"Für Jugendliche ist es komisch,wenn ein Junge auf einen Jungen steht. Manche ekeln sich davor. ›Schwuchtel‹ oder ›Lesbe‹ wird öfter mal als Schimpfwort verwendet. ›Du bist schwul‹ habe ich auch schon zu hören bekommen. Keine Ahnung, wieso. Ich stehe auf Mädchen. Ich mache keine dummen Späße bei anderen, ich will niemanden beleidigen. Und mir ist eigentlich ganz egal, ob jemand Mädchen oder Jungen liebt. Es wäre nur gut, mehr darüber zu lernen, wie lesbische und schwule Beziehungen sind und warum sich Homosexuelle manchmal anders verhalten. Es gibt ja Männer, die sich schminken, und Frauen, die sich kleiden wie Männer. So richtig Thema war das bei uns im Unterricht bisher nicht. Es ist schwer, in der Schule anders zu sein als die anderen."

"Vor Kurzem haben wir in GRW (Gemeinschaftskunde, Rechtserziehung, Wirtschaft) über Familienmodelle geredet – auch über Patchworkfamilien und solche mit zwei Müttern oder zwei Vätern. Die meisten Schüler haben keine schwulen oder lesbischen Freunde, sie bekommen nicht mit, wie deren Miteinander ist. Das Ganze wurde daher eher belächelt. Schade! Ich selbst bin erst aufmerksamer bei dem Thema geworden, seitdem ich im Landesschülerrat Sachsen bin, in dem es auch homosexuelle Mitglieder gibt. Ich finde es cool, einen Freund zu haben, mit dem ich über Jungs reden und dem ich Fragen stellen kann: Wie ist das, wenn du mit deinem Freund unterwegs bist? Wirst du komisch angeguckt? Es gibt noch so viele Vorurteile, etwa dass Schwule öfter Krankheiten haben. Das zeigt ja, dass man noch mehr darüber sprechen muss."

"Es ist verrückt, wie groß die Diskussion um den Bildungsplan hier in Baden-Württemberg geworden ist. Dabei ging es doch erst mal nur um ein Arbeitspapier. Ziel des Entwurfs ist, dass alle Lebensformen im Unterricht vorkommen. Betroffenen soll signalisiert werden: Es ist okay, wie ihr seid. Wir vom Landesschülerbeirat haben das begrüßt. Deswegen kriege ich jetzt E-Mails, in denen Sachen stehen wie: Wollen Sie, dass eine Elfjährige einen Dildo in die Hand bekommt und über Sado-Maso aufgeklärt wird? Das geht völlig am Thema vorbei. Von Schülern kommen solche Mails übrigens nicht! Was in der Aufregung vergessen wird, ist: Bisher kommen sexuelle Identitäten und Homosexualität kaum vor im Unterricht. Alles ist komplett heterosexuell geprägt. Unsere Gesellschaft sieht aber anders aus, und darüber kann man nicht hinwegschweigen."

"Ich weiß, dass manchmal Mann und Mann oder Frau und Frau zusammen sind. In der Schule haben wir aber noch nicht darüber gesprochen. Das kommt erst in der vierten Klasse in Sexualkunde. Manchmal rede ich im Auto mit Mama darüber, wenn es um Martin geht, meinen Onkel. Der kommt uns immer mit Bill besuchen. Meine Schwester und ich waren schon mal mit denen auf der Alster paddeln, und wir turnen gern mit denen, weil die so stark sind. Martin und Bill kennen sich schon lange und haben denselben Nachnamen. Das ist bei denen so ein Mittelding zwischen Zusammenleben und Verheiratetsein."

"Soll man sich in der Schule outen? Wenn mich das heute jemand fragen würde, würde ich sagen: Achte genau darauf, wie deine Mitschüler reagieren, wenn das Thema Homosexualität mal aufkommt. Ein Coming-out in der Schule kann zum Spießrutenlauf werden. Wenn ich an die Geschichten von Freunden denke, hatte ich aber noch Glück. Mit 14 habe ich meiner Familie und Freunden erzählt, dass ich schwul bin. An der Schule hat sich das schnell rumgesprochen, sonst war da keiner geoutet. Das war schon eine kleine Sensation. Ein paar ältere Mädchen haben mir dann in der Pause ›Schwuchtel‹ hinterhergerufen. Auch im Unterricht gab es manchmal Sprüche. Wenn ich einen Text vorlesen musste, in dem ein Wort wie ›homogen‹ vorkam, hieß es schon mal schnell ›Du Homo‹. Das hat mich zwar belastet, aber richtig gemobbt wurde ich nie. Ich denke, dass ich wenig Angriffsfläche geboten habe, weil ich offen und locker mit dem Thema umgegangen bin.

Meine Klassenlehrerin hat nach meinem Coming-out das Thema Homosexualität in zwei Religionskursen besprochen. Das fand ich sehr gut! Denn oft kennen Jugendliche nur das überzogene Bild aus den Medien. Schwulsein kommt da oft rüber wie ein schicker Lebensentwurf. Dabei kann ja niemand beschließen, schwul zu werden. Davor wurde Homosexualität nur mal kurz in Biologie erwähnt.

Besser wäre es, wenn Schüler ein paarmal im Jahr über das Thema stolpern würden, damit sie vertrauter damit werden, wie normal das ist. Im Moment ist es noch nötig, Homosexualität als Extrathema zu behandeln, weil die Gesellschaft noch nicht so weit ist. Aber das Ziel wäre für mich, dass man überhaupt nicht mehr darüber reden muss. Dass man sich nicht outen muss und dass in Lehrbüchern zum Beispiel einfach mal eine Regenbogenfamilie vorkommt. Meine Schule wird sich jetzt an dem Antidiskriminierungsprojekt ›Schule der Vielfalt‹ beteiligen. Das ist für alle in der Schule gut, nicht nur für die, die vielleicht lesbisch oder schwul sind.

In meiner eigenen Jahrgangsstufe ist mein Schwulsein nicht mehr so interessant. Kann sein, dass hinter meinem Rücken geredet wird, aber das ist mir egal. Wer mich mag, mag mich, ob ich nun schwul oder hetero bin."

Jan Weyer, 18, ist in der 13. Klasse der Integrierten Gesamtschule Paffrath in Bergisch Gladbach

"Ich halte nicht gern meinen Mund, wenn ich etwas ungerecht finde. Deswegen bin ich in der Projektgruppe gegen Homophobie. Meistens sagen wir ›Pro Homo‹ zu unserer AG, das klingt nicht so umständlich. Was wir da tun? Wir machen mit Aktionen die Schüler auf uns aufmerksam, indem wir zum Beispiel bunte Luftballons verteilen. Alle sollen wissen, dass es unsere Gruppe gibt und dass wir uns für die Akzeptanz von verschiedenen Lebensweisen einsetzen. Und wir gehen in die unteren Klassen und sprechen mit ihnen über Liebe, Beziehungen, Homosexualität, Sex, ihre bisherigen Erfahrungen. Ich muss mich jedes Mal überwinden, um mich vor eine Klasse zu stellen und über solche Themen zu reden. Fast immer ist da einer, der was gegen Homosexuelle hat. Oder jemand denkt, ich sei lesbisch, nur weil ich in der AG bin. Aber ich mach das trotzdem, damit der Umgang mit diesen Themen entspannter wird.

Wir befragen auch Lehrer anonym dazu, ob und wie in ihrem Unterricht andere Lebensweisen vorkommen. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Mal kommt gar keine Antwort, mal schreibt jemand einfach nur ›Ja‹. Aber manchmal gibt es auch Lehrer, die plötzlich in einer Mathe-Textaufgabe ganz nebenbei mal sagen: ›Paul und sein Freund Lukas ...‹ statt: ›Paul und seine Freundin Lisa ...‹.

Bei unseren Aktionen werden wir von dem Projekt ›Schule der Vielfalt – Schule ohne Homophobie‹ unterstützt. Inzwischen haben wir sogar offiziell das Projektschild ›Come in – wir sind offen‹ angebracht. Hoffentlich trauen sich irgendwann Schwule und Lesben, sich in der Schule zu outen."