DIE ZEIT: Herr Röttgen, wie groß ist eigentlich Deutschland?

Norbert Röttgen: Größer als die anderen in Europa, aber die anderen zusammen sind größer als wir.

ZEIT: Was folgt daraus für Deutschland?

Röttgen: Unsere Partner erwarten von uns nicht größere Bescheidenheit, sondern mehr Verantwortung. Wir sind wirklich befreit von wilhelminischen Attitüden, die Angst vor Größenwahn besteht in Europa nicht mehr. Aber man fragt, ob die Deutschen die Verantwortung, die sie als größte Volkswirtschaft auch politisch haben, objektiv wahrnehmen.

ZEIT: Was antworten Sie?

Röttgen: Deutsche Politiker müssten mit deutschen Bürgern viel mehr darüber reden, dass wir Verantwortung haben, sowohl für das Gemeinsame in Europa als auch für die wirksame Wahrnehmung deutscher Interessen. Wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen, wie verflochten wir sind.

ZEIT: Sind wir zu wenig solidarisch?

Röttgen: Nein. Aber wir verwechseln zu oft europäisches und internationales Engagement mit Solidarität, obwohl es in Wahrheit oftmals um unsere Interessen geht – und um unsere Verantwortung.

ZEIT: Warum schließt die Bundesregierung, wenn es ums Militärische geht, als Erstes immer bestimmte Maßnahmen aus? In Libyen hieß es: Keine Unterstützung der Flugverbotszone! In Mali: Keine Kampftruppen! Jetzt, in Zentralafrika: Keine Bodentruppen!

Röttgen: Es gibt in der Tat Anzeichen für eine Haltung, die lieber beiseitesteht, als in Aktion zu sein. Wir sollten keine Grundsatzhaltung entwickeln nach dem Motto "Wir sind erst mal nicht dabei", und dann schauen wir, was andere machen. Natürlich gibt es weiterhin höchsten Rechtfertigungsbedarf für sicherheitspolitische Aktionen, besonders mit einer Parlamentsarmee wie der unseren. Aber ich bin dagegen, dass wir uns dahinter verstecken. Für das Wichtigste halte ich, dass wir der Krisenprävention in ihrer ganzen Bandbreite mehr Aufmerksamkeit widmen und mehr Geld für sie ausgeben.

ZEIT: Sollte die deutsche Vergangenheit in solchen außenpolitischen Fragen noch eine Rolle spielen?

Röttgen: Nein, sollte sie nicht. Von außen wird sie uns nicht mehr vorgehalten, und die Bevölkerung sieht sie nicht als Hindernis an, uns zu engagieren. Bei Einsätzen der Bundeswehr geht es stets und ausschließlich um die Abwendung von humanitären Katastrophen oder darum, Kriege zu verhindern. Ich fände es paradox bis pervers, dagegen unsere Geschichte zu bemühen. Ich finde, wir sollten uns vielmehr auch einmal kritisch hinterfragen, in dem Sinne: Ist diese Haltung nicht auch ein wenig bequem?