"Jurastudium? Kannst du dir abschminken", hat mich mein Vater schon früh gewarnt. "Du als Professorenkind wirst Dichterin und damit basta!" Ich habe mich gefügt, ohne zu klagen, habe Rilke gelesen und die Sonettform geübt, während Florian Kessler sich in Hamburg eine Hornbrille kaufte.

Über diese Brille ist er nun ins Zweifeln geraten, wie er in der ZEIT vom 16. Januar mitteilt. Durch die großen Gläser wirkt sein Gesicht ein wenig verschreckt, aber das ist nicht sein Problem. Für ihn symbolisiert diese Brille all die charmante Hochstapelei und das In-Group-Verhalten, durch das er allzu leicht in den Literaturbetrieb hineingeglitten ist. Der Weg dorthin sei für ihn "durchlässig wie Badeschaum" gewesen, klagt Kessler. Dabei hat er noch keinen einzigen Roman veröffentlicht, nicht einmal ein Sonett. So versinnbildlicht er genau das, was er selbst kritisiert: einen jungen Menschen, der auf Betriebsveranstaltungen herumsteht, anstatt zu Hause über Texten zu brüten, der lieber über den Betrieb redet, als sich relevanteren Themen zuzuwenden, und der nur sein unmittelbares Umfeld wahrnimmt, ohne nach links oder rechts zu schauen.

Dort hätte er womöglich bemerkt, dass Saša Stanišić und Olga Grjasnowa, die er zusammen mit Clemens Meyer als Gegenpart zu den Akademikerkindern aufstellt, ebenfalls studierte Eltern haben. Gönnerhaft räumt er zwar selbst ein, dass auch "jemand mit Häkchen über dem Namen humanistische Bildung genossen haben kann", seine Kategorisierung aber bleibt peinlich und zu kurz gegriffen.

Kessler verquickt in seinem Essay verschiedene Kleinaufregungen, die nur bedingt miteinander zu tun haben und schon gar nicht zu einem großen Literaturskandal führen. Von den Zwanzigjährigen, die schon grausam souverän das leere Betriebsvokabular beherrschen, springt er zu der aus zu gutem Hause stammenden Juli Zeh. Diese spricht zwar häufiger über Schwachstellen der Demokratie als über Betriebstratsch, aber irgendwo scheint Kessler da einen Zusammenhang zu sehen. Schuld an allem Unglück, so Kessler, sei jedenfalls das Bildungsbürgertum. Aber ist es allen Ernstes die Bildung, die Autoren zu braven Konformisten macht und der Literatur alle Ecken und Kanten nimmt? Das Bildungsbürgertum liegt mittlerweile im Sterben, aber mit seinen letzten Atemzügen soll es nun auch noch die Literatur ruinieren.

Wünscht sich Kessler jetzt eine Quotenregelung? Das habe schon im Bitterfelder Weg der DDR nicht funktioniert, gibt Marc Reichwein in der Welt zu bedenken. Das Problem ist jedenfalls komplexer, als Kessler es darstellt. Herkunft ist nicht so homogen, wie er annimmt, und ein Lebenslauf diffiziler als die Nennung eines elterlichen Berufs.

Es geht zum anderen aber auch um das Bild des Schriftstellers, dessen Biografie Kessler offenbar für die Grenze des Beschreibbaren hält. An diesem Schriftstellerbild festzuhalten stimmt grundsätzlich nicht mehr und hat auch nie gestimmt.

Es ist eine Inszenierung, die eine schmale Kunstsparte, die Literatur, als Bühne nimmt und auf dieser auch nur jenen von allem Trivialen und rein Unterhaltenden abgestaubten Teil, Prädikat: besonders wertvoll – eine Ecke, die nur bestimmten Menschen erstrebenswert erscheint. Dass Kessler einen fundierten Einblick in die Hochhaussiedlungen der Republik haben möchte, sich aber keinen Millimeter von der ihm liebsten Ausdrucksform wegbewegt, dem bürgerlichen Roman nämlich, zeigt eine womöglich noch größere Milieuverstiegenheit als die Roland-Barthes-gesättigten Auswahlverfahren der von ihm beschriebenen Universität.

Anstatt das zehnte Seminar zur Literaturvermittlung zu besuchen ("Wie mache ich eine Lesung peppig"), hätte er sich besser in eine Vorlesung zur politischen Philosophie verlaufen. Antonio Gramscis Konzept des organischen Intellektuellen hätte ihm etwas sagen können und seinen Thesen eine Stoßrichtung gegeben. So bleibt am Ende nur, dass Kessler sich mehr Herausforderungen auf seinem bisherigen Karriereweg gewünscht hätte. Nun, für alles kann der Betrieb nicht herhalten, die Aufgaben, an denen wir wachsen, müssen wir uns schon selber stellen, und die Relevanz bringen wir und nur wir in die eigene Arbeit. Für neue Brillen gibt es Fielmann.