Es ist ganz einfach, sagt die Dame in der violetten Bluse. "Vertrauen Sie auf unsere Hilfe, und Sie haben in nur 15 Tagen Ihre Offshore-Firma." Ein Büro in Peking, 19. Stockwerk, dunkle Möbel, edle Dekoration, der Blick aus dem Fenster zeigt unendliche Häuserschluchten im Abendlicht. Die Dame heißt Frau Ni, sie arbeitet für die Firma Hong Kong Universum Offshore Management, spezialisiert auf die Einrichtung von Konten und Firmen in Steueroasen.

Zuerst, rät Frau Ni, solle man ein Konto in Hongkong eröffnen, "dort können Sie beliebige Summen Renminbi in Devisen tauschen". Für eine einmalige Gebühr in Höhe von 6.000 Yuan, umgerechnet 718 Euro, helfe ihr Unternehmen dann dabei, eine Offshore-Firma zu etablieren.

Dann gilt es, einen Ort zu wählen. Die Britischen Jungferninseln seien früher sehr beliebt gewesen, sagt Frau Ni. Jetzt aber nicht mehr, zu streng seien die Kontrollen. Man solle lieber auf die Seychellen gehen: "Sie zahlen dort eine Jahresgebühr von 5.500 Yuan, ganz egal, welche Summe Sie investieren möchten. Sie entrichten dort keine Steuern. Und Sie können Ihre Firma einem Scheindirektor übertragen, damit wird Ihr Name nicht öffentlich." Konten und Firmen würden nicht überwacht, "solange Sie keine illegalen Geschäfte machen oder mit Ländern Geschäftskontakte pflegen, in denen Krieg herrscht, haben Sie gar nichts zu befürchten".

Firmen wie die von Frau Ni gibt es in China unzählige. Wie groß die Nachfrage danach ist, zeigten Informationen, die das Internationale Konsortium investigativer Journalisten (ICIJ) vergangene Woche veröffentlichte, ein Zusammenschluss internationaler Medien, dem Insider die Daten zugespielt haben und zu dem auch die Süddeutsche Zeitung gehört.

Den Auswertungen des Konsortiums zufolge wickelt die chinesische Elite im großen Stil Geschäfte über Offshore-Firmen ab. Unter den Kunden befinden sich nicht nur etliche Mitglieder des Nationalen Volkskongresses, Superreiche und Manager von Staatsunternehmen, die in Korruptionsskandale verwickelt sind, sondern auch geschäftstüchtige Verwandte zahlreicher Spitzenpolitiker. Da ist etwa ein Schwager des Präsidenten Xi Jinping. Die Tochter des früheren Premierministers Li Peng. Der Schwiegersohn des großen Reformers Deng Xiaoping. Sowie Sohn und Schwiegersohn des vor einem Jahr in den Ruhestand getretenen Premiers Wen Jiabao. Insgesamt konnten mehr als 21.000 Offshore-Firmen Personen aus China, Taiwan und Hongkong zugeordnet werden.

Das Offshore-Paradies der chinesischen Elite, das sind vor allem die Britischen Jungferninseln in der Karibik. "Ein Märchenland der Segler", schwärmt der Reiseführer Lonely Planet. "Mehr als 40 Inseln heißen den Besucher mit einer unglaublichen Menge an Stränden willkommen." Unglaublich ist auch die Anzahl der Briefkastenfirmen: Auf 30.000 Einwohner kommen 15-mal so viele Offshore-Firmen, 40 Prozent davon gehören asiatischen Geschäftsleuten, vor allem solchen aus China, Hongkong und Taiwan.

Briefkastenfirmen sind nicht per se illegal. Viele chinesische Geschäftsleute trauen dem heimischen Banken- und Rechtssystem nicht und wollen ihr Geld anderswo verwahren. Auch wird der Handel zwischen China und Taiwan über den Umweg von Offshore-Konten getätigt, weil Direktinvestitionen aus politischen Gründen nicht möglich sind.

In China werden die Enthüllungen streng zensiert

Aber Offshore-Firmen sind auch ein beliebtes Mittel zur Verfolgung dunklerer Zwecke. Sie dienen oftmals dazu, Steuern zu hinterziehen oder Vermögen, das durch Korruption oder Kriminalität erwirtschaftet wurde, zu verschleiern oder zu waschen.

Der US-Nichtregierungsorganisation Global Financial Integrity zufolge ist China der größte Exporteur von Schwarzgeld. "Fast die Hälfte des Schwarzgeldes aus Entwicklungsländern stammt von dort", sagt Joshua Simmons. Seinen Schätzungen nach soll es zwischen 2002 und 2011 etwa eine Billion Dollar gewesen sein.

Es ist eine zutiefst undurchsichtige Welt, die Simmons Tag für Tag untersucht. Bisweilen laufen Geschäfte über mehrere Konten in verschiedenen Steueroasen, die ganz unterschiedlichen Jurisdiktionen unterstehen. Mithilfe von Scheindirektoren wird die Herkunft des Geldes verschleiert. Steueroasen liegt meist wenig daran, die Geldströme zu kontrollieren – besteht doch gerade im Mangel an Kontrolle ihre Anziehungskraft. Die Seychellen etwa, laut Frau Ni "das neue heiße Ding", sind Simmons zufolge eine der weniger bekannten, aber auch schmutzigsten Steueroasen. "Hier werden Waffengeschäfte abgewickelt. Vor ein paar Jahren wollten die Seychellen ein Gesetz erlassen, wonach jeder, der mehr als zehn Millionen Dollar in ein Offshore-Konto steckt, Immunität dafür erhalten hätte. Erst auf Protest der internationalen Gemeinschaft wurde das Gesetz gekippt."

Das größte Problem der opaken Finanzströme sei, sagt Simmons, dass das Geld nicht in den jeweiligen Volkswirtschaften bleibe. "Das macht die Reichen reicher und die Armen ärmer." Längst sei das System so ausgeklügelt, dass es allenfalls begrenzt, nie aber ganz ausgemerzt werden könne.