Im literarischen Leben Deutschlands herrscht Frieden. Die großen ästhetisch-ideologischen Antagonismen sind neutralisiert, die Überzeugungstäter haben sich vom Spielfeld getrollt, keiner spricht mehr mit Schaum vor dem Mund. Man teilt allenfalls verkniffen aus, weil man sich auf den Fuß getreten fühlt, nicht weil man meint, von der eigenen Position hänge das Schicksal der Welt ab. Für große Feindschaften reicht es da vorne und hinten nicht. Gleichgültigkeit, nicht Hass ist das höchste der Gefühle, das man aufbringt für das, was man für einen künstlerischen Irrweg hält.

Mit einer Ausnahme: Martin Mosebach. Die Nennung seines Namens spaltet die lesende Welt noch immer unmittelbar in Freund und Feind. Über den imaginären Grenzzaun hinweg zischen sich die Lager wütende Verwünschungen zu, weil sie die gegnerische Partei nicht nur für komplette Analphabeten halten, sondern für einen Krankheitskeim im Gewebe der Gesellschaft. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Martin Mosebach als Essayist über ein gepfeffertes polemisches Temperament verfügt – nicht gekommen, der Gegenwart Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Das Blutbuchenfest heißt der neue Roman von Martin Mosebach – und das kann man schon mal sagen: Das Lager der Mosebach-Feinde wird vor so viel Witz und Menschenkenntnis die Waffen strecken müssen. Dieser Roman ist von so lässiger Meisterschaft und zugleich von einer so radikalen Eindringlichkeit, dass man nicht mehr damit durchkommt, sich über die Einstecktücher seines Verfassers lustig zu machen und den Kopf zu schütteln, weil er Sofa mit ph schreibt.

"Sofa mit ph" und Einstecktuch sind die populärsten Topoi der Mosebach-Kritik, weil man in ihnen Indizien für seinen Eskapismus erkennen wollte: Wer eine alte Schreibweise favorisiert, hat zur Gegenwart nichts zu sagen. Wer ein Einstecktuch trägt, bewegt sich in einem abgehobenen Milieu. Beide Einwände waren schon immer gegen alle Evidenz von Mosebachs Erzählwelten erhoben. Seine Romane haben ein diebisches Vergnügen, alle Ränder der Gesellschaft, nach oben wie nach unten, zu erkunden, das Frankfurter Bahnhofsviertel ebenso wie indische Königshöfe. In einem Bettler den König, in einem König den Bettler, im Mächtigen die Ohnmacht, im Ohnmächtigen die Macht zu erkennen ist geradezu Mosebachs Spezialität! Nur dem juste milieu, das selbstzufrieden in der Mitte thront, geht es an den Kragen.

Das Blutbuchenfest spielt in Frankfurt und, zum kleineren, aber nicht minder wichtigen Teil, in einem bosnischen Bergdorf. Die Zeit der Handlung ist jenes kurze Intermezzo weltgeschichtlichen Aufatmens zwischen Mauerfall und Beginn des jugoslawischen Bürgerkriegs, als man sich der Illusion hingab, das Ende der Geschichte zu erleben. Doch dann erhob eine ältere Geschichte der Verfeindung, die der Kalte Krieg nur unterdrückt, nicht überwunden hatte, ihr Haupt.

Mosebach hat für seinen Roman ein unwiderstehliches Figurenkabinett geschaffen. Da gibt es Wereschnikow, der mit seinen Beziehungen zu den Großen der Welt prahlt. Alles, was er sagt, ist pompös und gewichtig, er ist ein Genie der Schamlosigkeit, wenn es darum geht, die Bedeutung der eigenen Person herauszustreichen. Wereschnikow plant einen Kongress über die Menschenwürde auf dem Balkan, sich selbst sieht er als Überbringer einer zivilisatorischen Idee und lässt einfließen, Jack Lang habe ihn seiner rückhaltlosen Unterstützung versichert ...

Da gibt es Frau Markies, deren wichtigster Körperteil ihre Ellenbogen sind, mit denen sie sich ihren Platz an der Sonne erkämpft hat. Da gibt es Rotzoff, der seine Werbeagentur gegen die Wand gefahren hat, aber kleinlaut hat ihn das nicht gemacht, im Gegenteil. Er ist die Verkörperung der hässlichen Wahrheit, dass Frechheit siegt: je wackliger seine materielle Basis, desto unverfrorener das Schreckensregiment seiner Beleidigungen. In Merzingers Restaurant, wo sich alle über den Weg laufen, muss Rotzoff anschreiben lassen. Merzinger wiederum ist der geborene Gastronom: Er sieht alles und weiß von nichts. Er verfügt über eine buddhistische Seelenruhe, die von Indolenz kaum zu unterscheiden ist – anders würde er wohl die dröhnenden Aufgeblasenheiten seiner Gäste nicht ertragen. Als Merzinger nicht länger gewillt ist, Rotzoff Kredit zu geben, plant dieser ein großes Fest, um mit dem Verkauf der Einladungen seine Schulden zu begleichen. Stattfinden soll das Fest im Garten von Herrn Doktor Glück, dem mächtigen Vorstandsmitglied einer Frankfurter Bank, der aber als Privatperson und Gast bei Merzinger immer einen leicht verwaschenen Eindruck macht und sich in eigentümlichen Anfällen von Willenlosigkeit gerne von Rotzoff hin und her stupsen lässt.