Markus Lanz hat ein unprofessionelles, ja nervendes Interview mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht geführt, das – sagen wir’s so – der Wahrheitsfindung nicht gedient hat. Doch der eigentliche Skandal ist der Shitstorm, der nachdenkliche Menschen in die Depression treiben müsste. Bis jetzt sind es 226.000, die Lanz per Mausklick aus dem ZDF werfen wollen.

Gab’s nicht schon bei den alten Griechen eine tönerne Form des Scheiße-Orkans – das Scherbengericht? Ja, und auch damals ohne formelle Anklage und Verteidiger. Aber: Es musste ein Quorum her von mindestens 6.000 Athenern und eine Abkühl-Pause. Zwischen dem Votum für einen Ostrazismus und der eigentlichen Abstimmung über die Verbannung (zehn Jahre) mussten zwei Monate liegen. So wurde verhindert, dass jemand durch eine selbst erwählte Minderheit in der momentanen Aufwallung aus Athen vertrieben wurde (er behielt Bürgerrechte und Besitz).

Doch schon damals gab es Schmu. Organisierte Gruppen kritzelten in Heimarbeit massenhaft den Namen des Verhassten auf Scherben – sozusagen "one man, many votes". Oder Geschäftsleute verkauften vorfabrizierte Scherben an jene, die nicht schreiben konnten. So lief der "Mausklick" in der Antike. Heute bieten die Nachfahren kommerzielle "Shitstorm-Pakete" in den Größen von S bis XL an – von 5.000 bis 20.000 Euro. Warum auch nicht? Denn anders als bei einer rechtsstaatlichen Prozedur sind Klarnamen nicht nötig.

Im Vergleich zu biblischen Zeiten ist das kein Fortschritt. Beim Steinigen mussten die Henker noch offen antreten; heute schleudern sie die Brocken aus dem Dunkeln. Kollege Peter Kümmel (ZEIT Nr. 14/13) schreibt zu Recht: "Eigentlich handelt es sich beim Shitstorm um eine Steinigungs- und Verwünschungskultur. Bequemer ist die Genugtuung nicht zu haben."

In analogen Zeiten hieß es: "Kauft nicht beim Juden!" Heute ist die Verwünschungskultur digital. Früher musste ein Leserbriefschreiber noch die klappernde Olympia aus dem Schrank holen, Papier einspannen, tippen, streichen und neu tippen, eine Briefmarke auftreiben, den Brief zum gelben Kasten tragen. Er musste überlegen und formulieren, die Zeit verstrich – und die Wut verflog. Schon war eine Dummheit oder Gemeinheit weniger in der Welt. Heute reicht der Finger auf der Maus.

Es geht nicht darum, den Leuten das Maul zu verbieten. Es ist sowieso besser, Billionen von Elektronen aufzuscheuchen und so Dampf abzulassen, als mit echten Steinen zu werfen. Aber verwechseln wir nicht Volkes Stimmung mit Volkes Stimme. Aus gutem Grund schützt der Rechtsstaat den Angeklagten mit einem Wall von Rechten und Regeln. Aus gutem Grund ist die Demokratie eine repräsentative, die Meinungen bündelt und berät, die zwischen Stimmung und Abstimmung Bremsen einbaut wie Anhörung und mehrfache Lesung.

Das geht im Netz nicht, sagt der Realist. Er weiß auch, dass das Netz eine Waffe gegen die Autoritären ist, obwohl die Twitter-Brigaden weder die Grüne Revolution im Iran noch die demokratische in Ägypten vollenden konnten. Der Realist kennt aber auch die Gefahr, die von wechselnden Minderheiten (alias Shitstürmen) ausgeht. Die Griechen waren klüger: Zwischen dem Votum für ein Scherbengericht und dem eigentlichen Verfahren mussten zwei Monate liegen.