verteidigungschefin von der Leyen (CDU), die im Spiegel verriet: "Wir können nicht zur Seite schauen, wenn Mord und Vergewaltigung auf der Tagesordnung stehen." Ein neuer moralischer Impuls – die Menschlichkeit – soll den alten der fast unbedingten Friedfertigkeit ersetzen. Dazu auch Praktisches: ein bisschen Bündnisfähigkeit, ein bisschen Schulterschluss mit unseren entfremdeten französischen Freunden, die sich die Kriegsflagge von den Anglo-Mächten gerafft haben.

Das Land hat gut damit gelebt, den Welthändeln aus dem Weg zu gehen

Prämien an das Bündnis zu entrichten ist das bewährte Prinzip der deutschen Politik seit Adenauer. Das war richtig und weise, und deshalb waren Westerwelle und Merkel bei ihrem Alleingang in die Abstinenz im Falle Libyen (sogar raus aus den Awacs-Flugzeugen der Nato) so schlecht beraten. Doch ist Bündnistreue nur ein Teil der großen Strategie, ebenso wie die humanitäre Pflicht, die sich von der Leyen ans Panier geheftet hat. Der Kern sind Mittel, Interessen und Erfolgsaussichten, schließlich eine "Kultur der Kriegsfähigkeit", welche die Deutschen 1945 aus den bekannten Gründen abgelegt haben.

Die neue Sprache zweier Regierungsmitglieder bewältigt keines dieser Probleme: Wenn Gewalt, dann nur in homöopathischen Dosen. Vielleicht ein paar Soldaten nach Mali (wo jetzt hundert Ausbilder stehen), vielleicht Transport- und Krankenflugzeuge (MedEvac) für die Zentralafrikanische Republik. Hier greift die älteste Regel des Krieges: Reingehen erfordert Durchhaltefähigkeit, also Verstärkung, Nachschub, Kampfkraft. Die Bundeswehr glaubte, ihr könnte in Kundus nichts passieren. Leider haben die Anglo-Mächte im Süden Afghanistans zu erfolgreich gekämpft, also wichen die Taliban nach Norden, in den deutschen Sektor aus. Auch von der Leyen möge nicht glauben, dass sie ihren Kuchen essen und behalten kann: mit einer schönen Geste ohne hässliche Konsequenzen.

Dann die Mittel: Die Bundeswehr ist allenfalls bedingt kampffähig. Es fehlt an (fast) allem für die heutige Kriegsführung: an Aufklärung (im All wie auf dem Kampffeld), Transportern und Schiffen, hoch beweglichen Panzerfahrzeugen, Luftunterstützung, Kampfhubschraubern, Präzisionsmunition und Trägern wie Drohnen.

Kann sich ein reiches Land wie Deutschland die Mittel nicht kaufen? Nicht bei einem Wehretat, der mit 1,4 Prozent vom BIP zu den niedrigsten der Nato gehört. Für die Beschaffung sind nur fünf Milliarden Euro vorgesehen: 15 Prozent vom Gesamtetat. Von der Leyen wird bald den berühmten "Kassensturz" machen und dann entweder zurückstecken oder den Finanzminister angehen müssen. Schäuble aber träumt von einem ausgeglichenen Bundeshaushalt.