Will er, will er nicht? Erst vor zwei Wochen stieg der Deutsche Aktienindex (Dax) bis auf fast 9.800 Punkte. Dann fiel er unter 9.400 Punkte – und fing sich Anfang dieser Woche wieder. Angesichts der Turbulenzen fragen viele Beobachter: Durchbricht das wichtigste deutsche Börsenbarometer bald die magische Marke von 10.000 Punkten? Oder wird der Sprung in den fünfstelligen Bereich nicht gelingen? Interessante Fragen. Falsche Fragen.

Zwar sehen viele Börsianer den Aktienmarkt ebenfalls an einer entscheidenden Marke angelangt – doch dabei denken sie nicht an die Marke 10.000. "Wir sind an einem Wendepunkt", sagt Richard Webb, dessen Team bei J.P. Morgan Asset Management in London rund 450 Millionen Euro verwaltet. Der Aktienmarkt sei kurz davor, sich wieder stärker an den Firmen hinter den Aktien zu orientieren, "nun geht es um die wirtschaftliche Erholung und steigende Unternehmensgewinne".

In den vergangenen Jahren war das anders. Da trieben vor allem zwei Faktoren die Aktienmärkte weltweit in die Höhe: erstens die Notenbanken, die insbesondere in den USA die Wirtschaft mit Geld geradezu überschwemmten, das vor allem in Aktien angelegt wurde. Zweitens der generelle Notstand der Investoren. Diese sehen bei Zinsen nahe null kaum eine Alternative zu Aktien, wenn sie ein paar Prozent Gewinn im Jahr erzielen wollen, und so kaufen sie seit Monaten massenweise Aktien – in den USA für dreistellige Milliardensummen. Die Kurse sind daher 2013 weltweit stark gestiegen, fast losgelöst von der Frage, ob die Firmen hinter den Aktien sich gut entwickeln und ihre Gewinne die Bewertungen an der Börse rechtfertigen. "Zuletzt nährte die Rallye die Rallye", sagt Matthias Born, der für Allianz Global Investors einen Aktienfonds in Höhe von 2,2 Milliarden Euro steuert.

Die richtigen, die fundamentalen Fragen lauten daher: Lösen die Gewinne der Unternehmen in diesem Jahr endlich das viele Geld und den Anlagenotstand als Treiber der Aktienmärkte ab? Werden sie 2014 zweistellig wachsen, wie es viele Analysten erwarten? Und wird der Übergang klappen? Wer nach Antworten sucht, lernt schnell, dass die Kurse der 30 führenden deutschen Unternehmen, die im Dax gelistet sind, von vielem abhängen, was außerhalb Deutschlands geschieht.

Europa, so die allgemeine Erwartung, wird 2014 endgültig die Rezession hinter sich lassen. Von der Erholung Südeuropas wird die deutsche Exportwirtschaft profitieren, sodass hierzulande mit einem deutlich besseren Wirtschaftswachstum von 1,7 bis 2,0 Prozent gerechnet wird. Webb und sein Team bei J.P. Morgan Asset Management halten sogar 2,5 Prozent für möglich, wenn auch der Konsum der Deutschen zulegt, räumen aber ein: "Wir sind optimistischer als der Markt." In jedem Fall dürfte es den deutschen Firmen besser gehen. Born von Allianz Global Investors ist "fest überzeugt", dass die Gewinne "wieder anziehen".

Bei der Frage allerdings, wie stark die Unternehmensgewinne zulegen, teilen sich die Auguren in Optimisten und Pessimisten. Im Durchschnitt rechnen die Experten damit, dass die Gewinne in Deutschland 2014 um 12 Prozent steigen werden – und 2015 sogar um 13 Prozent. Ralf Zimmermann, Aktienmarktexperte beim Bankhaus Lampe, ist das "dann doch des Guten zu viel". Zumal die Börse Erwartungen immer schon in den Kursen berücksichtigt, die Erwartungen mithin sogar übertroffen werden müssen, damit der Aktienmarkt steigt. Die Latte liegt also recht hoch.

Gewinne hängen, außer von den Kosten, vor allem von der Absatzmenge der Unternehmen und von den Preisen, die sie für ihre Produkte verlangen können, ab. Der Absatz steigt vielfach zwar, starker Wettbewerb und Überkapazitäten führen nach der Beobachtung von Zimmermann aber in vielen Branchen dazu, dass der zweite Faktor ausfällt: "Bei den Preisen bewegt sich derzeit nichts, das ist ein wichtiger Unterschied zum letzten Aufschwung von 2003 bis 2007." Der Stratege vom Bankhaus Lampe glaubt daher, dass die Firmengewinne in Deutschland 2014 nur um fünf Prozent und 2015 nur um acht Prozent steigen. Erste Zahlen aus den USA, wo die Industrie die Ergebnisse des abgelaufenen Jahres früher vorlegt, bestätigen ihn in seiner Skepsis: Demnach haben in den ersten Wochen mehr Firmen als üblich die Erwartungen der Analysten unterschritten. Zudem hat es mehr Unternehmen gegeben, die ihre Ausblicke für 2014 senkten, als Firmen, die sie anhoben.