Sven Bauer hat seine Eltern gebeten, seine neue Adresse an niemanden weiterzugeben, nicht an höfliche Nachbarn, nicht an Kumpels aus Grundschulzeiten. Zum Interview kommt er mit einem Pfefferspray in greifbarer Nähe, zur Sicherheit. Sven Bauer, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist Mitglied der Aachen Ultras. Die Gruppe hat sich vor einem Jahr aus dem Stadion ihres Lieblingsvereins Alemannia zurückgezogen. Sie wurde von Hooligans und Neonazis eingeschüchtert, bedroht und angegriffen.

Bauer ist eines von vielen Opfern, denen im Fußball kaum Gehör geschenkt wird. Medien konzentrieren sich auf bengalische Fackeln in den Kurven, weil sie sich an martialischen Fernsehbildern festhalten können. Doch die Ultras, die sich gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung aussprechen, werden im Verborgenen attackiert. In Aachen, Duisburg oder Braunschweig, in Essen, Dortmund oder Düsseldorf. Die wachsende Jugendkultur der Ultras, der besonders leidenschaftlichen Fußballfans, durchlebt einen Wandel. Rechte Hooligans, die sich in den neunziger Jahren zurückgezogen hatten, beanspruchen wieder ihren Platz. Im Zentrum steht die Frage: Wie politisch dürfen, wie politisch müssen Fans im Stadion sein?

Als Teenager stößt Sven Bauer zu den Aachen Ultras. Er findet die aus Italien kommende Erlebniswelt der Ultras faszinierend: den Männlichkeitskult, den Lokalpatriotismus, das Überlegenheitsdenken während der Derbys. Er hat nichts gegen sexistische Verbrüderungsrituale, grölt schwulenfeindliche Parolen. Er will in der Hierarchie der Fans aufsteigen, er sehnt sich nach Anerkennung.

Die achtzig Mitglieder der Aachen Ultras, gegründet 1999, verstehen sich als kreative Avantgarde. Alte Mitglieder gehen, neue kommen, es bilden sich Fraktionen. Sie streiten um Choreografien und Gesänge. Einige Mitglieder dulden Rassisten, für andere ist auch die Würde des Gegners unantastbar. Manche gehen für ein paar Monate ins Ausland. Sie nehmen ein Studium auf, interessieren sich für Politik, Literatur, Kunst. Andere richten ihr Leben auf Fußball aus, Muskelspiele, Trinkgelage. Aus Frust zwischen Jugendfreunden wird Streit, aus Streit wird Aggression. 2010 dann der Bruch: Eine kleine Gruppe verlässt die Aachen Ultras und gründet die "Karlsbande".

Sven Bauer, inzwischen 22 Jahre alt, gehört nun zu den einflussreichen Köpfen der Aachen Ultras. "Wir haben unser chauvinistisches Verhalten endlich hinterfragt", sagt er. Die Gruppe, die sich wegen des Fußballs gefunden hatte, will sich außerhalb des Stadions engagieren. Sie kocht für Flüchtlinge, sammelt Spenden für Obdachlose, nimmt an Demonstrationen gegen die NPD teil. Mitglieder besuchen Seminare von Menschenrechtsorganisationen. Ihr Ziel: ein Stadion ohne Diskriminierung. Ein Stadion, in dem sich auch Minderheiten wohlfühlen: Einwanderer, Homosexuelle, Sinti und Roma. Für die Aachen Ultras ist das ein Mindeststandard. Für andere ist es linke Provokation.

Die Ultras der Karlsbande bezeichnen sich als unpolitisch. Sie öffnen sich für die Hooligan-Gruppen "Westwall" und "Supporters", für Männer jenseits der dreißig, die das Gesetz des Stärkeren predigen, nicht den demokratischen Kompromiss. Die Karlsbande duldet Mitglieder der rechtsextremen Kameradschaft Aachener Land, die bald darauf verboten wird. Die Allianz wächst auf über 300 Sympathisanten an, im Stadion treibt sie die Mannschaft nach vorn, die sportlichen Gegner sind eingeschüchtert – so lässt der Verein sie gewähren.

Aachen Ultras und Karlsbande prallen aufeinander, im Stadion, im Alltag, im Internet. Mitglieder der Karlsbande wollen den Aachen Ultras untersagen, "Politik auf dem Rücken ihres Vereins" zu betreiben. "Wir verstehen uns nicht ausschließlich als linke und schon gar nicht als linksextreme Gruppe", sagt Sven Bauer. "Wir vertreten bestimmte Grundwerte, die wir auf den Fußball übertragen möchten. Wir wollen eine fortschrittliche Gruppe sein und den Begriff Ultra modern prägen." Im Dezember 2011 laden die Aachen Ultras den Autor dieses Artikels zu einer Lesung ein, das Thema: Rechtsextremismus im Fußball. Einige Hooligans werden vor Veranstaltungsbeginn aus dem Saal verwiesen, weil sich Jugendliche von ihnen bedroht fühlen. Für die Karlsbande ist das eine Kampfansage.

Am Wochenende darauf werden die Aachen Ultras im eigenen Stadion von dreißig zum Teil vermummten Schlägern angegriffen. Bei einem Auswärtsspiel versperren ihnen Neonazis den Block, die Sozialarbeiterin des Aachener Fanprojekts wird bespuckt. Die Vereinsführung der Alemannia will zu diesem Zeitpunkt die Insolvenz vermeiden und den Abstieg aus der zweiten Liga verhindern. Sie möchte Opfer und Täter zur Versöhnung an einen Tisch bringen. Die unbeteiligte Publikumsmehrheit hält den Konflikt für Scharmützel zwischen Halbstarken. "Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik", lässt der NPD-Funktionär Sascha Wagner mitteilen, er hat eines seiner Kinder Alemannia genannt. Unwissende Fans geben ihm Recht, zum ersten Mal, die NPD wird für sie ein Stück normaler.