Vor einiger Zeit war ich Gast in einer einstündigen Radiosendung beim Bayerischen Rundfunk. Einem überaus sympathischen und klugen Moderator war es gelungen, mir etwas über meine Arbeit als Forscher und Hochschullehrer zu entlocken und dabei auch etwas über die Person dahinter sichtbar zu machen. Ich habe so etwas nicht das erste Mal gemacht – und immer wieder ist eine Frage Thema, an der Gesprächspartner offensichtlich nicht vorbeikommen. Ganz ohne Zweifel ist mein Nachname dazu angetan, Nachfragen zu stellen. Und dagegen ist auch nichts zu sagen. Dass sich Gesprächspartner freilich nicht damit zufriedengeben können, dass jener Informationswert, den mein Nachname nahelegt, weniger hergibt als vorherige Erwartungen, ist für mich immer wieder eine merkwürdige Erfahrung. Ich gestehe, dass ich bisweilen ausweichend reagiere, dass ich wenig darüber reden will, dass mein Vater 1954 nach Deutschland kam und dass sein sichtbarstes Erbe ein Name ist, dessen Herkunft ganz offensichtlich nicht westfälischen, bayerischen, niedersächsischen oder schwäbischen Ursprungs ist. Alles andere ist Ergebnis jener Weltkomplexität, die so, aber auch anders hätte ausgehen können.

Wir wissen aus der Informationstheorie, dass Abweichung und Differenz Aufmerksamkeit erzeugen und eher registriert werden als die Erfüllung von Erwartungen. Aber wenn Erwartungen dann nicht erfüllt werden, scheint das auch eine Information zu sein. Viele meiner Gesprächspartner können es kaum fassen, dass die Semantik meines Namens wenig mit meiner Lebensweise zu tun hat. Sie gehen ganz offensichtlich davon aus, dass es so etwas wie eine metaphysische Kontinuität zwischen dem Konstrukt "Herkunft" und der Gegenwart geben muss – anders ist das Insistieren nicht zu erklären und der Unglaube und die Enttäuschung darüber, dass dieses zugeschriebene Merkmal nicht dazu taugt, auch den Rest der Person zu erklären.

Die moderne Welt verspricht uns, dass nur die Gegenwarten zählen

Es geht hier übrigens nicht um mich – ich nehme nur diesen meinen Fall, um zu illustrieren, welch merkwürdige Paradoxie der Sichtbarkeit sich einstellt, wenn man zu genau (oder: nicht genau genug) hinguckt. Ich hätte auch damit beginnen können, wie etwa der einstige Vizekanzler Philipp Rösler traktiert wurde, bevor er 2012 einen Staatsbesuch in Vietnam antrat – auch hier schlug jene merkwürdige Paradoxie der Sichtbarkeit zu. Sichtbar bei Rösler ist nicht sein Nachname. Sichtbar ist er selbst, physiognomisch, und es gelingt offensichtlich nicht, daran vorbeizusehen. Die Paradoxie besteht darin, dass das Vorbeisehen auch ein Sehen ist – und ein explizites Vorbeisehen dann ein noch expliziteres Sehen darstellt. Man müsste genauer schauen, um etwas nicht zu sehen – und das produziert offensichtlich so viel Aufmerksamkeit, dass man das dann gleich für eine Information hält, aus der sich Schlüsse ziehen lassen. Auch anderen wird zugerechnet. Schwarzen, Nachnamen mit vielen ü, Juden – über alle weiß man mehr, als man wissen kann, weil man weiß, dass sie exakt dies sind: Schwarze und so weiter. Ob man sie dann positiv oder negativ diskriminiert, macht unter Aspekten der Logik keinen Unterschied. Wie kommt es zu solchen Sichtbarkeiten, die doch viel weniger preisgeben, als es scheint?

Es scheint ein Bedürfnis zu geben, Kontinuität in die Welt zu bringen – vor allem dort, wo man keine vorfindet. Nach der Herkunft zu fragen ist eigentlich eine altmodische, eine vormoderne Attitüde. Die Alte Welt, insbesondere das alte Europa, ist eine Welt, die Herkünfte und Zukünfte miteinander versöhnt hatte. Wo jemand herkam – aus welchem Land, aus welchem Stand, aus welcher Familie, aus welcher Konfession –, war letztlich die Bürgschaft, die die Gesellschaft dem Einzelnen sowohl einlösen konnte als auch von ihm abverlangen durfte. Das alte Europa ist das Europa der Ethnien und der Konfessionen, der Regionen und der Völker, der Institutionen und Zugehörigkeiten, der Traditionen und der unveräußerlichen Statusrechte und -pflichten. Es ist das Europa, das Geschichten über sich selbst erzählt und jedem ein Kleid umhängt, ohne das er nackt und unbehaust wäre. Die neue, die moderne Welt dagegen ist eine Welt, die uns verspricht, dass es allein die Gegenwarten sind, auf die es ankommt, auf Entscheidungen, die auch anders aussehen könnten – das ist jener Unterschied zwischen dem korporatistischen Verständnis der Alten Welt im Vergleich zur liberalen transatlantischen Welt, die sich bis heute nicht versöhnen konnten und sich für ähnlicher halten, als sie es sind und sein können. Und doch ist dieses alte, korporatistische Europa vorbei. Es kann im Spiegel seiner transatlantischen Enkel seine eigene Gegenwart erkennen.