Hey, Liebes, wieder eine kurze Nacht. Es ist fünf Uhr früh, und ich liege wach. Vor dem Fenster das Geschrei der Vögel, die Amseln sind besonders laut. Ich sehe mal wieder dem Sonnenaufgang zu, stopfe mir eine Pfeife und stelle mir vor, wie Du Dir den Schlaf aus den Augen reibst und den Tag beginnst.

Früh um fünf ist sie aufgewacht, hat sich den Schlaf aus den Augen gerieben. Bevor sie aufgestanden ist, hat sie sich noch einen Moment eingekuschelt, das Foto auf ihrem Nachttisch betrachtet. Es zeigt einen Mann, stattlich, mit Schnauzer und grauen Strähnen in den Haaren. Sie hat das Bild in die Hand genommen. Es geküsst. Ihn geküsst. Wie jeden Morgen.

Sie hat lange vor dem Spiegel gestanden. Immer wieder hat sie sich umgezogen. Die enge schwarze Hose mit dem roten Top? Die Jeans mit der weißen Bluse? Oder doch den neuen Rock?

Zwei Stunden später, sie trägt die Jeans mit rotem Top und taillierter Jeansjacke, geht sie über das Kopfsteinpflaster, vorbei am Rathaus mit Blumenkästen, in denen rote Geranien blühen. Das Geräusch ihrer Absätze klingt durch die Gassen. Das Dorf, in dem sie wohnt, schläft noch. Es ist halb acht an einem Sonntag im Sommer. Christel, zierlich, blond, nicht mehr jung, aber noch lange nicht alt, ist auf dem Weg zu dem Mann, der sie in seinen Briefen Liebes nennt und den sie nur Achim nennt, obwohl er eigentlich Joachim heißt. Jeden Tag schreibt Achim ihr, manchmal mehrmals. Morgens, mittags, abends. Mehrere Seiten umfassen seine Briefe. Zweimal die Woche bekommt Christel seine Post.

Der Weg zu Achim ist nicht weit. Fünfzehn Minuten zu Fuß, vielleicht 20, dann ist sie bei ihm. Sie muss nur die Straße rauf, am Bahnübergang vorbei, nach rechts den Berg hoch, dann ist sie da. Bei dem Backsteingebäude mit der Mauer davor und den Gittern an den Fenstern. Achim ist nah und doch so fern. Er sitzt im Gefängnis.

Als Christel an diesem Morgen an der Justizvollzugsanstalt ankommt, stehen bereits sieben andere Frauen und fünf Männer davor. Ehefrauen, Großväter, Kinder, Freunde, Geliebte. Christel geht zum Pförtner, gibt routiniert ihren Besuchsschein und ihren Ausweis ab. Steckt ihre Handtasche in eines der Schließfächer, lässt sich abtasten. In einem Zimmer mit weißen Fliesen und Plastikstühlen an der Wand wartet sie mit den anderen, bevor ein Beamter sie in einen weiteren Warteraum bringt. Ab und zu kommt ein Besucher rein, murmelt "Morgen", ohne jemanden anzuschauen. Es ist still, nur ab und zu ein verlegenes Räuspern. Niemand lächelt. Eine Dunkelhaarige betritt den Raum, setzt sich schräg gegenüber von Christel, nickt ihr zu. Wie Christel trägt die Frau ein enges Top, sie duftet nach frisch aufgetragenem Parfum. Wie Christel hat sie sich besonders schön gemacht.

Knastbräute. So nennen die Aufseher sie. Jene Frauen, die sich in einen Mann verlieben, der im Gefängnis sitzt. In einen Mörder, einen Vergewaltiger, einen Betrüger, einen Räuber.

Frauen wie Christel haben sich nicht mit einem Mann eingelassen, der dann ein Verbrechen beging. Sie halten nicht treu zu einem Ehemann, der Verbotenes tat, dem sie sich aber verpflichtet hatten, in guten wie in schlechten Zeiten. Christel hat sich ihren Mann ausgesucht, als dieser bereits in der Justizvollzugsanstalt saß. So wie die Büroangestellte Marion, so wie die Rechtsanwältin Astrid Wagner. Drei Frauen, die ihr Schicksal nicht erleiden müssen, sondern es selbst gewählt haben. Alle drei erzählen der ZEIT ihre Geschichte.

Das also ist Joachim, der Mann, den Christel gewählt hat: 60 Jahre, zwei Kinder, seit neun Jahren im Knast. Er verbüßt eine Haftstrafe von zwölf Jahren und acht Monaten wegen mehrfachen bewaffneten Raubes. Warum bindet sich eine Frau an einen Mann, der im Gefängnis sitzt? Einen Mann, der anderen Gewalt oder zumindest Unrecht angetan hat? Einen Mann, mit dem man nicht leben und dem man nur für ein paar Stunden im Monat nah sein kann?

Fragt man Christel nach dem Warum, sagt sie: "Ich wollte damals eigentlich gar keinen Mann, sondern nur eine Brieffreundschaft. Und dann bin ich im Internet durch Zufall auf jailmail.de gestoßen." Sie sagt nicht, dass sie einsam war nach fünf Jahren Singledasein, dass sie schon mehrere unglückliche Beziehungen hinter sich hatte, dass sie enttäuscht war von den Männern und ein Briefkontakt zu einem Inhaftierten ihr zunächst die nötige Distanz bot, die sie brauchte. Unverbindlichkeit. Kontrolle.

Jailmail.de ist eine große Partnerschaftsbörse für Inhaftierte. 322 Annoncen von Männern, die Kontakt zu Frauen suchen, sind dort zurzeit zu finden. Die Männer sind nach Geburtsjahrgängen sortiert. Es ist zu erkennen, wo der Häftling einsitzt, sodass man sich jemanden aus der Nähe suchen kann.

Im September 2011 scrollt Christel sich durch die Liste, findet Joachims Anzeige. Da steht, dass er volles Haar hat, im Sternzeichen Löwe geboren und ein hoffnungsloser Romantiker ist. Dass er Kinder und Tiere mag und lieber Jeans als Anzug trägt. Er schreibt, dass er garantiert antwortet. Chiffre 2971/ 11. Christel findet, dass "seine Anzeige sich so locker, so offen und ehrlich anhört". Sie schreibt ihm.

Vierzehn Tage dauert es, da bekommt sie eine Antwort. Er bedankt sich für ihren wundervollen Brief, macht ihr Komplimente. Er schreibt, dass ihn das Knastniveau runterziehe und er deshalb einen Briefkontakt nach draußen suche – und auch, dass er kein Ki-fi, kein Kinderficker, ist, ebenso kein Mörder. Er schreibt, dass er bewaffnete Überfälle begangen hat, aber nur, weil seine Tochter eine seltene Augenkrankheit hat, die ausschließlich in den USA operiert werden kann. Die Bank gab ihm kein Geld, was sollte er tun?

Eine Mitleidsgeschichte. Christel fragt nicht nach seinem Urteilsspruch, sie glaubt ihm. Dann schreibt er über seine Kindheit, erzählt von dem Dorf, in dem er aufgewachsen ist, von dem Wald gleich hinter seinem Elternhaus, seinem Hund. Er schreibt: "Willst Du einen Federkrieg mit mir beginnen?" Christel will. Alles, was sie liest, gefällt ihr, und alles, was sie schreibt, von der Arbeit im Hotel, von den Problemen mit den Kindern, interessiert ihn. Irgendwann fragt er, ob sie ihn nicht besuchen möchte. Christel zögert. Sie war noch nie in einem Gefängnis. Aber sie will den Mann kennenlernen, der so einfühlsam ist, so verständnisvoll, so ehrlich. All das, was ihre bisherigen Partner nie waren. Das war vor zwei Jahren.

Was passiert, wenn die Beziehung real wird?

Im Wartezimmer der Justizvollzugsanstalt ertönt ein Gong, wie auf einem Schulhof. Die Gruppe setzt sich in Bewegung, über den Hof zu den Besucherräumen. Drei Zimmer, vier bis sechs Tische jeweils, Holzstühle. In Raum zwei, links in der Ecke, mit dem Rücken zum Fenster, nimmt Christel Platz. Wieder ein Gong, die Gefangenen werden hereingeführt.

Als sie ihn sieht, springt sie auf. Umarmung, Kuss, dann sitzen sie sich gegenüber am Tisch. Wie ein Schulmädchen schlägt sie die Augen nieder, spielt nervös mit ihrem Haar, kichert.

"Wie geht es dir?", fragt Achim.

"Gut."

"Und deinen Kindern?"

"Auch gut."

"Gefällt deiner Tochter die neue Lehrstelle?"

"Ja, ich soll dich grüßen."

Schweigen.

"Es war heute früh schon furchtbar heiß in der Zelle", sagt er.

"Ja, wird Zeit, dass es kühler wird", sagt sie. Und dann: "Weißt du denn jetzt, wann dein Ausgang ist?" Im Herbst soll Joachim zum ersten Mal nach acht Jahren die Draußenwelt betreten. Seit Wochen reden sie darüber. In Briefen. In Telefonaten. Bei den Besuchen.

"Nein, noch nicht", sagt Achim. Drückt ihre Hand. "Aber das wird schon."

Eine Stunde reden sie so, manchmal schweigen sie auch. Peinlich berührt. Christel und Achim, sie können nicht von gemeinsamen Erlebnissen erzählen, in der Vergangenheit schwelgen. Sie haben keine. Alles, was sie haben, sind zwei Besuche im Monat. Je eine Stunde. Alle drei Monate dann der LZB, der Langzeitbesuch. Für drei Stunden können Paare eine Art Einzimmerapartment nutzen. Ein Raum mit einer kleinen Küche, separates Bad, eine Ausziehcouch. "Liebeszelle" heißt der Raum im Knastjargon. Sex, getaktet nach den Regeln der JVA.

Es war die Liebeszelle, in der ihre Beziehung begann. Achim hatte den Langzeitbesuch beantragt. Ein paar Wochen nach dem ersten Kennenlernen. "Dann sind wir einmal ungestört", hatte Achim ihr gesagt. Auf der Ausziehcouch haben sie gesessen, Kaffee getrunken. Nervös sei sie gewesen, sagt Christel, als sie da saß, den Kaffee in der einen Hand, die andere hielt Achims. Irgendwann hat Achim sie geküsst. Seitdem sind sie ein Paar.

Nach 60 Minuten dann wieder der Gong. Die Besuchszeit ist vorüber. Während Achim in seine Zelle abgeführt wird, macht Christel sich auf den Heimweg.

Hey, Liebes, nun bist Du wieder auf dem Heimweg, und mich plagt die Sehnsucht! Warten, bis wir uns wiedersehen, wo Du doch so nah bist. Ist schon schlimm, Dich gehen zu sehen, ist immer wie ein Stich ins Herz, und es wird Zeit, dass das vorbei ist und ich bei Dir in unserer Wohnung bin.

In ihrer Wohnung unterm Dach zieht Christel die unbequemen Stöckelschuhe aus, legt ihre Jeansjacke aufs Sofa. "Ich wollte schon längst eine Garderobe anbringen", sagt sie entschuldigend. "Bis Achim rauskommt, muss ich das noch machen." Die Garderobe fehlt, im Schlafzimmer steht noch ein Umzugskarton. Christel wohnt noch nicht lange hier, in dieser Wohnung, in diesem Dorf bei Achims JVA. Vor zwei Monaten ist sie hergezogen. Der Ausblick hat ihr gleich gefallen, sagt sie. Wenn sie aus dem Küchenfenster schaut, sieht sie das Gefängnis.

Davor lebte Christel in einer größeren Stadt. Fast 30 Jahre lang. "Mir hat alles dort gefallen", sagt sie. Sie hatte ihre Freunde, ihre Familie, ein Zuhause. Nur: Achim, der Mann, den sie zwei Stunden im Monat besucht, war weit weg. 120 Kilometer musste sie fahren, wenn sie ihn sehen wollte. "Zieh doch in meine Gegend", sagte Achim bei einem ihrer Besuche. Da kannten sie sich gerade anderthalb Jahre. Christel überlegte: Sollte sie das wirklich machen? Die Vorstellung, zumindest in seiner Nähe zu sein, wenn sie ihm schon nicht nah sein könnte, gefiel ihr.

Sie fragte ihren erwachsenen Sohn. "Bleib doch hier, Mutti", sagte er. "Mensch, Christel, du kennst den doch gar nicht", meinte die Freundin. "Der nutzt dich doch nur aus", fand der Exmann. Doch Christel hörte nicht. Wollte nicht hören. "Nein", sagte sie. "Ich muss jetzt an mich denken. Achim und ich, das ist alles, was zählt." Sie ließ dafür vieles zurück: ihre Arbeit, die ihr gefiel, ihre Freunde, die sie mochte. Auch ihren Sohn und ihr Enkelkind. Nur ihre 16-jährige Tochter nahm sie mit.

Inzwischen ist die Wohnung eingerichtet. Das braune Ecksofa mit dem Glastisch davor, an der Wand ein altes Buffet mit Häkeldeckchen auf dem dunklen Holz und den guten Kristallgläsern hinter den Türen. Die Möbel erzählen viel über die Welt, aus der Christel kommt. Sie wächst in einer gutbürgerlichen Familie auf, der Vater Beamter, "ein Despot", die Mutter Hausfrau, "eine ganz Liebe". Beide strenggläubig. Vor jedem Essen wird gebetet, mit der Nachbarstochter darf die kleine Christel nicht spielen, weil deren Eltern geschieden sind. Sie hat zwei ältere Brüder, der eine wird Pfarrer, der andere Entwicklungshelfer. Mit 17 Jahren heiratet Christel. Aber nicht aus Liebe. Sie ist schwanger. Und sie will weg. Ausbrechen.

Drei Jahre hält die Ehe, schon in der ersten Woche schlägt er sie grün und blau. Ein anderer Mann, zu dem sie einmal eine Beziehung hat, betrügt sie und verspielt ihr Geld. Nein, es lief nicht gut mit den Männern in Christels Leben. Bis Achim kam. Christel hat an einem Ort nach Liebe gesucht, an dem es keine gibt. Im Gefängnis. Weil hier die Lebensläufe genauso krumm sind wie ihrer. Weil sie sich nicht schämen musste. Und weil sie dort etwas fand, das sie mit Achim gemeinsam hat: die Hoffnung auf ein besseres Leben.

"Das wird jetzt alles ganz anders", sagt Christel, während sie Kaffee in die Becher schenkt. Für den Besuch hat sie ausnahmsweise Achims Tasse hervorgeholt. Mit einem Foto darauf. Sie in Achims Arm, aufgenommen bei einem Fest in der JVA. Joachim war noch nie in dieser Wohnung, trotzdem hat er eine Kaffeetasse, sein Schlüssel samt Anhänger hängt am Schlüsselbrett, eine Pfeife, noch nie benutzt, liegt für ihn bereit, sein Name steht auf dem Holzschild über der Tür. "Ich habe auch schon seine Hälfte des Bettes bezogen", sagt Christel. "Das wird natürlich frisch gemacht, wenn er rauskommt. Hoffentlich im April."

Im April 2014 wird Achim zwei Drittel seiner Haftstrafe verbüßt haben. Gefangene, die sich gut führen, können nach dieser Frist vorzeitig entlassen werden. Gefangene, die eine feste Adresse und ein stabiles Umfeld haben, eine Beziehung. Deshalb ist die Wohnung auch so wichtig. Sie ist seine Meldeadresse. Achims Garant für die Entlassung.

Wenn man Christel fragt, worauf sie sich am meisten freut, sagt sie: auf das Zusammensein, die erste gemeinsame Nacht. Und darauf, dass er ihr morgens den Kaffee ans Bett bringt. So wird es sein, sie ist ganz sicher. Es ist, als hätte Christel eine weiße Leinwand genommen, darauf den Mann gemalt, den sie sich schon immer gewünscht hat, und ihn allmählich lebendig werden lassen. Eine Imagination. Aber was passiert, wenn Achim und die Beziehung real werden? Wenn Achim entlassen wird, keinen Kaffee ans Bett bringt und stattdessen dreckige Socken herumliegen lässt, den Müll nicht runterbringt? Kann das gut gehen?

Die Männer brauchen jemanden, der ihnen Unterschlupf bietet, wenn sie rauskommen

"Das geht selten gut", sagt Helga Engel, pensionierte Lehrerin und ehrenamtliche Vollzugshelferin. Engel vermittelt Briefkontakte zwischen Häftlingen und Menschen von draußen. Sie weiß nicht mehr, wie viele Beziehungen wie die von Christel und Joachim sie schon miterlebt hat. Bei zwei Hochzeiten in der JVA war sie dabei. Die eine wurde auch im Knast wieder geschieden. Es gibt wenige Untersuchungen über dieses Phänomen und keine Statistiken darüber, wie viele solcher Beziehungen es tatsächlich gibt. Man weiß allerdings, dass kaum ein Mann sich auf eine Beziehung zu einer Frau im Gefängnis einlässt. Die Erklärung dafür könnte eine ganz einfache sein: 94 Prozent der Strafgefangenen und Sicherheitsverwahrten sind männlich.

Aus ihren Erfahrungen weiß Engel, es sind vor allem Langzeitgefangene, die eine Beziehung zu einer Frau draußen suchen. Häftlinge, die schon zehn Jahre und mehr einsitzen und niemanden mehr haben, der ihnen außerhalb des Gefängnisses die Treue hält. "Die Männer brauchen jemanden, an den sie sich klammern können und der ihnen Unterschlupf bietet, wenn sie rauskommen", sagt Engel. Und die Frauen? Was sind das für Frauen, die so eine Beziehung eingehen? "Oft sind es jene, deren Beziehungen bislang alle in die Brüche gegangen sind und die denken, der hier kann mir nicht weglaufen, der ist auf mich angewiesen und hält zu mir. Das ist natürlich irrig, aber trotzdem gibt es diese Vorstellung." In all den Jahren gab es nur wenige Paare, bei denen Engel ein gutes Gefühl hatte. "Marion und Johannes* waren so eines", sagt sie.

An einem Frühjahrsmorgen im Jahr 2000 parkt die Büroangestellte Marion ihren VW Polo vor den Mauern einer JVA im Osten Deutschlands, steigt aus und schaut auf die Gefängnispforte. Gleich wird er kommen. Die Tür öffnet sich: Ein großer Mann, eins neunzig, mit breiten Schultern und einem Koffer in der Hand, geht langsam, dann immer schneller auf sie zu. Er nimmt sie in die Arme, hebt sie hoch, lacht, küsst sie. Es ist Johannes, ihr Johannes. "So, und jetzt bin ich frei", sagt er. Später, als die Dinge anders stehen, wird Marion sagen, dass dies der schönste Moment in ihrer Beziehung war.

Es war vier Jahre nach ihrer Scheidung, als eine Kollegin ihr diese Annonce auf ihren Bürotisch gelegt hatte. 16. Juli 1997. "Es wird Zeit", sagte die Kollegin. "Einsamer Ritter, hinter Rosenhecken verborgen, wartet sehnsüchtig auf seine Prinzessin, die ihn befreit", stand da. Wie kitschig, dachte Marion. Und dann: Ein Ritter ist eigentlich genau das, was ich jetzt brauche.

Sechzehn Jahre war Marion verheiratet. Mit 19 hatte sie sich versprochen, nichts Besonderes in der DDR. Sie wohnen in einer Doppelhaushälfte, mit einem weißen Gartenzaun davor, zwei Kinder bekommen sie, einen Jungen, dann ein Mädchen. Ein deutsches Standardleben, durchschnittlich. Aber Marion ist unterdurchschnittlich glücklich. Sie fühlt sich nicht genügend geschätzt, ihr Mann hört ihr nicht zu. Ignoriert sie. Nichts, was sie macht, ist gut genug für ihn. Eigentlich hatte Marion sich ihr Leben anders vorgestellt. Als ihr Vater stirbt, ein Mann, der seiner Frau auch nie zuhörte, sie auch nie schätzte, "komisch, wie sich im Leben alles so wiederholt", kommt für die Frau aus dem Osten die Lebenswende. "Ich saß auf der Beerdigung und sah meine Mutter, die nicht eine Träne vergoss. Ich fragte mich, ob ich auch so enden will, in 30 oder 40 Jahren." Einen Tag später trennt sie sich, ein Jahr später reicht sie die Scheidung ein. Da ist sie 35, ihr Sohn 14, ihre Tochter 10 Jahre alt.

Marion, groß, dunkelhaarig, eher vollschlank als schlank, ist eine konsequente Frau. Nicht intellektuell, aber lebensklug. Anfangs war es mehr eine Laune, als sie auf diese Annonce antwortete. Was sollte schon passieren?

Sie ahnte nicht, dass die Rosenhecke in Wirklichkeit eine Gefängnismauer war. Und Johannes, ihr Ritter, ein Mörder.

Mit 20 hatte Johannes eine Frau getötet. Es war auf einem Gartenfest, er war betrunken, die Frau auch. Sie hatten Sex miteinander, und weil er nicht wollte, dass jemand sie hörte, drückte er ihr den Mund in die Erde. Er wollte sie nicht umbringen, und sie lebte auch noch, als er ging. So würde Johannes ihr die Geschichte erzählen. Später. In den ersten Briefen erzählt Johannes nur, dass er im Gefängnis sitzt. Erzählt von seinem Leben vor dem Knast, seinen Träumen. Fragt nach ihren. Für Marion, die schon so lange nicht über ihre Wünsche gesprochen hat, dass sie gar nicht mehr weiß, dass sie überhaupt noch welche hat, sind die Briefe wie eine Kur für ihre geschundene Seele. Endlich ein Mann, der ihr zuhört. Für den sie nicht nur die Köchin ist, das Kindermädchen. Sie schreibt ihm. Jeden Tag. Sechs Monate vergehen, bis er sie fragt, ob sie ihn nicht besuchen möchte. Marion weiß inzwischen, warum er einsitzt. Dass er einer Frau das Leben genommen hat. Und trotzdem: Sie ist neugierig. Mit einer Freundin fährt sie zu seiner JVA. Marion weiß noch genau, wie es war, als sie ihren Ritter das erste Mal sah: "Diese Grübchen, die strahlend blauen Augen. Es klingt verrückt, aber ich glaube, da habe ich mich sofort in ihn verliebt."

Auf der Autofahrt nach Hause spricht sie kein Wort. Sie denkt: Mensch, das ist ein Mann, so wie du ihn dir immer gewünscht hast, und der sitzt im Knast. Am nächsten Tag ruft sie eine Rechtsanwältin an. Johannes sitzt schon zwölf Jahre, nach 15, sagt die Anwältin, könne er vorzeitig entlassen werden. Marion engagiert die Anwältin. Drei Jahre, beschließt Marion, kann sie warten. Drei Jahre, in denen sie ihn besucht. Drei Jahre, in denen er ihr Postkarten bastelt. Mit Rosengirlanden bemalt. Auf die Rückseiten schreibt er inbrünstige Zeilen.

Maus, Du gibst mir Hoffnung jedes Jahr und scheust die dunklen Schatten nicht. Du bist immer für mich da, danke, ich liebe Dich, Dein Ritterchen.

Wenige Wochen bevor Johannes entlassen wird, erzählt sie ihrer Mutter von ihm. Sagt ihr, dass sie einen Mörder liebt, und auch, dass er bei ihr und den Kindern einziehen wird.

"Bist du irre?", fragt die Mutter. "Kind, wenn er dir nun etwas antut!"

"Ach, Mutti, das passiert nicht! Wie soll so ein liebevoller Mensch so etwas tun?"

Es werde alles gut werden, sagt sie noch. "Glaub mir, wir werden glücklich sein."

Die Frauen sehnen sich nach bedingungsloser Liebe

Das Leben mit Johannes gibt ihr recht. Denn dort, wo die meisten Knastbeziehungen enden, in der Realität, fängt ihre erst richtig an. Wenn Marion von den Jahren mit Johannes erzählt, klingt es wie ein Märchen. Marion erzählt, dass Johannes jeden Tag für sie kochte, wenn sie von der Arbeit kam. Soljanka, Braten, manchmal Gulasch.

Marion erzählt, dass sie alle zwei Wochen zum Tanzen gingen. Ins Gartenlokal um die Ecke. Discofox. "Ihr seht aus, als wenn ihr ein Leben lang zusammen getanzt hättet", sagten die Leute.

Marion erzählt, wie er ihr jeden Wunsch erfüllte. Das Handy zum Aufklappen, eine Uhr, die sie im Schaufenster sah und die ihr so gut gefiel.

Marion erzählt, wie Johannes jeden Tag ins Krankenhaus fuhr, als ihre Tochter an Krebs erkrankte. Dass er für sie da war in der schweren Zeit, sie tröstete.

"Endlich war ich jemand", sagt sie. "Ich wurde auf Händen getragen. Sechs Jahre lang."

Am 5. April 2006 findet Marions Märchen ein jähes Ende. Johannes und sie sitzen beim Frühstück. Marion hat frei, die Tochter ist in der Berufsschule, als es an der Haustür klingelt. Zwei Beamte in Zivil, einen Haftbefehl in der Hand. Johannes werde verdächtigt, eine Prostituierte misshandelt zu haben, sagt einer der Beamten. Man habe seine DNA am Tatort gefunden. Marion sieht zu, wie ihr Ritter abgeführt wird. "Das kann nicht sein", denkt sie. "Das muss eine Verwechslung sein." Es ist keine. Ein Jahr später wird Johannes zu sechs Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt, mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Beinahe acht Jahre ist das jetzt her. Und noch immer ist Marion sich nicht sicher, ob Johannes wirklich schuldig ist, bis zum Schluss hat er es abgestritten. Ja, er sei bei der Prostituierten gewesen, aber er habe ihr nichts getan, schreibt er ihr. Wieder und wieder. Marion antwortet ihm nicht. Es spielt keine Rolle mehr. Ihr Ritter hat sie betrogen. Marion konnte mit einem Mörder leben, aber nicht mit einem Mann, der sie betrügt. Nur einmal fährt sie nach dem Urteil noch zu ihm, bringt ihm seine Sachen, sagt ihm, dass sie bald wiederkommen werde. Sie wird nie wieder zu ihm fahren.

Seit damals ist Marion allein geblieben. Sie will es so. "Ich habe vier Enkelkinder, einen Beruf, der mir Spaß macht, Freunde und eine alte Mutter, um die ich mich kümmern muss. Mein Leben ist ausgefüllt. Ich brauche keinen Mann", sagt sie.

Würde sie sich heute noch einmal auf eine Beziehung mit jemandem einlassen, der im Gefängnis sitzt? "Nie wieder. Ich würde es nie wieder tun." Warum? "Weil da keiner umsonst drinne ist", sagt sie. Dann schweigt sie. Marion ist müde. Fünf Stunden hat sie ihre und Johannes’ Geschichte erzählt. Es ist ihr nicht leichtgefallen. Noch immer tut es weh. Sie würde gerne vergessen. Aus dem Haus, in dem sie lebten, ist sie ausgezogen. Sie hat alles weggeworfen, was sie an ihn erinnert, die Briefe zerrissen. Nur eine kleine Holzkiste mit Karten und Fotos hat sie aufbewahrt. Ganz unten im Schrank, hinter den Tischdecken steht sie. Nur manchmal, ganz selten, holt sie die Kiste hervor. So wie heute. Marion betrachtet die Karte, die Johannes ihr gemalt hat, ein Foto zeigt sie beide beim Tanz. Marion seufzt. "Er war meine große Liebe", sagt sie. Und dann stellt sie sich selbst die immer gleiche Frage: "Habe ich sechs Jahre lang geträumt? Habe ich wirklich in einer Traumwelt gelebt?"

Im April 2010 wird eine Frau während eines Langzeitbesuches in der Liebeszelle des Remscheider Gefängnisses von ihrem Geliebten, einem verurteilten Mörder, getötet. Fünf Jahre waren die beiden ein Paar. Am Ende strangulierte er sie bis zur Bewusstlosigkeit, schlug sie blutig und trat sie. Dann verging er sich an ihrer Leiche. Es scheint, als vergäßen Frauen, die sich in einen Verbrecher verlieben, dass sie Hände halten, die jemanden erwürgt haben. Sie verdrängen, dass sie Münder küssen, die gelogen haben. Was geben ihnen diese Männer, das sie die Realität ignorieren lässt?

"Die Frauen sehnen sich nach bedingungsloser Liebe", sagt die Psychiaterin Adelheid Kastner. Als Gerichtspsychiaterin hat Kastner mehr als 2000 Menschen begutachtet. Oft hat sie nicht nur die Täter kennengelernt, sondern auch die Frauen, die sich in jene verliebten. "Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl und sehnen sich danach, etwas Besonderes zu sein. Ein Verbrecher ist etwas Besonderes, ob nun positiv oder negativ. Ich bin besonders, weil ich ihn liebe und er mich liebt. Deshalb konnte Marion Johannes das Fremdgehen nicht verzeihen. Der Betrug stellt ihre Einzigartigkeit infrage."

"Ich war mal jemand", hat Marion gesagt.

Der Wunsch nach Einzigartigkeit, nach einem Ritter, einem Retter, das ist eine Erklärung, warum Frauen sich in Verbrecher verlieben. Aber es gibt noch eine andere. Sie ist auch der Grund, warum wir so gerne Thriller lesen und kein Abend im deutschen Fernsehen ohne Krimi auskommt. Die Faszination des Bösen.

Astrid Wagner, Rechtsanwältin, zierlich, kastanienbraunes Haar, Rehaugen, verliebte sich in einen der bekanntesten Serienmörder Österreichs. Zwei Jahre war sie mit ihm zusammen. Jack Unterweger soll Anfang der neunziger Jahre in Österreich, Tschechien und den USA neun Prostituierte ermordet haben. Warum verliebte sie sich in einen Frauenmörder?

Wagner sitzt in der Küche ihrer Kanzlei in Wien, 1. Bezirk, beste Gegend, und holt weit aus. Sie erzählt von ihrer Zeit vor Jack, als sie in Graz Jura studierte. Astrid Wagner, ein "Bürgerstochterl" aus gutem Hause. Der Vater Direktor eines Thermalbades, die Mutter Hausfrau. Astrid langweilt sich. Ihr Leben, vorausgeplant. Von Jack Unterweger hört sie zum ersten Mal, als sie gerade frisch an der Universität ist und er schon Jahre im Gefängnis. 1974 hatte Unterweger eine Frau getötet, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. In der JVA beginnt er zu schreiben. Sein autobiografischer Roman Fegefeuer wird ein Bestseller. Wagner liest ihn. Schon damals sei sie fasziniert gewesen von jenem Mann, der so ganz anders aufwuchs als sie. Die schwierige Kindheit, die Vergangenheit im Rotlichtmilieu – und trotzdem ein intelligenter Mann. Im Mai 1990 wird Unterweger vorzeitig aus der Haft entlassen. Inzwischen ist er ein Liebling der Wiener Schickeria, ein gefeierter Knastpoet. Dann beginnen die Prostituiertenmorde. Irgendwann fällt der Verdacht auf ihn, 1992, nach einer Flucht in die USA, wird Unterweger verhaftet. Da ist Wagner 28 Jahre alt und hat gerade ihr Jurastudium beendet. In Graz sitzt er in U-Haft, zwei Häuser neben ihrer Wohnung. Ein Zeichen?

Als Unterweger kurz nach seiner Verhaftung einen Suizidversuch begeht, ist sie zutiefst betroffen. Sie, die linke Intellektuelle, glaubt an eine Vorverurteilung, an eine mediale Hetzjagd des Boulevards. Und: an seine Unschuld. Wagner schreibt ihm. "Halten Sie durch!" Zwei Wochen später bekommt sie eine Antwort, einen Tag darauf besucht sie ihn. Gerade einmal 15 Minuten dauert ihr erstes Treffen, in den folgenden zwei Jahren wird sie ihn dreimal die Woche besuchen. Sie wird ihn nie berühren, ihm noch nicht einmal die Hand schütteln. Zwischen ihnen ist Sicherheitsglas. Mehr als Blicke wird es nie geben.

Wagner weiß heute noch, 20 Jahre später, dass sie damals bei ihrer ersten Begegnung ihr silbernes Armkettchen mit einem Stier daran trug. Ihr Sternzeichen. Sie hat es sich nicht gemerkt, weil ihr das Armband so viel bedeutet hätte, sondern weil er es bemerkte. "Stierfrauen sind ja auch sehr rechthaberisch", sagte Unterweger mit einem Lächeln. Wagner lächelte zurück. Als sie geht, gibt er ihr Aufträge mit auf den Weg. Den Anwalt solle sie anrufen, Menschen, die ihn vor Gericht entlasten könnten. Die Sozialromantikerin Wagner macht alles. Für ihn. Und genießt es heimlich. Wagner wollte keinen Prinzen. "Ich hatte eine Mission. Ich wollte ihm helfen." Es gibt Frauen, die sich in einen Verbrecher verlieben, weil sie gerettet werden wollen. Andere möchten selbst zur Retterin werden.

Es ist keine Frage des Milieus, ob eine Frau sich in einen Verbrecher verliebt

Aber die Geschichte von Astrid Wagner und Jack Unterweger zeigt noch etwas: Es ist keine Frage des Milieus, ob eine Frau sich in einen Verbrecher verliebt. Wagner weiß nicht mehr genau, wann ihr zum ersten Mal bewusst wurde, dass sie mehr für Unterweger fühlte. Aber sie weiß noch, dass ihr seine Hände gefielen. So grazil fand sie sie. Daran, dass er damit mindestens eine Frau umgebracht hatte, dachte sie nicht. "Ich habe den ersten Mord völlig verdrängt", sagt sie heute. "Ich habe ihn entschuldigt, Jack als Opfer seiner Kindheit gesehen." Über die Prostituiertenmorde, die ihm zur Last gelegt werden, redeten sie allerdings. Sie wollte wissen, ob er es war, baute ihm eine Brücke: "Jack, wenn du es doch warst – ich halte zu dir." Er stritt alles ab. Dazu die anfangs dürftige Beweislage der Staatsanwaltschaft. Das genügte ihr. Sie begannen eine Beziehung. Unausgesprochen. Sie sagten nicht, jetzt sind wir zusammen, dennoch trennte Wagner sich von ihrem langjährigen Freund. "Es war neben Jack einfach kein Platz für einen anderen Mann." Sie besuchte Jacks Mutter, sie brachte ihre eigene Mutter zu Besuchen ins Gefängnis mit.

Wagner ist nicht die Einzige, die Unterweger verfiel. Es gab viele Frauen, die ihm schrieben. Ihn anhimmelten. Naive Mädchen wie die damals 18-jährige Bianca, mit der Jack vor seiner zweiten Haft liiert war und die den Medienrummel für sich nutzte. Dazu eine Klosterschwester, eine Schauspielerin. Was unterschied sie von denen? Wagners Antwort kommt schnell. Zu schnell. "Ich war die Wichtigste", sagt sie. Und dann erzählt sie, wie Jack einmal zu ihr sagte, dass er gerne zwei Kinder hätte, aber den Kinderwagen würde er nicht schieben.

Zwei Jahre dauerte der Prozess gegen Unterweger. Gegen Ende wurde Wagner klar, dass es nicht gut ausgehen konnte. Sie weiß noch, wie sie kurz vor dem Urteilsspruch im Schwimmbad saß. Wie sie all die Paare beobachtete. Wenn er nun verurteilt wird, wirst du für immer allein sein, dachte sie. Es machte sie traurig. Trennen wollte sie sich nicht.

Butzl, in wenigen Minuten holen sie mich, Prozess, ich melde mich am Nachmittag. Lieb hab ich Dich! Obwohl ich’s in meiner Lage nie hätte zulassen dürfen (...). Und wenn etwas mit mir passiert, dann denke an schöne, wertvolle, mich glücklich machende zwei Jahre, wirf alles weg von mir, oder behalte es, wie auch immer, aber denk ans Schöne, dann bin ich stolz und glücklich, so einen Menschen gefunden zu haben. Wie Du sagst, alles ist Bestimmung, vielleicht beobachte ich Dich, vielleicht spüre ich Dich (...).

Das schreibt Jack ihr wenige Tage vor seinem Urteilsspruch. Am 29. Juni 1994 wird er von einem Geschworenengericht wegen neunfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. In der Nacht darauf nimmt er sich das Leben. Erhängt sich in seiner Zelle. Mit einer Kordel aus einer Trainingshose. Die Hose war ein Geschenk von Wagner.

"Es war doch ein schönes Ende", sagt Wagner. "Jack hat mich freigegeben." Heute ist Wagner eine erfolgreiche Strafverteidigerin, sie hat einen Lebensgefährten und drei Katzen.

Aber hat sie recht? Hat er sie wirklich freigegeben? Noch Jahre nach Unterwegers Tod kämpft Wagner für seine Resozialisierung, schreibt ein Buch über ihn. Jahrelang träumt sie noch von Jack. Davon, dass er lebe und sie ihn all die Zeit nicht besucht habe. Dann wacht sie auf. Ein wenig sehnsüchtig. Und voller Schuldgefühle.

Hey, Liebes, morgen ist es nun endlich so weit. Ich freue mich schon sehr und bin neugierig, wie Du die Wohnung eingerichtet hast.

Morgen, endlich. Achim wird ihre Wohnung sehen. Ob sie ihm gefällt? Hoffentlich, hoffentlich gefällt sie ihm. Zweimal hat Christel Staub gesaugt, die Gläser im Schrank poliert, die Decke auf dem Wohnzimmertisch drapiert. Sie hat einen Käsekuchen gebacken, für Achim und die zwei Justizbeamten, die ihn begleiten werden. Aber weil ihre Tochter schon ein Stück gegessen hat, "wie sieht das denn aus?", will sie heute Abend noch einen zweiten backen. Deshalb setzt sie sich jetzt nach der Arbeit noch ins Auto. Schnell zu Lidl. Dann hektisch zurück. In ihrer kleinen Küche steht Christel, rührt Eier, Milch, Mehl und Butter zusammen. Sie ist aufgeregt. Sie freut sich so. Den ganzen Tag wird sie mit Achim zusammen sein. So lange wie noch nie. Von acht bis elf Uhr wird sie in der JVA bei ihm sein. In der Liebeszelle. Danach, um zwölf, wird Achim mit den Beamten zu ihr kommen.

Um neun ist der Kuchen im Ofen. Erschöpft lässt Christel sich auf ihr Sofa sinken. Zum ersten Mal an diesem Tag kommt sie dazu, sich hinzusetzen. Ruhe findet sie nicht. Ihre Gedanken kreisen hin und her. Hin und her. Eine halbe Stunde, dann hält sie es nicht mehr aus. Sie trinkt ein Glas. Nur für die Nerven, sagt sie sich. Dann trinkt sie noch eins.

Am nächsten Tag, die Sonne steht schon hoch am Himmel, Mittagszeit. In der Wohnung unterm Dach sitzt Christel auf ihrem Sofa, vor sich die zwei Kuchen. Wie ein Häufchen Elend, die Schultern nach vorne gebeugt, in sich zusammengesunken sitzt sie da. Klein sieht sie aus, wie sie so auf der Eckcouch kauert und heult. Früh um acht war Christel zum Gefängnis gegangen, geschlafen hatte sie die ganze Nacht nicht. Die Beamten ließen sie pusten. Ein System wie die Justizvollzugsanstalt duldet keine angetrunkenen Besucher. Besuch und Ausgang abgesagt.

Seit Monaten hat sie sich auf diesen Tag gefreut, gemeinsam haben sie darauf hingefiebert. Jetzt ist alles vorbei. "Scheiße!", schreit Christel. "Ich habe alles kaputt gemacht!" Sie schlägt mit geballten Fäusten auf das Sofa ein. Es hilft nichts. Die Wut auf sich selbst wird nicht kleiner. Die Verzweiflung auch nicht.

Alles, alles hat sie Achim in ihren Briefen geschrieben. Was sie denkt, was sie fühlt, auch Intimes, Schlüpfriges, das sie vorher nie einem Mann gesagt hat. Nur diese eine Sache hat sie verschwiegen: Christel hat früher mal zu viel getrunken. Heute, sagt sie, trinke sie kaum noch, nur dann, wenn ihr alles zu viel wird, der Druck zu groß. So wie gestern.

Seine Briefe, die sie wieder und wieder las, waren ihre Droge, die Liebe zu ihm war ein Rausch. "Warum habe ich das getan?", schreit sie, heiser vom vielen Weinen. "Warum?", fragt sie leise. Sie kennt die Antwort. Weil sie Angst hatte. Vor der Realität. Vor dem Gedanken, es könnte alles nur eine Illusion sein.

Und jetzt? Ist alles vorbei? Die Beziehung? "Nein", sagt sie. "Achim wird sich nicht von mir trennen. Er muss ja an seine Zweidrittelentlassung denken." Sie sah noch nie so klar.

"Achim", flüstert sie. "Achim."

Erschöpft schläft Christel ein. Wie ein kleines Mädchen liegt sie da. Die Knie an die Brust, die blonden Haare im Gesicht. Sie lächelt im Schlaf. Christel träumt.

Anmerkung der Redaktion, 8. Februar 2014:
Einige Leser haben sich darüber gewundert, dass die Geschichte eines der hier geschilderten Paare einem Fall ähnelt, den die Autorin Elisabeth Pfister in ihrem bei Ch. Links erschienenen Buch "Wenn Frauen Verbrecher lieben" beschreibt. Wie sich herausgestellt hat, haben beide Autorinnen offenbar über denselben Mann recherchiert, aber über zwei verschiedene Frauen mit recht ähnlichen Biografien. Der Mann hat beiden Frauen zum Teil wortgleiche Briefe geschrieben, die die Autorinnen jeweils wiedergeben. Er hat aber nur zu der Frau, die in unserem Text beschrieben wird, auch eine Beziehung aufgenommen.