Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Seit ich Bücher schreibe, werde ich hin und wieder interviewt. Es gibt so viele Interviews inzwischen, ich glaube, 30 Prozent der Deutschen sind schon mal interviewt worden. Falls Sie zufällig nicht zu diesen 30 Prozent gehören, ist das kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Ich bin okay, du bist okay. Eine Frau von einer großen Rundfunkanstalt wollte also ein Interview, ich nenne sie Biggi, weil ich zufällig keine einzige Biggi kenne. Die Rundfunkanstalt gehört übrigens nicht zu denen, welche diese Kolumne senden. Sonst würde ich das natürlich nicht schreiben, aus Sorge um meinen Job. So bin ich nun mal. Menschen sind nicht perfekt.

Biggi schickte diverse E-Mails. Sie schrieb, dass nicht sie das Interview führen werde, sondern Micha, der Moderator der Gute-Laune-Show So heiß rockt nur der Westerwald. Den Titel und den Namen habe ich natürlich auch geändert. Biggi sollte das Interview, das, glaube ich, epische vier Minuten dauern sollte, für den Micha vorbereiten. Es war kurz vor Weihnachten. Biggi schrieb: "Wir sollten uns nur noch mal über den Inhalt verständigen. Mein Vorschlag: Reden wir über Weihnachten, mit der Ihnen eigenen Ironie." Da hatte sich Biggi echt Gedanken gemacht und war auf eine richtig originelle Idee mit mächtig viel Tiefgang gekommen. Außerdem stand da: "Schicken Sie mir einfach vorher ein paar Stichworte." Ich habe nicht kapiert, wie sie das meint. "Weihnachten", "reden" und "Ironie", das sind doch schon ein paar Stichworte.

Etwa eine Woche vor dem großen Tag des Interviews kam eine weitere Mail, mit folgendem Inhalt: "Hallo, Herr M., der Moderator Micha meinte, ob es nicht besser wäre, dass Sie sich doch schon etwas ausdenken und uns als mehr oder minder fürs Gespräch formulierte Gedanken schicken mit den passenden Fragen? Sonnige Grüße, Biggi".

Da habe ich den Micha ein bisschen beneidet. Wenn du bei deinen Interviews vorher von den Gesprächspartnern die Fragen und die Antworten komplett ins Haus geliefert bekommst und dann dafür auch noch als Moderator bezahlt wirst, dann hast du es geschafft, ich glaube, nicht mal Thomas Gottschalk hatte diesen Status. Ich habe aber zurückgeschrieben, dass ich es nicht mache, weil mich das mit den vorformulierten Fragen und Antworten zu sehr an die Interviews von Erich Honecker erinnert. Biggi war ein bisschen verschnupft. Sie schrieb: "Ich glaub nicht, dass Sie das mit Honni vergleichen wollen. Dann schauen wir ohne Vorabsprache, was hinten rauskommt. Werde es so an den Micha weitergeben." Micha hat dann am vereinbarten Termin einfach nicht angerufen, das war sicher eine richtige Entscheidung.

Bei den Printmedien ist es so, dass man vor der Veröffentlichung von Interviews den Text meistens zum Autorisieren zugeschickt bekommt. Meistens ist alles okay, aber manchmal ist die Orthografie in einem ähnlichen Zustand wie die Ökonomie von Griechenland, und ich soll der Rettungsschirm sein. Ich mache auch Fehler, aber nicht in jedem zweiten Wort. Es gibt Leute, die keinen einzigen geraden Satz schreiben können und vom Schreiben leben, echt. Wenn die mit ähnlicher Kompetenz in der Leberwurstbranche tätig wären, gäbe es jede Woche unter den Wurstessern ein Massensterben. Vor einiger Zeit sollte ich mal für eine verlegernahe Publikation ein Essay über die Zukunft der Medien verfassen, da habe ich geschrieben: "Es ist nicht um jede Zeitung schade." Wenn ein Produkt vom Markt verschwindet, weil es schlecht ist, dann kann ich dies als Kunde mit der mir eigenen Ironie nur begrüßen, und mein Mitleid hält sich in Grenzen. Das wollten sie nicht drucken.

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