Im vergangenen Oktober machte Frank Pöpsel, Chefredakteur von "FOCUS Money", eine merkwürdige Entdeckung. Auf der Website von Anton Hofreiter, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, fand er eine Reihe auffällig schlicht, fast unbeholfen formulierter biografischer Angaben: Ich bin ein Politiker von den Grünen. (...) Ich habe mich gekümmert, damit unser Fluss, die Isar, wieder sauberer wird. Und dass die S-Bahnen und Busse besser und öfter fahren. Ich habe mich auch gekümmert, dass Solar-Anlagen gebaut werden. Solar-Anlagen sind gut, weil sie uns Strom oder warmes Wasser bringen – aber der Umwelt nicht schaden. Ich habe auch im Bayerischen Landtag mitgearbeitet. Bei zwei Abgeordneten. Abgeordnete sind Politiker, die bei Wahlen gewählt werden. Seit 2005 bin ich auch ein Abgeordneter. In Berlin, im Bundestag.

Im Editorial seines Magazins fiel Pöpsel dann mit Häme über den Politiker her, der die Menschen "für dumm verkaufen" und den Genitiv abschaffen wolle. Doch statt Applaus gab es ordentlich was hinter die Ohren. Dem Focus-Mann war verborgen geblieben (oder egal gewesen), dass der Text auf Hofreiters Homepage eine Übersetzung war. Von der üblichen, der "schweren" Sprache in "Leichte Sprache". So übersetzt, können ihn nämlich auch Interessenten verstehen, die es mit dem Lesen schwer haben: Menschen mit geistiger Behinderung, funktionale Analphabeten oder Ausländer, besonders Migranten.

Leichte Sprache ist ein schriftliches Kommunikationssystem mit eigenen Regeln, eigenen Übersetzern, eigenem Schrifttum. Eine linguistische Welt für sich, die sich gerade mit beachtlichem Tempo neben der bekannten Welt der "schweren Sprache" etabliert. Die Spezialsprache verlässt inzwischen die Sphäre der Behinderung, und gelegentlich begegnen ihr auch schon Leute ohne erkennbare Leseprobleme. Wie Frank Pöpsel. Der hat sich später auf Facebook gewunden entschuldigt: "Nichts lag mir ferner, als mit meinem Kommentar Behinderte oder Menschen mit Leseschwäche zu diskriminieren oder auszugrenzen."

Dass Leichte Sprache aber der Allgemeinheit noch wenig bekannt ist, wird sich bald ändern. Wer suchet, der findet schon heute – Leichte Sprache benutzen bereits manche Kommunen in ihren Internetauftritten. Bremen fasst seinen Webauftritt in Leichter Sprache zusammen, stellt sein Rathaus in Übersetzung vor, und die Finanzsenatorin beschreibt ihre Arbeit ebenfalls – wahlweise – in schwerer und leichter Sprache. Auf hamburg.de wird der Fahrdienst für behinderte Menschen in Leichter Sprache erläutert. Ganz vorn bei der Leseerleichterung ist Köln. Auf stadt-koeln.de entdeckt man das blaue Logo für Leichte Sprache sofort, einen Smiley mit Buch und dem Daumen hoch. Klickt man ihn an, landet man zum Beispiel bei der Hundeanmeldung. Hier ist zu lesen:

Wenn Sie einen Hund haben:

Dann müssen Sie Hunde-Steuer bezahlen.

Es ist Ihre Pflicht:

Ihren Hund anzumelden. Wenn Ihre Hündin schwanger ist und Babys bekommt:

Dann dürfen die jungen Hunde 6 Monate alt werden.

Nach den 6 Monaten müssen Sie die Hunde innerhalb von 4 Wochen anmelden.

Ebenso kurz und bündig wird erklärt, wie man einen Personalausweis bekommt, welche sozialen Leistungen einem Ausländer zustehen und wo man eine Sterbeurkunde beantragt:

Wenn jemand tot ist,

bescheinigen wir seinen Tod durch eine Urkunde.

Diese Urkunde nennt man Sterbe-Urkunde.

Das Bundessozialministerium hat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Leichte Sprache übertragen. Auf bundesregierung.de findet sich ein Knopf für Leichte Sprache an prominenter Stelle, ganz oben rechts. Während des Bundestagswahlkampfes 2013 erklärten erstmals alle im Bundestag vertretenen Parteien ihr Programm wahlweise auch in Leichter Sprache. Und so lautet die CDU-Sicherheitspolitik in leicht:

Deutschland soll ein sicheres Land bleiben.

Wir wollen:

Mehr Über-Wachung.

Mit Kameras.

Verbrecher sollen mehr Angst haben.

Davor, dass sie gefasst werden.

Und davor, dass sie bestraft werden.