Die Elogen auf den scheidenden Vorstandsvorsitzenden der Lanxess AG sind gerade ein gutes Jahr alt. Axel Heitmann wurde damals für eine außergewöhnliche Leistung gelobt: Er und seine Leute hatten es geschafft, aus einigen vom Bayer-Konzern abgespaltenen, scheinbar wenig zukunftsträchtigen Sparten (Kunststoffe, Kautschuk, Spezialchemie) binnen weniger Jahre ein erfolgreiches Chemieunternehmen zu formen. Ende 2012 wurde die Sanierung mit der Aufnahme in den Börsenindex Dax 30 belohnt.

Im vergangenen Jahr erlebte das neue Unternehmen dann seinen ersten Einbruch. Und schon sind die Erfolge bloß noch warme Abschiedsworte und eine schöne Abfindung wert.

Man kann sich über die Person Axel Heitmann streiten. Darüber, ob ihm der Aufstieg aus der zweiten Reihe gut bekommen ist, ob er seine Rolle nicht überschätzte und ob er womöglich zu großspurig auftrat. Wichtiger aber sind die grundlegenden Fragen, die sich aus den Vorgängen bei Lanxess ergeben:

Erstens: Kann man sich vor konjunkturellen Einbrüchen schützen, wenn man ein Unternehmen breiter diversifiziert?

Zweitens: Wie geht man mit einem verdienten Manager in einer Krise um?

Ein Rückblick hilft bei der Einschätzung: Die Ausgangslage für Heitmann und seine Mitstreiter im Jahr 2004 schien denkbar ungünstig. Bayer hatte sich von den späteren Lanxess-Sparten getrennt, weil diese kaum Gewinn oder meist sogar Verluste schrieben. Sie passten angeblich nicht mehr zum "Kerngeschäft" des Traditionskonzerns. Aus "Bayers Resterampe", wie damals gespottet wurde, entstand allen Unkenrufen zum Trotz wieder ein erfolgreicher Konzern, der 2012 sogar einen Rekordgewinn ablieferte (siehe Grafik).

Heitmann und seine Leute hatten kräftig aufgeräumt, in vermeintlich zukunftsträchtige Technologien investiert und auf Innovationen gesetzt – vor allem als Lieferant für die Reifen- und Autohersteller. Die Lanxess-Strategen setzten auf den langfristigen Ökotrend. Mit künstlichem Kautschuk lieferten sie das Ausgangsmaterial für eine "grüne" Reifentechnologie, also Pneus, die den Sprit- oder Stromverbrauch um fünf und mehr Prozent senken können. Auf den gleichen Trend setzten sie mit hochwertigen Kunststoffen, die Autos leichter und damit ebenfalls energieeffizienter machen können.

Eines ist sicher: Der Trend zu Energiesparreifen und leichteren Karosserien wird anhalten, dafür sorgen schon die weltweit immer strengeren politischen Vorgaben für den CO₂-Ausstoß. Doch der Pionier Lanxess hatte doppeltes Pech. Auch Konkurrenten etwa aus China setzten auf den Trend, zudem sorgte die flaue Autokonjunktur im Heimatmarkt Europa dafür, dass der Fahrzeugabsatz nicht wie erwartet florierte. Die neuen Lanxess-Fabriken waren zuletzt schlecht ausgelastet, die Preise verfielen, 2013 brachen Umsatz und Gewinn ein.

Der entscheidende Unterschied zwischen der Einschätzung Heitmanns und der des Aufsichtsrats ist nun: Ersterer sieht den Einbruch als primär konjunkturelles Problem, Letzterer bereits als strukturelles. Wer recht hat, wird sich möglicherweise schon Ende dieses Jahres abzeichnen.

Klarer ist zu beurteilen, wie man mit Heitmann umgegangen ist: stillos. Als der Manager in den vergangenen Wochen noch öffentlich seine Strategie verteidigte und eine Erholung der Gewinne im laufenden Jahr versprach, war sein Schicksal bereits besiegelt. Der Aufsichtsratschef verhandelte da schon mit seinem Nachfolger Matthias Zachert. Der verriet dies jetzt bei seinem Abschied als Finanzvorstand beim Pharmakonzern Merck in Darmstadt.

Dass Zachert Lanxess gut kennt, weil er in den Jahren von 2004 bis 2011 dort als Finanzchef an Heitmanns Seite die Strategie mitbestimmte, macht den Wechsel sicher leichter. Dennoch bleibt der Eindruck schlechter Kommunikation zwischen dem Vorstand und dem Aufsichtsrat bei Lanxess. So sollte man einen verdienten Manager nicht abservieren.

Die Lanxess-Aktie machte nach dem angekündigten Wechsel einen Sprung nach oben, das Merck-Papier verlor ähnlich viel. Das spricht für den Ruf des Neuen. Die Vorschusslorbeeren sagen aber noch lange nichts darüber aus, ob eine veränderte Strategie schnell bessere Resultate bringt. Zu oft liegt die Börse daneben.

Zachert soll jetzt bei Lanxess stärker diversifizieren. Dazu muss er in zukunftsträchtige Geschäfte investieren. Das bringt aber auch neue Risiken mit sich. Einen Vorteil hat der Neue allerdings. Sollte die Autokonjunktur (und damit auch das Reifengeschäft) anziehen, kann er die Früchte ernten, die sein Vorgänger gesät hat.