Wie hat Sigmar Gabriel das gemacht? Wie ein Zaubertrick wirkt sein Plan zur Fortsetzung der Energiewende. Der neue Energieminister, kaum im Amt, zieht ihn aus dem Ärmel – und seine Kritiker stehen plötzlich da, als wollten sie einander ins Unrecht setzen – und nicht den Minister. Gabriel will einen verlässlichen Plan zum Ausbau der Ökostrombranche, er will Unter-, aber auch Obergrenzen. Dieses gelenkte Wachstum ist der traditionellen Stromindustrie zu viel, den Ökos zu wenig und aus Sicht einiger Bundesländer falsch verteilt.

Mehr Windkraft!, ruft Schleswig-Holstein. Mehr Hochseewindkraft!, verlangt Niedersachsen. Mehr Biomasse!, fordert Thüringen. In Wirklichkeit wollen alle das Gleiche: Mehr Geld für die je eigene Ökostrombranche. Tun sich wirklich einmal zwei Gabriel-Gegner zusammen, wie zuletzt die süddeutschen Ministerpräsidenten Seehofer (CSU) und Kretschmann (Grüne), dann zeigt sich, dass es ihnen an gemeinsamen Interessen fehlt. Seehofer will weniger Windkraft im Süden, Kretschmann mehr.

Kurzum: Sigmar Gabriel hat seine Widersacher gegeneinander aufgestellt und weiß die Kanzlerin hinter sich. Politisch ist das geschickt. Ob es die Probleme das Landes löst, ist eine andere Frage.

Im Getöse des Streits geht der Überblick verloren. Wo steht Deutschland mit seiner Energiewende, wie wird sie sich weiter entwickeln?

Wenn sich die Aufregung über Gabriels Pläne legt, wird sich zeigen, dass er die Energiewende beschleunigen will. Die Ziele für den Ausbau von Wind- und Sonnenstrom, die noch vor Kurzem als anspruchsvoll galten, werden ein weiteres Mal angehoben. Anfang der 20er, wenn die Atomkraft ausläuft, soll der Ökostromanteil fast die Hälfte betragen, statt eines guten Drittels, wie es bisher geplant war. Auch darin zeigt sich die gewachsene Bedeutung eines neuen Wirtschaftszweigs: Gegen die Grünstrombranche ist in Deutschland keine Politik mehr zu machen.

Dennoch, und das ist das Überraschende, erweist sich ausgerechnet der Umweltschutz als die schwache Seite eines vermeintlich ökologischen Umbaus. Über die Kosten der Energiewende streitet das Land seit Jahren. Dass sie der Umwelt nützt, wurde immer wie selbstverständlich vorausgesetzt: Viel Grünstrom ist gut für die Umwelt, noch mehr Grünstrom ist besser. Nun zeigt sich, dass es so einfach nicht ist. Trotz gewaltiger Investitionen in Wind- und Sonnenenergie produziert Deutschland immer mehr Kohlestrom – und immer mehr Treibhausgase.

2013 war ein Jahr mit bescheidenem Wirtschaftswachstum, kein weiteres Atomkraftwerk ging vom Netz, Wind- und Solarenergie wuchsen kräftig – dennoch stiegen die Treibhausgasemissionen deutlich an.

Wind- und Sonnenstrom, ergänzt durch Strom aus Gaskraftwerken, sollte die Kohle verdrängen und nebenbei die Atomkraft ersetzen – so war es geplant. Offenbar funktioniert dieser Plan nicht. Wenn der Ökostrom trotz seiner wetterabhängigen Schwankungen zuletzt überhaupt noch Fossilstrom ersetzt hat, dann hat er nicht den schmutzigsten, sondern den teuersten Energieträger aus dem Markt gedrängt: nicht Kohle, sondern Gas. Gehe das so weiter, warnen die Umweltschützer von Germanwatch, dann sei die "gesamte Konstruktion der Energiewende" in Gefahr. Was nützt es, immer mehr Grünstrom zu produzieren, wenn er den Kohlestrom nicht verdrängt?