DIE ZEIT: Herr Katzer, vor wenigen Tagen wurde Ihrer Schule der Jakob-Muth-Preis für "vorbildlichen inklusiven Unterricht" verliehen. Seit mehr als 20 Jahren unterrichten Sie Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam. Können andere Schulen von Ihnen lernen?

Pit Katzer: Wir haben eine lange Tradition als integrative Schule, von daher sind wir eher die Ausnahme. Auch weil wir unter deutlich besseren Bedingungen arbeiten als die meisten Schulen heute, wenn sie inklusiv unterrichten wollen.

ZEIT: Moment, was ist der Unterschied zwischen Integration und Inklusion?

Katzer: Integration geht von einer Zwei-Gruppen-Theorie aus. Auf der einen Seite die Schüler ohne Handicap, auf der anderen die förderbedürftigen und behinderten, die in die erste Gruppe integriert werden sollen. Bei der Inklusion dagegen geht man von einer sehr hohen Heterogenität aller Schüler aus, vom Hochbegabten bis zum Schüler mit einer geistigen Behinderung. Kern der Inklusion ist der gemeinsame Unterricht, in dem jedes Kind entsprechend seinen Möglichkeiten unterrichtet wird. Das heißt auch: Das Lernziel ist nicht für jedes Kind gleich.

ZEIT: Die Inklusion wurde in vielen Bundesländern völlig überstürzt eingeführt. Ohne Vorbereitung gab man den Eltern von Kindern mit Behinderung das Recht zu wählen, ob ihr Kind eine Sonderschule oder eine allgemeinbildende Schule besuchen soll. Das Ergebnis waren überforderte Lehrer, unzufriedene Eltern und frustrierte Kinder. Was haben Sie besser gemacht?

Katzer: Wir haben ein völlig neues Lernkonzept entwickelt, das der Unterschiedlichkeit der Schüler besser gerecht wird. Wir bieten einen individualisierten, handlungsorientierten, lebensweltlichen Unterricht an, fächerübergreifend und projektorientiert. Unser Anspruch war schon immer, die Kinder so viel wie möglich gemeinsam zu unterrichten und so wenig wie nötig zu trennen. Ich erinnere mich noch, dass in unserer Pilotklasse damals 50 Prozent der Schüler eine Empfehlung für ein Gymnasium mitgebracht hatten. Diese Schüler haben die gesamte Klasse gut getragen. Das war sehr hilfreich.

ZEIT: Wie ist es heute?

Katzer: Inzwischen haben in den Stadtteilschulen durchschnittlich nur noch zehn Prozent der Schüler eine Gymnasialempfehlung. Wenn noch mehr Eltern in Richtung Gymnasium abwandern und die Inklusion weiterhin so schlecht ausgestattet bleibt, sehe ich die Gefahr einer Negativspirale. Dann könnte die Stadtteilschule, die in Hamburg aus Haupt- und Realschule entstanden ist, die neue Resteschule werden.

ZEIT: Die Ursache dafür sehen Sie vor allem in den Schülern mit erhöhtem Förderbedarf?

Katzer: Die Gymnasien in Hamburg nehmen inzwischen weit mehr als 50 Prozent der Schüler aus den Grundschulen auf, die Inklusion aber wird allein von den Stadtteilschulen geleistet. Dabei wächst vor allem der Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen und Sprache sowie soziale und emotionale Entwicklung, kurz LSE. 2009 waren nur sieben Prozent dieser Kinder auf allgemeinbildenden Schulen in Hamburg. 2012 waren es schon 73 Prozent. Natürlich verändert sich damit die Zusammensetzung der Schülerschaft an den Stadtteilschulen.

ZEIT: Schreckt der hohe Anteil an Inklusionsschülern die Eltern ab?

Katzer: Bei Eltern ist längst angekommen, dass die Inklusion unzureichend personell ausgestattet ist und es in sehr vielen Schulen fast unmöglich ist, auf die große Heterogenität in den Klassen adäquat zu reagieren. Wenn Eltern ihre Kinder bei uns anmelden, fragen sie zuerst, ob in jeder Unterrichtsstunde zwei Lehrer vor der Klasse stehen. Momentan können wir ihnen das noch zusichern. Wir schaffen das aber nur, weil wir Ressourcen aus den Integrationsklassen entsprechend umschichten können. Unter normalen Umständen, wenn wir also nicht mehr von der besseren Ausstattung dieser Klassen profitieren würden, wäre eine Doppelbesetzung in den jetzigen fünften und sechsten Klassen gar nicht mehr möglich.

ZEIT: Verstehen wir das richtig: Nun, da die Inklusion offizielles politisches Ziel ist, ist die Ausstattung Ihrer Schule schlechter als zuvor?

Katzer: So ist es. Zusätzlich ist kaum Geld in die Inklusion geflossen, weil fast alles durch Kürzung der bewährten Integrationsmodelle und durch Umschichtung aus den Sonderschulen finanziert wurde. Als die Bürgerschaft das Recht auf schulische Inklusion im März 2009 in der Hamburger Bürgerschaft beschlossen hat, drehte sich gerade alles um die Einführung der sechsjährigen Primarschule, die dann durch einen Volksentscheid gekippt wurde. Bis heute fehlt aber eine Debatte darüber, wie man die Inklusion auf ein gutes Fundament stellen will.