Normalerweise läuft die Sache so: Der Journalist ist pünktlich, und der Star lässt auf sich warten. Meist war die Anreise lang, die Rückreise wird es wieder sein – eine fly-in fly-out- Situation, wie wir Profis sagen, die es in der Regel mit sich bringt, dass man bereits ein bisschen rammdösig im Kopf ist, bevor der Grund für den ganzen Aufwand einem endlich zugeführt wird und hinterher die Frage sich meldet, ob man den Zeitrahmen dieses unangenehm prostitutiv eingefärbten Aktes auch gebührend ausgeschöpft hat. So wollen es die Gesetze eines Gewerbes, in dem Verknappung den Marktwert bemisst und Interviews deshalb Audienzen gleichen. Bei Judith Holofernes ist das alles anders.

"Judith will es im Falschen Café machen, da ist sie sowieso oft", hatte die Promoterin gesagt. Tatsächlich, beim Betreten des praktischerweise in Kreuzberger Fußläufigkeit gelegenen Lokals sitzt sie nicht nur schon da, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, den Tag mit einem Pressevertreter zu beginnen, sie erweist sich auch aus dem Stand als Person von verbindlichster, wenn nicht unprofessionell zu nennender Freundlichkeit. Der Effekt ist verblüffend: Bei Apfelsaftschorle und einem guten Glas Sojamilchtee lässt man sein Konzept alsbald sinken, um sich ganz dem Flow eines Gesprächs hinzugeben, das neben musikalischen Dingen Fragen der richtigen Lebensführung streift und die Erörterung von Positionen des Zenbuddhismus miteinschließt. Wie ein Interview fühlt sich ein Interview mit Judith Holofernes nicht an, es hat mehr was von einem Plausch unter Bekannten.

Ihre Pause vom "Brimboriumsapparat" (O-Ton Holofernes) geht ja auch gerade erst zu Ende: Drei Jahre war die Frontfrau der Band Wir sind Helden raus aus dem Geschäft. Während der Betrieb im Falschen Café, einem jener Neuberliner Etablissements, die den Eindruck erwecken, weniger gastronomischer Betrieb als zweites Wohnzimmer zu sein, seinen Gang geht, bringt die Frau, die alle nur Judith nennen, einen mal eben auf den neuesten Stand. Nach dem vorläufigen Ende der Helden hat sie ein Blog betrieben, ein zweites Kind bekommen, sie hat hier und da auf Platten von Freunden mitgesungen, vor allem aber hat sie sich den Luxus eines Privatlebens gegönnt. Aus Judith Holofernes wurde wieder Judith Holfelder, eine Frau aus der Nachbarschaft, die den Umstand genoss, dass Berlin seine Prominenz mehr duldet als feiert. So hätte es weitergehen können, zwischen Kita, Eisdiele und Nachmittagen an der frischen Luft. Im Stillen aber kamen doch wieder ein paar Lieder zusammen, und irgendwann wollte das Ergebnis hinaus in die Welt.

"Müde" – keiner singt das unscheinbare Wort so sorgenvoll sedierend

Es ist ein angenehm selbst gebasteltes Werk geworden, ihr erstes Soloalbum, spontan im Angang, grundiert von den Themen, die sie in ihrem Sabbatical beschäftigt haben. Nichtsnutz feiert die Freuden eines pflichtfrei vergammelten Tags. Danke, ich hab schon ist eine munter voranpreschende Konsumverzichtshymne wie aus alten Helden-Tagen. Ein leichtes Schwert, der Titelsong, gibt der Hoffnung Ausdruck, exakt gesetzte Schläge mögen im Leben zielführender sein als tumbe Kraftakte. Und natürlich ist auch den Mühen junger Elternschaft ein Stück gewidmet. Im Video zu Liebe Teil 2 – jetzt erst recht sieht man sie all die Sachen abkriegen, die herumfliegen, wenn Kleinkinder ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen – ein Martyrium im Slapstick-Format. Es müffelt ein bisschen in diesen Liedern, nach Hausschuhen, verschwitzten T-Shirts und Babykotze. Im Vergleich mit, sagen wir, Lady Gaga, ist der Glamourfaktor stark begrenzt, zum gängigen Radiofutter verhält der Holofernessche Hausmacherpop sich wie ein Strickpullover zu einem Abendkleid, aber genau das hat sie den vielen, mühsam auf Zielgruppe gebürsteten Industrieprodukten voraus. Die Judith macht nicht auf Hochglanz. Die Judith erzählt aus dem Alltag.

Dass ein Bedarf nach solchen Geschichten besteht, erstaunt wenig. Anleitungen zum Glück, Stressbewältigungsbüchlein, Anti-Burn-out-Fibeln – die einschlägige Literatur füllt Regalmeter. Die gebildeteren Stände greifen zu Tom Hodgkinsons populärphilosophischen Lobliedern auf die Faulheit, wer es wissenschaftlich fundiert haben möchte, lässt sich vom französischen Soziologen Alain Ehrenberg erklären, warum Erschöpfung die Krankheit der Zeit ist. Erstaunlich ist eher, dass die Popmusik diesseits des Schlagers das Thema bislang vernachlässigt hat. In dieser Gemengelage schließt Judith Holofernes eine klaffende Lücke. Müüüdööö – keiner singt das unscheinbare Wort so sorgenvoll sedierend wie sie, man weiß nicht, ob hier ein Kind einem Erwachsenen Trost zuspricht oder umgekehrt. Es gibt aber auch aufrüttelnde, von Demo-Chören begleitete Songs wie Platz da: "Mach dich bunt, mach dich grell, mach nicht fiep, mach Gebell!" In solchen Momenten klingt sie wie eine Kreuzberger Jeanne d’Arc, die dem Heer der vom Leben Überforderten voranschreitet.